Hasan Atamish strahlt positive Energie aus, die sich unmittelbar auf seine Mitmenschen auswirkt. Das hat zum einen mit seinem freudestrahlenden Auftreten zu tun, zum anderen mit dem Ehrenamt, das er beim Deutschen Roten Kreuz bekleidet und in dessen Rahmen im vergangenen Jahr mehr als 130 Menschen mit körperlichen Einschränkungen in Stuttgart das Wohnen und Leben erleichtert worden ist. Hasan Atamish ist nämlich ehrenamtlicher Wohnberater. Dafür wurde dem 29-jährigen Architekten und BIM Manager vergangene Woche via Publikumsvoting der erste Platz beim von der Stuttgarter Zeitung, den Stuttgarter Nachrichten und der Volksbank ausgerufenen Ehrenamtspreis „Stuttgarter:in des Jahres“ verliehen.
Die Badewanne ist für Menschen mit Einschränkungen ein Problem
Er und das Wohnberatungsteam des DRK helfen Senior:innen und Menschen mit Behinderung ihre Wohnsituation an ihre Lebenssituation anzupassen. Mit anderen Worten: ihre Wohnung so zu gestalten, dass sie auch mit körperlichen Einschränkungen vollumfassend und angenehm nutzbar ist. Sie besuchen die Betroffenen in ihren eigenen vier Wänden, stellen im gemeinsamen Gespräch und durch Analyse fest, welche Maßnahmen Verbesserungen in ihrer Lebensqualität bringen würden und helfen bei den anschließenden Anträgen.
„Jede:r sollte sich in seiner Wohnung wohlfühlen“, findet Hasan Atamish. Er weiß, an welchen Kleinigkeiten es teils hinken kann: „Wenn Menschen zum Beispiel nicht duschen können, weil sie dazu über den Rand ihrer Badewanne steigen müssten, was ihnen körperlich schwerfällt und daher Angst macht, dann wirkt sich das natürlich stark auf ihre Lebensqualität aus“, berichtet er. Dass diese Senior:innen und Menschen mit Behinderung teils über Wochen nicht in der Lage sind, zu duschen und sich zu waschen, weil ihre sanitären Anlagen nicht entsprechend barrierefrei für sie gestaltet sind, macht ihn betroffen. Mit der ehrenamtlichen Wohnberatung ist Hasan aber in der Lage zahlreichen Leuten zu helfen.
Sie ist ein Fahrwasser, in dem sich Hasan sichtlich wohlfühlt. Denn zum einen bringt er als studierter Architekt das nötige Know-how mit, zum anderen ist er jemand, der gerne Situationen und Prozesse verbessert, das Bestmögliche herausholt. „Auf Arbeit lachen meine Kolleg:innen schon, wenn ich eine Aufgabe zugeteilt bekomme, die einfach nur erledigt werden muss“, grinst er. „Aber man kann eben einen Tisch einfach heraustragen, dafür fünf Minuten veranschlagen und dann aber doch 30 brauchen, weil man die Aufgabe unterschätzt hat. Oder man macht sich vorher ein paar Gedanken darüber, wie man den Tisch möglichst schnell und mit möglichst wenig Aufwand hinaustragen könnte und hat dann in Summe zwar 30 Minuten gebraucht, aber für zukünftige ähnliche Fälle schon einen optimierten Prozess etabliert, bei dem das Heraustragen dann nur noch zwei Minuten dauert und statt Vieren, nur eine Person benötigt.“ Während er erzählt, hat er in Gedanken dem massiven Cafétisch, an dem wir beim Interview sitzen, quasi schon die Beine abmontiert und ihn auf Rollen in den Außenbereich verfrachtet. Ein Analyst, Planer und Denker durch und durch.
Ein geborener Prozessoptimierer
Davon profitiert auch sein Privatleben: „Ich reise wahnsinnig gerne und finde immer die besten Deals“, berichtet der Stuttgarter des Jahres 2024. Mit 23 Jahren hat der heute 29-Jährige angefangen zu reisen und seitdem mehr als 250 Städte und 30 Länder in Europa besucht. „Ich habe fast jede Stadt in Deutschland gesehen“, sagt Hasan, seine Wochenenden verbringt der junge Architekt meistens anderswo. „Seit etwa einem Monat habe ich auch endlich einen deutschen Pass.“ Die Freude darüber hört man seiner Stimme deutlich an. Der deutsche Pass eröffnet dem gebürtigen Iraker mehr und bürokratiefreundlichere Reisemöglichkeiten, raus aus Europa, hallo Übersee, Reisefreiheit galore.
Geboren im Irak, aufgewachsen in Jordanien
Denn obwohl er seit seinem fünften Lebensjahr gemeinsam mit seiner Schwester und beiden Elternteilen in Jordanien gelebt hat, hatte er zeitlebens keinen jordanischen, sondern einen irakischen Pass. Aber von vorn: Seine Eltern, beide Mediziner:innen, flohen vor knapp einem Vierteljahrhundert aus beruflichen und politischen Gründen aus dem Irak nach Jordanien, wo Hasan fast seine ganze Kindheit und Jugend verbrachte und auch sein Architekturstudium aufnahm. Zum Studieren und um den Praxisteil des Studiums abzuleisten kam er dann vor acht Jahren erstmals nach Deutschland – und stellte sich bestens an. „Damals hat mir am Ende meines Praktikums mein damaliger und heutiger Chef direkt einen unbefristeten Arbeitsvertrag vorgelegt“, erinnert sich Hasan an jene Zeit zurück.
Sein Visum für Deutschland hat er nach Abschluss seines Studiums trotzdem nicht reibungslos bekommen. Ein unbefristeter Arbeitsvertrag ohne ein tatsächliches Arbeitsverhältnis gehabt zu haben? Das kam den Behörden spanisch vor. „Alle Bekannten und Freund:innen haben sich dann aber für mich eingesetzt und Briefe an die Ämter geschrieben“, erinnert sich der junge Architekt. Sieben Monate lang saß Hasan wie auf heißen Kohlen in Jordanien und wartete. „Das war eine interessante Zeit“, sagt er rückblickend und man merkt seiner Miene an, dass er mit „interessant“ eher „schrecklich“ meint.
Verzögerungen beim Visum trotz Arbeitsvertrag
Denn mit seiner Abschlussarbeit, dem Entwurf eines Museums, das sich der Geschichte und den Konflikten des ersten Weltkriegs im Nahen Osten architektonisch näherte, hatte Hasan Atamish zum Ende seines Architekturstudiums einige Wettbewerbe gewonnen. Die aufsehenerregende Abschlussarbeit brachte dem jungen Mann zahlreiche Jobangebote aus jordanischen, irakischen und libanesischen Architekturbüros ein. Doch der frischgebackene Architekt wollte nach Deutschland, wollte nach Stuttgart und sagte sie alle ab. Und wartete. „Ich hatte mich sofort in Stuttgart verliebt“, begründet er seine Hartnäckigkeit. „Die Stadt ist sehr grün, nicht zu groß und nicht zu klein und die Hügel erinnern mich an meine Heimat.“
Zum Glück zeigten die Schriebe ans Amt nach sieben Monaten endlich ihre Wirkung: Mehr als ein halbes Jahr später als geplant konnte er seine Arbeitsstelle in Stuttgart dann tatsächlich antreten. Das wiederum ging dann ziemlich flott: „Am selben Tag, an dem ich mein Visum bekommen habe, saß ich im Flieger nach Stuttgart. Nachdem ich dann gegen vier, fünf nachmittags hier gelandet bin, bin ich direkt am nächsten Tag zur Arbeit gegangen.“ Keinen einzigen weiteren Tag wollte der frischgebackene Architekt tatenlos verstreichen lassen. Herumsitzen und Däumchen drehen ist schlichtweg nicht sein Ding. „Mein Chef hat mir immerhin sieben Monate lang diese Stelle freigehalten“, sagt Hasan und ist seinem Vorgesetzten heute noch sehr dankbar. „Ohne ihn wäre ich heute nicht hier.“
Seit diesen schicksalhaften Tagen vor sechs Jahren geht es im Leben von Hasan Atamish bergauf. Als Jungarchitekt, der frisch von der Uni gekommen ist, musste er sich beruflich zwar erst beweisen, Fort- und Weiterbildungen machen und sich einiges an Wissen – vor allem auf dem noch recht frischen Architektur-Feld des BIM (Building Information Modeling) – autodidaktisch und via trial and error beibringen, doch die Arbeit hat sich bezahlt gemacht: „Ich habe vor Kurzem ein riesiges, innovatives und spannendes Projekt als BIM Manager übernehmen dürfen“, berichtet er. Auch seine Wohnungssuche hat Früchte getragen, seine ehrenamtliche Tätigkeit wurde mit dem Preis des „Stuttgarters des Jahres“ gewürdigt und dieses Wochenende steht endlich wieder ein zweiwöchiger Heimatbesuch bei seinen Eltern in Jordanien an. Dort, in Amman, gibt es seiner Meinung nach auch das beste Essen. „Der Anspruch ans Essen ist dort ein anderer, weil’s dort sonst nicht viel Spannendes zu tun gibt“, sagt er schmunzelnd. „Die Restaurants versuchen daher immer extra innovativ und extra interessant zu sein und probieren ungewöhnliche Mischungen aus, bei denen man auf den ersten Blick nicht glauben würde, dass es schmeckt – tut’s aber!“ Da ist’s ja fast schade, dass er nie in den Genuss von Burhans wilden Maultaschen-Kreationen am Murrhardter Hof gekommen ist. Gute Reise!