Universität Stuttgart arbeitet Nazi-Vergangenheit auf 440 Opfer von Unrecht und Verfolgung ermittelt

Von Heidemarie A. Hechtel 

Warum erst 2017? Die Universität Stuttgart hat ihre nationalsozialistische Vergangenheit aufgearbeitet und eine Dokumentation des Unrechts und der Verfolgung von 440 Personen vorgelegt.

Wolfram Ressel Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Wolfram Ressel Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - „Warum erst 2017?“ Die nächstliegende Frage nimmt Wolfram Ressel, Rektor der Universität Stuttgart, gleich selbst vorweg. Fast 72 Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft will die Hochschule jenen Menschen späte Gerechtigkeit widerfahren lassen, die aus rassischen oder politischen Gründen ausgegrenzt, verfolgt, relegiert, ausgebeutet und menschenverachtend behandelt wurden. Ressel gibt auch eine Antwort: Recherchen seien schon viel früher angestellt und seit 1995 auch immer wieder Gespräche mit Zeitzeugen geführt worden. „Aber jetzt wollten wir es wirklich wissen und haben für 80 000 Euro eine Studie in Auftrag gegeben.“

Nun liegt die Dokumentation „Verfolgung und Entrechtung an der Technischen Hochschule Stuttgart während der NS-Zeit“ vor: 600 Seiten dick und schicksalsschwer. Die Bedeutung der Publikation unterstrich die Universität mit einer Gedenkveranstaltung mit mehr als 300 Gästen aus Universität, Politik und Öffentlichkeit, vor denen sich die Hochschule zu ihrer Urheberschaft und Mittäterschaft im NS-Unrechtsregime bekannte. Eingeladen waren dazu auch Angehörige der damals Geschädigten, die Rektor Ressel „im Namen der Universität um Entschuldigung für das erlittene Unrecht in der NS-Zeit durch die Universität Stuttgart“ bat.

Mitarbeitern ist Unrecht geschehen

Vier Jahre haben Norbert Becker, Leiter des Universitätsarchivs, und seine Mitarbeiterin Katja Nagel seit 2013 für diese Dokumentation geforscht, Akten gewälzt, Spuren im Internet verfolgt und jede nur mögliche Quelle aufgetan. Unter erschwerten Bedingungen, wie Becker betont, weil das Uni-Archiv im Krieg verbrannt ist. Und man habe sich in dieser Studie keineswegs nur auf betroffene Professoren beschränken wollen. Ihre Namen seien ebenso wie die Themen Aberkennung von Doktorgraden und Ehrenmitgliedschaften längst bekannt und gewürdigt. Ziel war es vielmehr, alle Mitglieder der Technischen Hochschule zu ermitteln, denen Unrecht widerfuhr: Professoren, Assistenten, Studierende, Mitarbeiter in Technik und Verwaltung und auch Zwangsarbeiter. Damit sei dieses Projekt in der deutschen Hochschullandschaft einzigartig.

Ermittelt wurden 440 Personen: Elf Prozent der Professoren und mindestens neun Prozent der Assistenten wurden entlassen, zwei Prozent der Studierenden diskriminiert und zwangsexmatrikuliert, und wenigstens 292 Zwangsarbeiter sind beschäftigt worden. Zwei Karteikarten verdeutlichen die Schicksale: Eine gelbe, die neben dem Stempel „Jude“ allein schon durch die Farbe die rassische Zugehörigkeit von Georg Liebel ausweist, der am 12. November 1938 seinen Studienplatz verlor. Oder die Karte für Otto Eberwein, der Architektur studierte und einer roten Studentengruppe angehörte. Andere Studenten hätten darauf gedrungen, dass diese Kommunisten entfernt werden. Dagegen habe an der Universität Tübingen kein einziger kommunistischer Student seinen Studienplatz verloren.

Der Rektor war NS-Anhänger

„Verfolgung und Entrechtung hier waren hausgemacht“, betont Becker. Nicht nur durch linientreue Kommilitonen, sondern vor allem durch die Rektoren, von denen Wilhelm Storz der strammste NS-Anhänger und ein Mitglied der NSDAP der ersten Stunden gewesen sei. Von ihm wisse man, dass er zwei Studierende wegen Homosexualität relegiert habe. Auch Helmut Göring, einem Cousin des Reichsmarschalls Hermann Göring, hätten viele Studenten ihren Rausschmiss zu verdanken.

Becker und Nagel recherchierten im Staatsarchiv Ludwigsburg auch in Akten der Spruchkammern, jener Gerichte, die für die sogenannte Entnazifizierung eingerichtet wurden. Nicht nur, um zu erfahren, dass auch hier das Unrecht kaum Konsequenzen für die Täter hatte. Die Autoren wollten mithilfe dieser Akten und auch jener aus den Wiedergutmachungs- und Entschädigungsverfahren auch auf Zeitzeugen stoßen: Tatsächlich konnten sie die weiteren Schicksale von 301 Personen verfolgen. Von Kurt Lingens kann man jetzt beispielsweise unter vielen anderen Biografien lesen, dass er in Stuttgart als Kommunist geschasst wurde, sein Studium in Wien fortsetzte, gefährdeten jüdischen Mitbürgern half, die Gestapo-Haft nach der Denunziation überlebte und als Arzt 1948 in die USA übersiedelte.

Sohn Verfolgter zu Gast an der Uni

Dem Thema Zwangsarbeiter, so Becker, werde erst seit dem Jahr 2000 größere Beachtung geschenkt. Und da seien viele Firmen oder auch Institutionen wie die Kirche als Beteiligte aufgeschreckt. Die Zwangsarbeiter kamen aus Polen, UdSSR, Frankreich, Belgien, Niederlande, Jugoslawien und Italien. Pauline Papkowa aus der Nähe des damaligen Leningrad gehört zu den Verschleppten aus dem Osten, die oft besonders schlecht behandelt wurden. Sie arbeitete vom März 1944 an als Putzfrau. Paolo Ribetta und seine Frau Adalgisa dagegen kamen freiwillig 1943 aus Italien nach Stuttgart. Als freie Bürger durften sie sich hier jedoch nicht fühlen. Auch sie wurden wie Zwangsarbeiter behandelt, eine vorzeitige Rückkehr in die Heimat war ihnen verwehrt. Ihr Sohn Marco, erst nach der Heimkehr in Bozen geboren, konnte den Autoren die Geschichte der Eltern erzählen und war Gast bei der Gedenkveranstaltung.

Die Dokumentation, herausgegeben von der Universität Stuttgart, ist im Buchhandel erhältlich. (www.uni-stuttgart.de)

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