Universität Hohenheim Der Natur den Kopf verdreht

Von Lisa Wazulin 

Ob Hibiskus, Sonnenblume, Zimmerpflanze oder Kirschbaum – Alina Schick kann sie alle waagrecht an Wänden wachsen lassen. Mit ihrer ungewöhnlichen Erfindung hat die Hohenheimer Wissenschaftlerin gehörigen Wirbel ausgelöst.

GraviPlants könnten Städte, aber auch Wohnungen grüner machen. Foto: privat
GraviPlants könnten Städte, aber auch Wohnungen grüner machen. Foto: privat

Hohenheim - Angefangen hat alles mit den Sonnenblumen. Statt zum Himmel wuchsen diese kerzengerade von links nach rechts und versetzten nicht nur die Wissenschaft in Staunen, sondern auch die Medien. „Das plötzliche Interesse an den GraviPlants hat mich überrascht“, sagt Alina Schick. Die Biologin erforscht an der Uni Hohenheim Pflanzen in ungewöhnlichen Lebensräumen, etwa im Weltall.

Schwerkraft der Pflanzen verändert

Um das Verhalten der Pflanzen in völliger Schwerelosigkeit auf der Erde zu simulieren, hat Schick die Wahrnehmung der Pflanzen ausgetrickst. Das funktionierte auf der Basis der Klinostate. Diese haben die Wahrnehmung der Schwerkraft bei Pflanzen durch Drehung in die waagerechte Lage verändert. So lenkte Schick den Wuchs ihrer Blumen in neue Bahnen – die GraviPlants waren geboren.

Mittlerweile kann die Biologin neben Hibiskus und Sonnenblumen sogar Bäume an der Wand wachsen lassen. Unternehmen aus den Arabischen Emiraten und aus Mexiko haben schon an ihre Tür geklopft.

Häuserfassaden als ideale Orte

Als die Medien im vergangen Jahr davon Wind bekommen haben, stand Schicks Projekt noch am Anfang. „Alle wollten wissen, wann die Pflanzen als Produkt auf den Markt kommen“, erinnert sich Schick. Dabei wollte die Biologin ursprünglich mit ihrer Forschung menschliche Räume lebenswerter machen: In Megastädten, wo viele Menschen auf engem Raum leben, ist der Platz für Grün begrenzt. „Häuserfassaden, die sonst ungenutzt bleiben, sind eine ideale Fläche für die waagrechten Pflanzen“, erklärt Schick.

Aber was ist so besonders an diesen Auswüchsen, die sich scheinbar den Gesetzen der Natur entziehen? Schon heute dienen normale Kletterpflanzen zur Verschönerung von Beton. „Fassadenbegrünung liegt im Trend, ist aber sehr aufwendig. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern habe ich ein Pflanzensystem entwickelt, das ohne Gärtner oder menschliches Eingreifen auskommt“, sagt Schick. Ihre drehenden Töpfe werden mit einem Aufstecksystem an der Wand befestigt, in den Blumentöpfen steckt ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem; die Energie für die Drehung liefern Solarzellen. Ihr System hat Schick als Patent angemeldet.

Von der Zimmerpflanze bis zum Kirschbaum, Schick hat sie alle schon gedreht: „Wir können heute mehr als 20 verschiedene Arten waagrecht wachsen lassen. Allerdings ist ein stabiler Stamm für die Drehung entscheidend.“ Ein Nebeneffekt, den die Drehung der Bäume mit sich bringt, ist das veränderte Wachstum: Die Bäume bleiben klein, es entstehen Miniaturbäume, deren Äste rund um den Stamm wachsen und so eine Kugelform bilden.

Den Pflanzen gehe es gut

Schädlich für die Bäume ist diese Drehung nicht. „Viele fragen, ob das Drehen die Blumen nicht krank macht“, erzählt Schick. Den Pflanzen gehe es aber gut, ihnen werde hier ein neuer Lebensraum geboten, beteuert die Biologin.

Schicks Konzept wird mittlerweile auch vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert. Das sogenannte Exist-Programm unterstützt Absolventen und Wissenschaftler bei Unternehmensgründungen.

„Ich möchte nicht nur Grundlagenforschung betreiben, sondern Forschung im Alltag nutzbar machen“, sagt Schick. Dafür sei es wichtig, die GraviPlants als Produkt den deutschen und internationalen Märkten zugänglich zu machen. Deshalb gründet die Biologin derzeit eine Firma. Gemeinsam mit ihrem Team sucht sie nun Investoren.

Export nach Mexiko oder Dubai?

„Wir stehen schon im Dialog mit Unternehmen aus Dubai und Mexiko“, sagt Antonis Iliadis. Er studiert in Hohenheim Wirtschaftsmanagement und ist Teil des Gründungsteams. Um die ersten GraviPlants für Dubai oder Mexiko nutzbar zu machen, benötigt das Team zunächst einen finanzierten Prototyp. „Wir müssen ihn ein halbes Jahr lang unter Bedingungen wie Hitze und Sand testen. Wenn ein Unternehmen das finanziert, gibt es dafür ein Vertriebsrecht in diesem Land“, erklärt Iliadis.

Unterstützt werden Iliadis und Schick von Arne Augustini, der jahrelang Unternehmen im Ausland geleitet hat. Gemeinsam wollen sie jetzt die Gründung ihres Unternehmens abschließen, um die GraviPlants auf den Markt und an die Wände zu bringen.

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