Untreue-Verfahren vor dem Landgericht Wohninvest-Prozess wird ohne Urteil enden

Geschäftsmann Harald Panzer tritt meist in Jeans und in legeren Pullis auf – wie hier in Bremen 2019. Foto: imago//Kokenge

Nach acht Monaten könnte das Mammutverfahren gegen den Wohninvest-Gründer Harald Panzer an diesem Dienstag enden. Um eine Verurteilung kommt der Immobilienmogul aber wohl herum.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Wenn es eine Geschichte gibt, die das Wesen von Harald Panzer treffend beschreibt, ist es wohl die mit dem leeren Tor. Denn mit einem wuchtigen Schuss buchstäblich ins Netz gedroschen hat der Waiblinger Immobilienmogul den Ball so gut wie nie. Nein, aus Zeiten, in denen der Endfünfziger noch selbst die Kickstiefel schnürte und als hoffnungsvolles Nachwuchstalent galt, wird erzählt, dass der begabte Dribbler den Ball gern per Hacke über die Linie bugsierte. Mit Vorliebe soll Harald Panzer vor dem leeren Tor gewartet haben, bis endlich ein Verteidiger zurückgehechelt war – um ihn wahlweise zu tunneln oder genüsslich ins Leere grätschen zu lassen.

 

Eine gewisse Bolzplatz-Mentalität ist möglicherweise auch in der Immobilienbranche ein Erfolgsfaktor. Harald Panzer jedenfalls hat mit einem Mix aus Abgebrühtheit und Spieltrieb sein 2005 gegründetes Unternehmen Wohninvest in schwindelerregende Höhen geführt. Die Lust am Zocken, die auf dem Fußballplatz jeden Trainer zur Weißglut getrieben haben muss, sorgte im Geschäftsleben für satte Gewinne und Umsätze in dreistelliger Millionenhöhe.

Zu seinen Terminen lässt sich Panzer im noblen Maybach chauffieren

Als sich die Wohninvest 2017 die Namensrechte am Bremer Weserstadion sicherte, soll der Jahresumsatz bei 260 Millionen Euro gelegen haben. Drei Jahre später hatte der 80-Mitarbeiter-Betrieb die 300-Millionen-Marke geknackt. Die frisch frisierte Belegschaft röhrte bei Feierabend mit Boliden aus der Tiefgarage, die Normalverdiener nicht nur wegen der Dezibelwerte blass werden lassen. Panzer selbst ließ sich im noblen Maybach zu seinen Terminen chauffieren.

Das weckte Neid in einer Branche, in der jeder jeden kennt, und warf die Frage auf, ob beim traumhaften Aufstieg der Wohninvest auch wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Seit 2015 hat die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt, im Juni 2023 startete vor der 11. Großen Strafkammer des Landgerichts der auf zunächst 22 Verhandlungstage angesetzte Prozess. Dass diese Frist für das Mammutverfahren viel zu knapp bemessen war, zeichnete sich bereits im Herbst ab – was nicht nur an der äußerst komplexen Materie, sondern auch an der mittlerweile verstrichenen Zeit liegen mag.

Fast ein Jahrzehnt nach den Immobiliendeals hatten viele Zeugen nachvollziehbar Schwierigkeiten, sich finanzielle Details und exakte Abläufe ins Gedächtnis zu rufen – weshalb in fast jeder Aussage von mehr oder weniger gravierenden Erinnerungslücken die Rede war. Vorgeworfen wird dem Wohninvest-Gründer, sich eine ganze Reihe von millionenschweren Immobilien aus dem Pleite-Portfolio der berüchtigten WGS-Fonds zu einem Spottpreis unter den Nagel gerissen zu haben – und beim Einfädeln der Deals auch vor Bakschisch-Zahlungen nicht zurückgeschreckt zu sein.

Fast zwei Dutzend Objekte hatte sich das Fellbacher Unternehmen trotz teils sehr komplizierter Eigentumsverhältnisse und großem Sanierungsstau gesichert. Konkret genannt in der Anklageschrift sind neben dem für 22,5 Millionen Euro an die Wohninvest verkauften Wohn- und Geschäftszentrum Sillenbucher Markt auch drei weitere vermeintlich weit unter dem Marktwert abgestoßene Areale in Stuttgart, Esslingen und im Strohgäu. Die Staatsanwaltschaft hat aus der Einkaufstour zum Schnäppchentarif den Vorwurf gestrickt, dass bei den Immobilien-Geschäften weniger das kaufmännische Geschick der Wohninvest den Ausschlag gab, sondern Schmiergeld im Spiel gewesen sein muss. Mitbewerber gingen bei der Vergabe schließlich regelmäßig leer aus, obwohl sie teils deutlich höhere Gebote auf den Verhandlungstisch gelegt haben sollen.

Im Prozess vor dem Landgericht steckt der Teufel im juristischen Detail

Schon bei der Bewertung der einzelnen Offerten allerdings steckt der juristische Teufel im Detail. Mehrfach arbeitete sich das Stuttgarter Landgericht an der Frage ab, wie fundiert ein Kaufangebot eingestuft werden musste und, ob es sich um eine vergleichsweise vage Interessensbekundung oder um ein handfestes und notariell beglaubigtes Gebot handelte. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft wurde der Wohninvest-Konkurrenz der Weg zum Immobilienkauf durch hohe formelle Hürden bewusst schwer gemacht. Die Verteidiger halten dagegen, dass der mit der Abwicklung der Pleite-Immobilien beauftragten Verwaltungsgesellschaft GVV der Spatz in der Hand im Zweifelsfall lieber war als die Taube auf dem Dach und sie einem verlässlichen Partner, der pünktlich zahlt, im Immobilien-Poker den Vorzug gaben.

Beantwortet ist diese Kernfrage auch nach mittlerweile 30 Verhandlungstagen nicht. Zwar gibt es laut Richter Christian Klotz „signifikante Anhaltspunkte“ für eine Mauschelei zwischen Harald Panzer und dem ebenfalls auf der Anklagebank sitzenden GVV-Geschäftsführer Gerald Eisenhardt. Auch eine von der Wohninvest gezahlte Vergütung in Höhe von 47 000 Euro an den Immobilienverwalter, für die es offenbar keine Gegenleistung gibt, legt die Vermutung nahe, dass es eine „Unrechtsvereinbarung“ im Hintergrund gibt. Doch einen schlüssigen Beweis für Schmiergeldzahlungen blieb das Verfahren schuldig. Statt handfester Belege gibt es nach wie vor nur vage Vermutungen, es hätte alles eben auch anders sein können.

Erschwerend hinzu kommt, dass die Staatsanwaltschaft im Prozess trotz jahrelanger Vorbereitungszeit kein gutes Bild abgab. Die entscheidenden Fragen wurden nicht gestellt, im Prozess war mehrfach von einer „lückenhaften Ermittlung“ die Rede, wichtige Zeugen, so die Beschwerde von Richter Klotz, seien von der Polizei gar nicht vernommen worden. Auch deshalb könnte der Prozess um die Wohninvest-Geschäfte jetzt doch noch vorzeitig enden. Seit Wochen wird hinter den Kulissen um eine Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldauflage gerungen, beide Seiten haben ihre Version der finanziellen Vorstellungen längst genannt.

Die Staatswaltschaft hält einen Betrag von 1,8 Millionen Euro für angemessen, um auch ohne Richterspruch ein deutliches Signal zu setzen. 250 000 Euro wären aus Sicht der Verteidigung in Ordnung, um das leidige Verfahren zu beenden und Harald Panzer wieder in Ruhe seinen Geschäften nachgehen zu lassen. Treffen sich beide Seiten in der Mitte, wäre zumindest annähernd die Million erreicht, die Richter Klotz schon mal als Verhandlungsbasis in den Raum gestellt hatte.

An der Immobilienfirma ging das Mammutverfahren nicht spurlos vorbei

Der wegen Untreue und Bestechlichkeit angeklagte Eisenhardt, im Prozess eigentlich die Hauptfigur, muss aus Sicht des Staatsanwalts mit einer Geldauflage von 80 000 Euro rechnen. Ob es hinter den Kulissen zur Einigung gekommen ist, wird sich an diesem Dienstag zeigen. Dass Harald Panzer inzwischen arm ist wie eine Kirchenmaus, ist unwahrscheinlich. Dennoch dürfte der ausgerechnet in eine Krisenzeit der Immo-Branche fallende Prozess finanziell schon jetzt nicht spurlos an der Wohninvest vorüber gegangen sein.

Sein Engagement im Sport und in der Gastroszene hat der meist in Jeans und Schlabber-Pulli auftretende Geschäftsmann drastisch zurückgefahren. Von den Trikots der TVB-Stuttgart-Handballer ist das Firmenlogo verschwunden, die Speisemeisterei verkauft. Weil Harald Panzer offenbar hohe Summen in sein Unternehmen stecken muss, schauen auch Waiblingens Zweitliga-Handballerinnen und die Kicker des SV Fellbach aktuell in die Röhre. So gesehen hat sich Harald Panzer durch den Prozess um seine Geschäfte doch verdribbelt – auch wenn ihm eine Verurteilung wohl erspart bleibt.

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