Unser Stuttgart-Album erinnert an den Piz Mus Der legendäre Skilift ist unvergessen

Von Uwe Bogen 

Von 1965 bis 1995 lief der legendäre Skilift vom Piz Mus. Was jüngere Menschen heute kaum glauben wollen: Das schöne Musberg war mal ein Wintersportort. Unser Stuttgart-Album erinnert an Spaß im Schnee.

Die Winterfreuden mit  dem legendären Skilift am Piz Mus währte bis 1995 – dann wurde die Anlage endgültig stillgelegt Foto: Thomas Hutzel 10 Bilder
Die Winterfreuden mit dem legendären Skilift am Piz Mus währte bis 1995 – dann wurde die Anlage endgültig stillgelegt Foto: Thomas Hutzel

Stuttgart/Leinfelden-Echterdingen - Zwei Stunden, 300 Meter, zwei Minuten. Das sind Messungen aus einer anderen Zeit. Aus einer Zeit, als der Winter noch ein Winter war und man seine alpinen Skifreuden unweit einer Großstadt ausleben konnte. Was die Zahlenwerte bedeuten? Bis zu zwei Stunden musste man sonntags vor dem Piz-Mus-Schlepplift in Musberg anstehen, um 300 Meter in zwei Minuten runterzusausen.

Es gibt Ski-Fans, die sagen, vor dem Klimawandel sei der Piz Mus „das beste Skigebiet nördlich der Alpen“ gewesen. Die kindheitsprägende Erinnerungen an die ersten Schwünge auf Brettern sind so schön, dass man den Hügel vor den Toren Stuttgarts ein wenig glorifizieren darf. Der Mythos Piz Mus – von 1965 bis 1995 fuhr der Lift – wirkt bis heute. „Mit den Skiern sind wir in die Straßenbahn bis Echterdingen gefahren und dann mit dem Bus zum Piz Mus“, erinnert sich Jens Herzberg im Facebook-Forum des Stuttgart-Albums, „unten haben wir dann darauf gewartet, dass einer der Übermütigen in den Bach rauscht.“ Michael Horlacher blickt zurück: „Erst Flutlicht-Skifahren, danach Glühwein am Stand. War eine tolle Zeit.“ Stephan Bareiß hat noch „die Zehner-Liftkarte zum Abknipsen“ im Kopf.

Die Skisprungschanze ist 1955 eröffnet worden

Der Piz Mus heißt eigentlich Hauberg. Den neuen Namen verdankt der Hang dem bis 1966 amtierenden Musberger Bürgermeister Gustav Egler, der bereits 1952 mit dem Gemeinderat unterm Stichwort „Fremdenverkehr“ die Möglichkeiten von Sprungschanze, Skilift samt Süßwarenstand und einer Skiaufbewahrungsstelle erörtert hat.

Im Februar 1955 war der Schultes nah an seinem Ziel: Vor 600 Zuschauern eröffnete er eine Skisprungschanze oberhalb der Eselsmühle und taufte die Anlage auf den griffigen Namen Piz Mus. Als Tagesbester schaffte Lokalmatador Albert Röhrle die Sprungweite von 32 Metern. Beim Bau der Schanze hatte der spätere Chef des gleichnamigen Sportgeschäfts mitgeholfen und dafür Heizungsrohre verwendet. Danach versuchten sich sogar Stars wie Georg Thoma darauf. Wer dabei war, schwärmt noch heute von der „tollen Stimmung“. Manchmal seien bis zu 3000 Zuschauer unten gestanden. Sogar Nachtspringen gab es, mit Strahlern an Telegrafenmasten, die der in Musberg unvergessene Elektriker Karl Jehle montiert hatte.

Seit 1995 ruht der Lift

Musberg hat seinen Ruf als Skihochburg schon früh begründet. 1932 schrieb der „Filder-Bote“: „Welcher Schirgler Stuttgarts und der Filder kennt nicht den prächtigen Schihang bei Musberg, so recht geeignet für Anfänger und Kanonen.“ Die mussten alle noch selbst den Hügel hochsteigen. 1964 stimmte der Gemeinderat dem Bau eines Schlepplifts zu, den die Besitzer der Oberen Mühle ein Jahr später gestartet haben.

Seit dem Jahr 1995 ruht der Lift. Der Schnee blieb mit der Zeit immer häufiger aus. Aber das war nur ein Grund für das Emde des „besten Skigebiets nördlich der Alpen“. Denn Obendrein konnten sich die Erben des Besitzers nicht einigen, wie es weiter gehen sollte. Viel Geld hätten sie zur Sanierung der Anlage aufwenden müssten. Angesichts der schneearmen Winter hätte sich die Investition nicht gelohnt.

Die Zehnerkarte kostete sechs D-Mark für Erwachsene

Die vier Masten mit Seilen und Strahlern rosten heute auf der Wiese vor sich hin und erinnern an die legendäre Vergangenheit dieses Hangs. Lange Zeit war ein Schild mit folgender Aufschrift an der Talstation befestigt: „Achtung! Grasski dürfen nur mit Salatoel geoelt werden.“ Am ehemaligen Kassenhäuschen unten beim Bach hängt noch heute die Preisliste mit inzwischen ausgebleichten Zahlen. Man kann sie kaum noch lesen. Die Zehnerkarte kostete damals für Erwachsene sechs D-Mark.

Diskutieren Sie mit unter www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen, zuletzt „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“.
Sonderthemen



Unsere Empfehlung für Sie