Unter 30: Carl und Franz Nopper „Wir wollen keine Sonderbehandlung“

Franz (li.) und Carl Nopper in ihrem Stammlokal am Rotebühlplatz. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Über Carl und Franz Nopper wurde schon viel geschrieben – und vor allem gesprochen. Warum also nicht einmal mit den Stuttgarter "First Sons" reden? Ein Gespräch über Vorurteile, Knigge-Kurse und ihre (inoffiziellen) Spitznamen.

Stuttgart - Mit energischen Schritten kommen die beiden Brüder am Rotebühlplatz an, grüßen freundlich und mit fester Stimme, so wie man es auch von ihrem Vater, Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper, kennt. Barbourjacke, selbstbewusstes Lächeln, gutsitzende Haare, Gymnasium, Junge Union, Amthor, habe ich meine Miete rechtzeitig überwiesen? Die Assoziationskette knallt ihre Perlen in voller Geschwindigkeit auf den grauen Betonboden.

 

Carl und Franz Nopper haben die Lange Theke am Rotebühlplatz als Ort für unser Treffen vorgeschlagen, was in der Redaktion für ungläubige Belustigung sorgt. Meinen die das ernst? Ja, das tun sie. Die Frage nach dem Dazugehören und der richtigen Verortung wird sich im Laufe des Abends noch öfter stellen. Genauso wie die Widerlegung von Vorurteilen.

"So nennt uns sonst keiner"

Den Leser:innen ist bestimmt aufgefallen, dass etwas, oder besser gesagt zwei grundlegende Dinge fehlen: Der Alexander von Carl und der Ferdinand von Franz. „So geht es schneller“, sagt Carl und Franz ergänzt lachend: „Das ist praktischer.“ Carl-Alexander und Franz-Ferdinand werden sie selten genannt. Ob die beiden schon von ihrem eher despektierlichen Rathaus-Spitznamen gehört haben? „Nopper-Boys klingt total nach Zwei-Mann-Boyband – so nennt uns sonst keiner“, sagt Franz und schüttelt demonstrativ seinen Kopf.

Ein Stammtisch am Rotebühlplatz

Am Rotebühlplatz geht in diesem Moment so langsam die Sonne unter. „Das ist die Golden Hour“, beschreibt Franz das zart einfallende Licht. „So sagen das auch Profifotografen“. Den 23-jährigen Carl und seinen 20-jährigen Bruder Franz würde man auf den ersten Blick eher auf der Münchner Maximilianstraße oder bei einem Treffen der Jungen Union verorten, als am Rotebühlplatz, wo sich in diesem Moment zwei junge Frauen für Selfies vor der grellorangen Tür des benachbarten Clubs in Pose werfen.

Aus unserer U30-Serie: Colin Dinkelacker - „Stuttgart kann ein wenig Grün vertragen“

Wir machen noch schnell ein Foto, bevor wir die Lange Theke betreten, wo die beiden vom Barpersonal herzlich begrüßt werden. Sie sind hier regelmäßig zu Gast, haben einen Stammtisch, der zum Glück gerade frei ist. Viel ist an diesem Spätnachmittag noch nicht los. „Die Preise hier sind ok und es ist zentral. Hier kommen immer Leute vorbei, die man kennt“, erklärt Franz die Wahl der Location. Im Laufe eines Abends würde sich das Publikum mehrmals durchmischen. „Irgendwann strandet jeder mal hier.“ Auch Carl, der für sein Studium nach Tübingen gezogen ist, kommt noch öfters in das Lokal.

Fast ein ganzes Leben lang "First Sons"

Die beiden Brüder sind schon fast ihr ganzes Leben lang „First Sons“. Ihr Vater, Frank Nopper, wurde OB in Backnang, als Carl ein Kleinkind und Franz noch ein Baby war. Was kann Backnang besser? „Die Schlagerstar-Dichte ist größer“, sagt Carl lachend und zählt Andrea Berg und Vanessa Mai auf. Und auch die Tiktok-Stars Lisa und Lena leben in der viertgrößten Stadt des Rems-Murr-Kreises. Dafür habe Stuttgart mehr Erstligisten, wie Franz belustigt bemerkt. Die beiden sind VfB-Fans, Franz‘ Herz schlägt zudem noch für die Stuttgarter Kickers.

Aus unserer U30-Serie: Kiti Arsa - Die DJ-Newcomerin mischt Stuttgarts Nachtleben auf

Dass die beiden nicht nur Brüder, sondern auch Freunde sind, merkt man schnell. Sie antworten für den jeweils anderen, vervollständigen ihre Sätze, scheinen sich mit Blicken zu verstehen, ihre Freundinnen sind auch befreundet. Carl und Franz kamen in Stuttgart zur Welt, gingen hier zur Schule, ihre Oma lebt im Kessel und die Brüder sagen, dass sie immer „best of both worlds“ hatten. Ihre Beziehung zur Landeshauptstadt war nie gekappt, wie die beiden erklären. „Jede Stadt ist einzigartig. Wir erlebten in unserer Jugend das Beste aus den zwei Welten - in Stuttgart und in Backnang“, sagt Carl und spricht mit einem wissenden Lächeln das, wie er sagt, „legendäre“ Backnanger Straßenfest an.

Wird man anders behandelt, weil man "Sohn von" ist?

„Ich vermisse schon einige Leute aus Backnang“, gibt Franz zu. Er hatte starke Bindungen zu Sandkastenfreund:innen, Nachbar:innen, Schulfreund:innen. Ihre Schulausbildung ab einem gewissen Punkt in die Landeshauptstadt zu verlegen, war für die Brüder eine Entscheidung, die auch mit ihren inoffiziellen Ämtern als Söhne zu tun hatte. Häufig wurden sie in Schubladen gesteckt. „Ob in der Schule oder beim Sport: Wird man anders behandelt, weil man Sohn des Bürgermeisters ist? Wir wollen keine Sonderbehandlung, weder besser noch schlechter“, beschreibt Carl die Komplexität ihres Lebens als „Sohn von“.

In der Schule in Stuttgart hätten dann aber trotzdem alle gewusst, wer sie sind. In seinem Auslandsjahr in Frankreich ist es Carl zum ersten Mal richtig bewusst geworden. Er war weit weg von zuhause und ein französischer Schulkamerad hatte ihn gefragt, ob er jemals „normal“ behandelt werden würde.

Aus unserer U30-Serie: SWR-Moderatorin Lea Wagner - „Als Kind hat mich Fußball im Fernsehen genervt“

Nichtsdestotrotz gab es auch Vorteile. Carl erzählt, dass ihm die en-passant-Einblicke im Kommunalen Recht bei seinem Jurastudium in Tübingen helfen würden, dass sie leicht mit Leuten ins Gespräch kommen und Franz schwärmt von SPD-Politikern, mit dem sie ein freundschaftliches Verhältnis hätten. „Auch wenn man nicht politisch einer Meinung war, hat sich die Stimmung in Backnang mit der Zeit zu einem fairen und guten Miteinander entwickelt.“ In Stuttgart sei vieles parteipolitisch geprägt, die Gräben seien tiefer, attestieren die beiden mit Blick auf den Stuttgarter Gemeinderat. „Dabei muss der OB für alle da sein“, erklärt Franz seine Sicht der Dinge.

"Wir kennen alle Wochenmärkte"

Als sich ihr Vater für den Wahlkampf in Stuttgart entschied, war für die beiden klar, dass sie ihn unterstützen würden. „Es war selbstverständlich“, sagt Franz. Die Brüder tourten mit ihm durch alle Stadtbezirke, verteilten Flyer und Nopper-Knoppers, machten Fotos, kümmerten sich um seinen Instagram-Auftritt, teilten 20-30 Storys pro Tag und hatten ziemlichen Respekt vor dem Wahlkampf. „Wir haben viel über unsere Geburtsstadt dazugelernt. Selbst manche Stuttgarterinnen und Stuttgarter wissen ja leider gar nicht, dass Freiberg oder Münster auch zu Stuttgart gehören. Wir kennen jetzt jeden Wochenmarkt und jede kostenfreie Toilette in den Stadtbezirken“, erzählt Franz, der BWL an der DHBW Stuttgart studiert.

Aus unserer U30-Serie: Tamara Williams - Als Fotografin zwischen Models, Ruhm und Depressionen

Für ihre Social Media-Unterstützung in der Übergangsphase wurden die Brüder schon heftig kritisiert – ein Fehlverhalten ihrerseits sehen die beiden nicht. Bereits in Backnang halfen sie bei der Bespielung des OB-Accounts. Aus ihrer Sicht sei das gänzlich normal gewesen. Dort gab es auch keine eigene Kommunikationsabteilung, wie Carl anmerkt. Die intensive Taktung konnten sie nach dem Wahlkampf gar nicht aufrechterhalten und beließen es bei der Beratung. „Das ist ein Vollzeitjob, wir haben ja auch noch ein Leben“, scherzt der 23-Jährige. „Wir waren froh, dass wir es abgeben konnten.“

Vom Politikersohn zum Politiker?

In der Vergangenheit halfen Carl und Franz auch schon mal bei Mutter Gudrun aus. „Wenn in ihrem Knigge-Seminar jemand fehlte oder die Verteilung von Jungs und Mädchen nicht passte, bin ich eingesprungen“, erzählt Franz. Der 20-Jährige durfte als Kind bei den Benimmkursen öfters den „Wilden Kerl“ spielen, der alles falsch macht und als schlechtes Beispiel dient. Manche hätten über die Kurse gelacht oder nicht verstanden, worum es dabei geht, erzählen die beiden. Doch es gab auch interessante Wendungen: „Je reifer unsere Freunde wurden, desto eher haben sie sich für die Kurse interessiert“, so Carl. Höfliches Benehmen will eben gelernt sein.

Aus unserer U30-Serie: VfB-Managerin Lisa Lang - „Ich habe gefühlt schon immer mit einem Ball gespielt"

Ob man die Brüder auch mal selbst in der Politik sehen wird? Man wird sehen, was in den kommenden Jahren passieren wird und welche Gelegenheiten und Chancen sich ergeben, sind sich die beiden einig. „Man darf sich nicht hundertprozentig von der Politik abhängig machen – deswegen studieren wir auch etwas anderes. Wir sind politisch interessiert und können es uns schon vorstellen“, so Carl. Franz lacht. „Mit uns ist immer und überall zu rechnen." Sogar als Stammgast in der Langen Theke.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart