Unter 30: Franz Böhm Ein Stuttgarter Filmemacher mit Oscar-Chancen

Der Stuttgarter Filmemacher Franz Böhm hat mit seinem Dokumentarfilm "Dear Future Children" Chancen auf eine Oscar-Nominierung. Foto: Kit Lee

Der Stuttgarter Franz Böhm gehört zu den vielversprechendsten Talenten im Filmgeschäft und hat mit seinem Dokumentarfilm „Dear Future Children“ sogar Chancen auf eine Oscar-Nominierung. Dabei ist der Filmemacher erst 22 Jahre alt.

Stuttgart – Mit nur 22 Jahren hat sich Franz Böhm aus Stuttgart bereits einen Namen in der Welt des Dokumentarfilms gemacht. Seine in diesem Jahr in die Kinos gekommene Doku "Dear Future Children", in der er zusammen mit seinem Team über zwei Jahre hinweg das Leben dreier jungen Aktivistinnen in Chile, Hongkong und Uganda begleitet hat, wurde weltweit von Kritiker:innen gelobt und unter anderem mit dem Publikumspreis des diesjährigen Hot Docs Dokumentarfilmfestivals ausgezeichnet, wodurch sich der Film für die Oscar-Nominierungen 2022 qualifiziert hat. 

 

Faszination Film

Ins Filmgeschäft kam Franz, der in Bad Cannstatt zur Welt kam, schon vor einigen Jahren. „Ich habe schon sehr früh begonnen, eine extrem hohe Faszination für das Thema Film zu entwickeln. Bereits mit 13 oder 14 Jahren habe ich mich für die Filmindustrie interessiert und wollte unbedingt mehr darüber lernen und selbst Erfahrungen in dem Bereich sammeln“, berichtet der junge Stuttgarter.

Aus unserer Serie: Kiti Arsa - Die DJ-Newcomerin mischt Stuttgarts Nachtleben auf

Also fing er neben der Schule und an den Wochenenden an, bei Filmprojekten in Stuttgart und der Region mitzuarbeiten. Und bereits an seinem ersten Filmset habe er gemerkt, dass er genau das später mal machen will.

„In der Zeit ist einfach eine ganz große Leidenschaft für den Film entstanden und ich habe alles versucht, um der bestmögliche Regisseur zu werden", so der 22-Jährige. "Ich habe damals viele Einblicke in verschiedene Bereiche des Films bekommen, habe im Szenen- und Kostümbild oder im Kamera-Department mitgearbeitet, um so die Menschen am Set möglichst gut verstehen zu können." Mit nur 16 Jahren folgte 2016 dann der erste eigene Kurzfilm „Harmonie der Anderen“.

Vom Neckar an die Themse

Inzwischen hat es Franz vom Neckar an die Themse verschlagen. Seit drei Jahren wohnt er in London, wo er neben seiner Arbeit im Filmgeschäft aktuell ganz klassisch seinen Master macht. „London hat eine absolute Vormachtstellung im europäischen Filmmarkt, hier entstehen unheimlich viele Filmprojekte und die Stadt hat mir sofort sehr viel Spaß gemacht“, sagt er über sein Leben in der britischen Hauptstadt.

Aus unserer Serie: Colin Dinkelacker - „Stuttgart kann ein wenig Grün vertragen“

Aber ein bisschen Heimweh nach Stuttgart hat der junge Filmemacher dann natürlich auch immer mal wieder. „Ich vermisse natürlich die Maultaschen von meiner Großmutter und jeden einzelnen Bäcker. Ich würde wirklich sehr weit gehen, um einen guten schwäbischen Bäcker nach London zu holen."

„Das Kino ist ein Ort fürs Zuhören!"

In seinen Filmen spricht Franz ernste, gesellschaftskritische und politische Themen an. Doch was motiviert und inspiriert ihn zu seinen außergewöhnlichen Filmprojekten? „Mein Team und ich haben eine besondere Vision für das junge Kino. Wir glauben fest daran, dass politisch relevante Geschichten weltweit ein Publikum finden können und dass diese Geschichten wichtig sind", erzählt er. 

Aus unserer Serie: Tamara Williams - Als Fotografin zwischen Models, Ruhm und Depressionen

"Auch wenn wir ein recht junges Team sind, sind wir immer ins Kino gegangen und haben uns dabei gefragt, welche Filme wir unbedingt sehen wollen. Welche Filme müssen diskutiert werden und sind wichtig? Kurz: Welche Filme brauchen wir eigentlich?“, erklärt Franz. „Wir wollen mit unseren Filmen Geschichten erzählen, die für uns als junge Generation von großer Relevanz sind. Wir sehen das Kino als einen Ort des politischen Austauschs, der politischen Inspiration und vor allem als einen Ort fürs Zuhören. Und genau das haben wir mit ‚Dear Future Children' auch gemacht – wir haben den Aktivistinnen zugehört.“

Oscar-Qualifikation für „Dear Future Children“

Mit dem Dokumentarfilm „Dear Future Children“ gehen Franz und sein Team nun ins Rennen für eine Oscar-Nominierung. „Damit haben wir definitiv nicht gerechnet. Ich war als Regisseur ja noch nicht so erfahren, wir hatten für den Film zu Beginn ein sehr geringes Budget und hatten auch keine Sender oder Firmen dabei, die sicherstellen konnten, dass das Projekt später auch wirklich stattfindet“, berichtet Franz.

Aus unserer Serie: SWR-Moderatorin Lea Wagner - „Als Kind hat mich Fußball im Fernsehen genervt“

Der Anruf, dass der Film mit dem Publikumspreis auf dem renommierten Hot Docs Dokumentarfilmfestival ausgezeichnet wurde und sich somit für den Prozess der Oscar-Nominierung qualifiziert hat, kam mitten in der Nacht. Ob also ein Stuttgarter bei den Oscars im nächsten Jahr wirklich abräumt, entscheidet sich Anfang 2022, wenn die endgültigen Nominierungen bekanntgegeben werden.

Menschen erreichen und berühren

Doch trotz Chance auf eine Oscar-Nominierung bleibt Franz ganz schwäbisch bescheiden. Für „Dear Future Children“ habe er mit seinem Team zwei Jahre lang alles gegeben, die Dreharbeiten seien extrem riskant, teilweise gefährlich und energieaufwendig gewesen. Viel mehr als Nominierungen und Preise freuen ihn deshalb die positiven Kinoauswertungen und die Tatsache, dass er mit der Geschichte der drei Aktivistinnen die Menschen weltweit erreicht und berührt. „Es ist Wahnsinn, auf Kinotour ins Atelier am Bollwerk in Stuttgart zu gehen, ein Ort an dem ich früher so oft war, und den eigenen Film vor ausverkauftem Publikum zu zeigen“, erzählt Franz gerührt.

Auch Stuttgart wäre für ein Filmprojekt interessant

Auch in seiner Heimatstadt Stuttgart hätte der Filmemacher einige Themen, die ihn für einen Projekt interessieren würden. „Ich habe eine unglaubliche Faszination für das Stuttgarter Ballett, das für mich persönlich höchst beeindruckend ist. Vielleicht passiert ja irgendwann mal etwas in diese Richtung“, sagt er.

Bis dahin arbeitet Franz zusammen mit seinem Team schon am nächsten Projekt, mit dem er wieder eine besondere Geschichte erzählen möchte. Wir werden von dem 22-jährigen Stuttgarter also auch in Zukunft noch viel auf der großen Leinwand sehen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Oscars Film