Unter 30: Roman de Laporte alias Jack Lack Stuttgarter macht mit Graffiti auf den Klimawandel aufmerksam

Roman de Laporte beim Malen eines seiner Kunstwerke. Foto: Tom Tomassoni

Wir haben den Stuttgarter Künstler Roman de Laporte, alias „Jack Lack“, getroffen und mit ihm über seine Anfänge in der Graffiti-Szene und sein neuestes Projekt gesprochen.

Ludwigsburg: Nicole Töppke (top)

Roman de Laporte im Kessel anzutreffen ist ohne gute Zeitplanung fast unmöglich. Der Künstler, auch bekannt unter seinem Pseudonym „Jack Lack“, reist durch die Welt und macht mit seiner Kunst die Städte etwas bunter. „Im letzten Jahr war ich nur sechs oder sieben Wochen Zuhause“, erzählt er. Seine Wohnung habe er für diese Zeit aufgegeben, seinen ganzen Kram untergestellt. So ganz ohne eigenes Zuhause lebt es sich aber umständlich. „Es klingt cool, ist aber ganz schön eklig. Man kommt immer wieder in neue Airbnbs. Ich koche gerne und muss mir dafür die Zutaten neu besorgen und mit Salz und Öl kann man ja maximal ein schlechtes Spiegelei machen,“ sagt Roman lachend. Aber kulinarische Abstriche hin oder her: Roman lebt aktuell seinen Traum.

 

Von Stuttgart in die Welt

Der 27-Jährige malt Auftragsarbeiten und eigene Projekte auf der ganzen Welt, zuletzt in Sao Paulo, Paris oder aktuell in Köln, sich treu zu bleiben sei ihm dabei wichtig. „Ich nehme keine Jobs an, die mich völlig verbiegen würden“, erzählt er. „Der Punkt ist, ich male auf jeden Fall. Ich bin ein richtiger Junkie. Ob ich dabei nun Geld einnehme oder Geld ausgebe, ist mir nicht wichtig.“ Auch im Kessel gibt’s von Roman einiges zu sehen. Beispielsweise an der Paulinenbrücke, dem Hauptbahnhof oder immer wieder versteckt an Ecken und Unterführungen.

Im Sommer hat der Graffiti-Künstler einiges geplant. Lissabon, Paris, Berlin, ein kleines bisschen Italien, Hamburg und Athen stehen auf der Liste. Aber auch seine Heimatstadt kommt nicht zu kurz. Die Kulturförderung der Landeshauptstadt unterstützt Stuttgarter Kultureinrichtungen und Projekte im öffentlichen Raum und lässt dafür im Doppelhaushalt 2022/2023 über 39 Millionen Euro springen. Auch Roman versucht, für ein Projekt eine Förderung der Stadt zu erhalten. Inspiriert wurde er dafür in Paris. „Ich steh beim Malen auf krasse Diversität. Am besten muss man viele verschiedene Künstler und Richtungen zusammenmatschen – das ist das geile.“ Ein Konzept, das dazu passt, ist „Le Mur“, das vor einigen Jahren in Paris gestartet ist. „Das ist im Grunde eine Wand, die ist nicht gigantisch groß, liegt neben einem Café mitten im Zentrum. Und diese Wand wird alle zwei Monate neu bemalt. Wie eine Galerie,“ erklärt er. Mittlerweile habe fast jede große Stadt in Frankreich eine „Mur“. Roman findet, das Projekt wäre auch für den Kessel perfekt. Er versucht, es gemeinsam mit seinem Graffiti-Kollegen „Jeroo“ nach Stuttgart zu bringen. „Es ist das ideale Konzept, um den Leuten näher zu bringen, dass es nicht nur eine Richtung gibt, sondern ganz viele. Im Grunde ist früher oder später für jeden was dabei.“

Beim Malen die Zeit vergessen

Angefangen habe sein Interesse für Graffiti in seiner Jugend. „Ich war Skater, jedoch ein sehr miserabler. Deshalb saß ich oft am Rand und habe angefangen mit einem Stift Buchstaben in Bänke zu ritzen.“ Vom Stift über Marker fand Roman dann zur Spraydose. Angefangen hat er mit Schriftzügen und Buchstaben, die Entwicklung ging schnell hin zu Porträts. Die ersten Versuche seien zwar schief und keinesfalls perfekt geworden, doch der Spaß an der Sache habe ihn weiter üben lassen. „Bei meinem siebten oder achten Porträt habe ich den ganzen Tag gemalt. Ich habe knapp zwölf Stunden lang daran gearbeitet und das Essen und Trinken vergessen. Ich habe mich total darin verloren, das hatte ich davor noch nie.“

Gern hält sich der Künstler an Orten auf, die besonders bunt sind. „Meine Lieblingsorte in Stuttgart ändern sich häufig. Ob der Marienplatz, früher das Zollamt oder Orte im Stuttgarter Westen, ich mag, wenn man spürt, dass Leben in der Stadt ist.“ Für einige mögen die vielen Buchstaben an Bahnhöfen, Unterführungen oder Wänden Schmierereien ohne Bedeutung sein, doch für Roman de Laporte und andere Graffiti-Künstler sind die Tags, Bilder und Schriftzüge spannende Markierungen. Sie zeigen, welche Künstler zurzeit aktiv sind, und geben den zahlreichen Sprayern eine Möglichkeit ihre Message zu verteilen. „Ich mag Städte wie Berlin und Leipzig, weil sie so schön schmutzig sind. Sie sind ein bisschen eckig und nicht so geleckt – einfach lebendig.“ Auch bei seinen Kunstwerken mag er das Schmutzige und Unperfekte. Roman grundiere die Wände nicht vor dem Sprühen, sondern versuche, die Wand so zu nehmen, wie sie ist. „Ob da nun eine tropfende Regenrinne mitten auf der Wand ist und daran Rost herunterläuft oder ein großer Busch an einer Ecke ins Bild ragt, ist nicht schlimm. Im Gegenteil, ich versuche die Wand nicht als Leinwand zu sehen, sondern etwas zu schaffen, das nur dort geht und nirgends anders.“ Bei der Ideenfindung und Skizzierung nehme er sich dafür viel Zeit und schaue sich den Kontext des Gebäudes und der Umgebung genau an.

Mit seinem neuesten Projekt möchte der Künstler Gutes tun und auf die Umwelt aufmerksam machen. Weil Roman auch viel durch die Welt reist, könnte man sein Vorhaben belächeln, doch er möchte das Thema lokal passend aufbereiten. „Die Klimaerwärmung und die Klimakrise sind ja ein globales Problem. Doch es gibt nicht die eine Lösung, da es überall unterschiedliche soziale Schwierigkeiten gibt,“ erklärt er. Die Wand in Sao Paulo ist mitten im Zentrum zwischen den Wolkenkratzern und soll auf den Schutz des Regenwaldes aufmerksam machen. „Es geht ums Thema Regenwald kaufen. Mit genug Cash kannst du dir alles kaufen, scheißegal, du kannst einfach alles platt machen. Das ist die Hommage und auch das soziale Problem dort. Je mehr Kohle du hast, umso irrelevanter wird alles.“ Das Projekt in Brasilien war das erste. Weitere in Berlin, Lissabon und Griechenland folgen. „An jeder dieser Wände werden dann die lokalen, beziehungsweise nationalen Challenges dargestellt. Aber nicht auf eine negative Art und Weise, sondern mit einer schönen Geschichte. So hat man am Ende eine Story, die sagt: Die Lösung dieses Problems sind viele kleine Challenges.“ Er wolle vor allem darauf aufmerksam machen, dass es ein Ding ist, das uns alle etwas angeht und jeder seinen Teil dazu beitragen kann. Nur sieht jede Challenge in jedem Land anders aus.

Wer sich fragt, wie viele Farbdosen für die großen Wände verballert werden, wird überrascht sein, dass so gut wie keine Dose verwendet wird. Der Großteil wird mit Streichfarbe und einer Sprühmaschine auf die Wand verschossen, als wäre es Dose. „Ich versuche so zu arbeiten, dass ich so viel wie möglich mit Streiche male und nur die kleinen Highlights mit Dose. Sonst hast du nämlich säckeweise Dosen rumliegen.“ Auch so trägt er zum Umweltschutz bei.

Am Ende versucht Roman auf seine Weise, die Welt etwas bunter und besser zu machen. „Am liebsten hätte ich die ganze Stadt voll mit bunten Fassaden und Kunstwerken von tollen Leuten – davon gibt es nämlich ne ganze Menge“, sagt de Laporte, dem man die Leidenschaft zur Graffiti-Szene und seiner Kunst deutlich anmerkt. „Die Szene ist wertvoll. Klar, ist sie unkontrolliert, aber genau das macht sie so interessant. Vom Anwalt bis hin zum freien Künstler ist alles dabei.“ Die Vergleiche zwischen Streetart und Graffiti findet er unnötig, jede Kunst sei auf ihre eigene Art wertvoll.

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