„Ich würde schon sagen, dass ich meinen Traum lebe“, beantwortet Moritz Berg die doch sehr pathetisch anmutende Frage bezüglich seines bisherigen Weges. Nach dem Abschluss des Architekturstudiums entschied er sich dazu, als freischaffender Künstler zu arbeiten – obwohl entschieden, sagt er, sei das falsche Wort. Er habe eher wie selbstverständlich damit angefangen. „Es ist einfach passiert.“ Sowohl die Architektur als auch die Kunst waren schon immer präsent im Leben des 29-Jährigen. „Mein Dad und mein Opa sind beide Architekten, also wurde mir die Faszination dafür schon früh in die Wiege gelegt.“ Mit 14 arbeitete er auf Baustellen, später im Architekturbüro. Doch auch Kunstausstellungen wurden gemeinsam besucht. „Mein Opa hat selbst viel gemalt und war da auch sehr fördernd.“
Mit 18 zog Moritz also von Schwäbisch Gmünd nach Stuttgart, um zu studieren. Das war vor fast genau zehn Jahren. Er lebte zeitweise in der Nähe vom Hallschlag, jetzt aber schon seit ein paar Jahren in unterschiedlichen Wohngemeinschaften in der Gegend um den Bopser herum. Schon während seines Architekturstudiums probierte er sich in unterschiedlichen kreativen Bereichen aus – mal in der Musik, mal im Schreiben und im Master plötzlich auch wieder im Malen. Denn das Zeichnen schlummerte lange auf den hinteren Plätzen der Prioritätenliste.
„Kunst ist etwas, das mich wieder zurückholt“
Der Schlüsselmoment für sein Künstlerdasein folgte für Moritz nach dem Ende seiner Masterarbeit im Juli 2021. In dieser Zeit beschäftigte er sich besonders intensiv mit der menschlichen Wahrnehmung. Er ergänzt: „Ich finde dieses Gefühl so toll. Wenn man Musik hört oder draußensitzt und alles um sich herum so krass intensiv wahrnimmt.“ Dieses Gefühl versucht er auf die freiste und widerständigste Art und Weise, nämlich in der freien Kunst, weiterzubearbeiten. Darüber hinaus bedeutet für ihn die Kunst auch Realitätsflucht. „Mir ist erst viel später aufgefallen, dass es auch eine Art Meditation ist.“ Ohne die Kunst als Ventil würde ihn diese schnelllebige Welt doch oft überfordern. „Kunst ist etwas, das mich wieder zurückholt.“
Jedes seiner Gemälde ist mit einem Gefühl, einem Ort oder einem Text verbunden. Seine Gefühle und Gedanken hält Moritz meist in einem Tagebuch fest. Inspiration findet der Künstler vor allem auf Reisen – „Input reinholen“, nennt er das. Seine größten Vorbilder sind Menschen, Freund:innen, Begegnungen, die er schätzt. So liegt es nahe, dass auch sein erstes verkauftes Werk im Bekanntenkreis landete – nämlich bei seinem Onkel. „Natürlich für’n Appel und n’Ei“, sagt Moritz und lacht. „Das wird immer so mystifiziert, aber es ist ja eigentlich auch ganz simpel, wie das läuft.“ Über mehrere Ecken folgte dann die erste Auftragsarbeit für den Kunden einer Architektin. „Das war ein großes Gemälde, 1,50 auf 7 Meter. Ich hab einfach ja gesagt. So habe ich das immer gemacht.“
„Ich will mich als Künstler immer weiterentwickeln“
Zu diesem Zeitpunkt hatte Moritz weder ein Atelier noch ein Gewerbe angemeldet. „Über einen Kollegen von der Uni bin ich dann auf das Kunstraum Atelierhaus in der Filderstraße gestoßen und konnte dort in seinem Atelier eine Woche lang arbeiten – er hatte eine Wand, die genau 7 Meter lang war.“ Das Geld der Auftragsarbeit reinvestierte er: in eine eigene Wirkungsstätte, Materialien und so weiter. „Dieser Auftrag hat es mir erlaubt, weiterzumachen“, sagt er. Moritz erinnert sich zurück: „Ich habe damals alles aufgesaugt wie ein Schwamm.“ Er connectete sich, besuchte verschiedene Künstler:innen, tauschte sich aus, steckte viel Energie, Zeit und Arbeit in die Kunst und Kommunikation. „Klar, mir helfen nach wie vor natürlich auch viele liebe Menschen, die Fotos von mir machen oder das Layout für meine Webseite basteln.“
Für Moritz folgten die ersten Ausstellungen, unter anderem in Berlin, Wien und London. Aufträge kamen und kommen von der ganzen Welt. Heute lebt er allein von der Kunst. Hat ja alles bisher gut funktioniert, oder? Würde er trotzdem etwas anders machen? „Wenn ich das Wissen von heute mitnehmen und zurückspulen könnte, würde ich auch wieder zurück in die Architektur.“ Doch rückblickend, sagt er, sei es die richtige Entscheidung gewesen, mit der Kunst zu gehen. Konkrete Pläne für die Zukunft habe er nicht, außer: nicht aufhören, mehr lernen, nicht stehenbleiben, nur weil die eine Sache funktioniert. „Ich will mich als Künstler immer weiterentwickeln.“