Unicef-Bericht Für jedes zehnte Kind gehört der Krieg zum Alltag

Viele Millionen Kinder wachsen in größter Armut auf – hier in Indien. Foto: AP
Viele Millionen Kinder wachsen in größter Armut auf – hier in Indien. Foto: AP

Das Kinderhilfswerk Unicef mahnt mehr Hilfe für Kinder in Krisen- und Konfliktgebieten an. Die Spendenbereitschaft bei Katastrophen sei stets höher, heißt es im Unicef-Report 2015. Dabei bräuchten Kinder in Konfliktregionen über einen deutlich längeren Zeitraum Hilfe.

Korrespondenten: Knut Krohn (kkr)

Berlin - Die Zahlen sind erschreckend. Nach Angaben von Unicef wächst jedes zehnte Kind weltweit in einem Kriegsgebiet auf. Das Kinderhilfswerk der UN rechnet in seinem neuen Bericht „Kinder zwischen den Fronten“ vor, dass derzeit rund 230 Millionen Kinder in ihren prägenden Lebensjahren Unsicherheit, Hass und Gewalt erleben – und die Situation wird sich nicht verbessern.

Er gehe davon aus, dass die Zahl der Minderjährigen, die in Konfliktgebieten und instabilen Staaten leben, in den kommenden drei Jahren noch weiter ansteigen wird, sagte Unicef-Programmdirektor Ted Chaiban am Dienstag bei der Vorstellung des Berichts in Berlin. „Wir erleben weltweit eine der schlimmsten Phasen von Konflikten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs“, so der Unicef-Chef. „Es besteht die Gefahr, dass ganze Generationen von Kindern Gewalt und Instabilität als normalen Teil ihres Lebens ansehen.“

Kinder leiden am meisten im Krieg

Die schwersten Misshandlungen, so steht es in dem Unicef-Bericht, drohten Kindern aktuell in Syrien, im Irak, im Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik. „Mädchen und Jungen werden direkt zur Zielscheibe von Gewalt, entführt und versklavt“. Gruppen wie die Terrormilizen Islamischer Staat (IS) und Boko Haram missachteten die Prinzipien des humanitären Völkerrechts bewusst, um dadurch maximale Aufmerksamkeit zu erregen. Trotzdem übten sie bedauerlicherweise vor allem auf einige junge Menschen eine gewisse Faszination aus, stellt der Unicef-Bericht fest. „Ideologien wie die des IS versprechen Abenteuer, soziale Nähe und das Gefühl, Grenzen überwinden zu können, die Jugendlichen im Alltag auferlegt werden“, ist dort zu lesen.

Bei der Präsentation des Berichts in Berlin mahnten die Vertreter des Hilfswerks mehr Unterstützung für die Kinder in den Krisen- und Konfliktgebieten an. Die Spendenbereitschaft bei Katastrophen sei stets höher, gab Unicef-Vorstand Jürgen Heraeus zu Bedenken. Dabei bräuchten Kinder in Konfliktregionen über einen deutlich längeren Zeitraum Hilfe. Nach Schätzungen des Hilfswerks benötigen allein in diesem Jahr mehr als 62 Millionen Kinder in Krisengebieten Nahrung, sauberes Wasser, medizinische Hilfe, Notschulen und Schutz vor Gewalt. Unicef rechnet mit Kosten von mehr als drei Milliarden US-Dollar (rund 2,7 Milliarden Euro) für diese Grundversorgung der Kinder.

Die Spendenbereitschaft geht zurück

Gleichzeitig rief die UN-Organisation die Spender auf, bei humanitärer Hilfe nicht nur an Nahrung, Kleidung und Obdach zu denken, sondern auch an Schulbildung für die jungen Kriegsopfer. Deutschland gehört zu den wichtigsten Geldgebern der Unicef-Schulprojekte für syrische Flüchtlingskinder. Der Unterricht sei wichtig, damit diese Kinder und Jugendlichen „einen Blick auf die Welt bekommen, der von Hoffnung geprägt ist und nicht von Hass“, sagte Ted Chaiban.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) kritisierte in dem Unicef-Bericht die aus seiner Sicht mangelhafte Spendenbereitschaft für die Flüchtlinge und Vertriebenen aus Syrien. „Die Weltgemeinschaft muss reagieren und ihre Zusagen einhalten“, betonte Müller. Angesichts der Vielzahl von Krisen, die bereits seit Jahren andauerten, habe auch die Spendenbereitschaft von Privatleuten für die Hilfe in diesen Regionen nachgelassen. Für Entwicklungsminister Müller bedeutet diese Entwicklung, dass „wir Hunderttausende, Millionen von Kindern einfach ihrem Schicksal überlassen.“




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