„Ich bin ein richtiges Stuttgartkind“, witzelt Alisha (24) – „born and raised“ auf der Hasenbergsteige, später ging’s mit der Familie auf die Weinsteige: „Ich habe meine Jugend in Mitte verbracht.“ 2017 begann Alisha das Studium in Heidelberg – Englisch mit Psychologie im Nebenfach. Im selben Jahr gründete Alisha gemeinsam mit Freund:innen den Verein Queerdenker* e.V.: „Uns fehlte ein Raum für queere Jugendliche.“ Aus dem Verein heraus entstand die Idee für ein Kultur- und Bildungsfestival, das dank einer Förderung im Jahr 2018 zum ersten Mal stattfinden konnte. Alisha gibt zu: „Wir waren etwas zu ambitioniert.“ Gleich drei Wochenenden nacheinander organisierten die Queerdenker ein Sommerfest auf der Kulturinsel, eine Open Stage Night im Merlin und Workshops. „Das war auch jugendlicher Leichtsinn“, lacht Alisha.
„Genau das will ich machen“
Dabei kommt Alisha gar nicht aus der Kunst- und Kulturszene. „Als Arbeiter:innenkind bin ich eher in der Gastronomie sozialisiert, mein Vater ist Kaffeeröster. In die Kunst und Kultur bin ich dank meiner Freund:innen eingetaucht und ich wusste direkt: Genau das will ich machen!“
2020 schlossen sich der Queerdenker* e.V. und das Projekt „100 Prozent Mensch“ unter Leitung von Holger Edmaier zusammen. „Holger hat uns von Anfang an unterstützt und mittlerweile arbeite ich selbst dort“, lacht Alisha. Zunächst im Social Media-Management tätig, übernimmt Alisha künftig die Projektleitung des Utopia Kiosks und tritt damit, wenn man so will, die Nachfolge von Sarah Dahme an. „Wir haben damals mit 100 Prozent Mensch eine queere Theke im Kultur Kiosk veranstaltet. Sarah kam auf Holger zu, da stand schon fest, dass sie den Laden verlässt“, erklärt Alisha die Übernahme der Räumlichkeiten im Erdgeschoss des Züblin Parkhauses. Finanziert wird der Raum von der Service Hüfner GmbH. Zeitlich befristet ist der Mietvertrag allerdings vorerst nicht. Offiziell steht die städtebauliche Neuordnung des Areals an der Schnittstelle zwischen dem Bohnen- und dem Leonhardsviertel weiterhin auf der Projektliste der Internationalen Bauausstellung (IBA) Region Stuttgart im Jahr 2027.
„Gerade im Stuttgarter Aktivismus brauchen wir wieder mehr Utopien“
Für Alisha geht mit dem Utopia Kiosk ein Traum in Erfüllung: „Ich möchte Räume schaffen für Kunst und Kultur, an dem queere Menschen zusammenkommen können.“ Die Pläne sind groß. Denn: „Utopien brauchen Räume und Räume brauchen Utopien.“
Alisha verrät: „Ich habe während meiner Bachelorarbeit an utopischen Potenzialen geforscht und was das für den Aktivismus bedeutet. Ich glaube, dass wir gerade im Stuttgarter Aktivismus wieder mehr Utopien brauchen. Wir müssen überlegen, welche Ideale und Ziele wir haben.“ Die Utopia Kiosk-Projektleitung ergänzt: „In Stuttgart streiten wir viel über Ressourcen. Wie können die Dinge, die etabliert sind weiter bestehen bleiben? Das ist gut und richtig. Aber wir haben vergessen, was es bedeutet, eine Welt zu träumen, die nicht heterosexuell ist, die nicht Cis-Gender ist, die tatsächlich verschiedene Menschen und diverse Blicke mit einbezieht.“
Daher auch der Wunsch nach einem Ort, mit dem das möglich ist: „Weil ich krass daran glaube, dass Kunst und Kultur die besten Mittel sind, um Utopien zu träumen, aber auch zu formen.“
Ausstellungen, Konzerte, Workshops: Utopia Kiosk mit buntem Programm
In Zukunft sollen Ausstellungen, Konzerte, Workshops und verschiedene Veranstaltungskonzepte den Utopia Kiosk mit Leben füllen. Darüber hinaus steht der Space offen für die Ideen der Stuttgarter:innen. Von Partizipation lebe das Konzept: „Ich hoffe wirklich, dass die Besuchenden das Konzept annehmen und es aktiv nutzen.“ Viele Dinge, die Alisha aktuell übernimmt, macht sie zum ersten Mal – von der Ausstellungskonzeption, zum Booking von Künstler:innen bis hin zu Sanierungsarbeiten. „Das Gute ist, dass ich ziemlich angstfrei bin. Selbst, wenn ich keine Ahnung habe, wie etwas funktioniert. Ich probiere es einfach aus.“
Der Kiosk soll von Donnerstag bis Samstag geöffnet sein – nicht nur zu Veranstaltungen, sondern auch zum Abhängen. Deswegen wird es auch ein Gastronomieangebot geben mit Getränken und Snacks. Mit einem Augenzwinkern verrät uns Alisha auch von einer extra Kaffeeröstung, nämlich der „Alisha-Blend“ ihres Vaters. Damit sich das auch wirklich alle leisten können, wird außerdem ein Solidarisches Preissystem eingeführt.
Alishas größte Hoffnung ist, dass der Utopia Kiosk mit der Zeit mehrere Menschen beschäftigen und fair bezahlen kann. „Wir wollen keine prekären Arbeitssituationen schaffen.“ Alisha ergänzt: „Außerdem bin ich eine weiße Person. Ich will den Raum für die BIPoC-Community öffnen und bin mir darüber bewusst, dass es nicht einfach ist, wenn nur eine weiße Person als Ansprechpartner:in zur Verfügung steht.“ Den Erfolg will Alisha künftig daran messen, wie viele Besuchende den Raum annehmen und wie divers sie diesen Raum gestalten können.
Utopia Kiosk , Lazarettstr. 5, Stuttgart-Mitte, Do-So
BIPoC
BIPoC ist eine Abkürzung aus dem Englischen für Black People, Indigenous People and People of Colour. Auf Deutsch bedeutet das Schwarze Menschen, Indigene Menschen und Menschen of Colour.