Stadtkind Stuttgart

Urban Art in Stuttgart Handlungsreisender für Straßenkunst

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Früher Graffiti, dann die Hells Angels, heute urbane Kunst: Aurèle Mechler malt mittlerweile in ganz Deutschland. Ob Graffiti am legendären Jakob 17 oder an der Döner-Bude in der Nordbahnhofstraße: seine Werke wirken.

Lagebesprechung neben seinem Atelier bei den Waggons: Aurèle Mechler bei der Arbeit. Foto: FACTUM-WEISE
Lagebesprechung neben seinem Atelier bei den Waggons: Aurèle Mechler bei der Arbeit. Foto: FACTUM-WEISE

Stuttgart - Das Stadtkind-Büro der Stuttgarter Zeitung im ehemaligen Filmhaus, es ist 8 Uhr früh. Eine eher unchristliche Zeit für einen Künstler, sollte man meinen. Doch Aurèle Mechler ist viel beschäftigt: Von seinem Atelier in den Waggons am Nordbahnhof aus bereist er ganz Deutschland, fährt bis zu 50.000 Kilometer im Jahr, ein Handlungsreisender in Sachen Street Art. In ganz Deutschland bemalt er Wände, fertigt Ölmalereien an oder gestaltet ganze Häuser-Fassaden.

Für den Urban-Art-Atlas der StZ hat er das Logo entworfen. Zum Dank streikt nun die Kaffeemaschine im Büro. Mechlers Laune hebt das nicht gerade. „Ich brauche erst einmal einen Kaffee, vorher geht nichts.“ Es beginnt eine Odyssee durch das neue Gastronomie-Eldorado rund um die Königsbau Passagen. Der Palast der Republik hat überraschender Weise noch geschlossen. Genügend Zeit für Mechler, auch ohne die erste Dosis Koffein seinen Weg als Künstler zu dokumentieren. „Mit sechs Jahren kam ich das erste Mal mit Comics in Berührung. Mein damaliger Nachbar, ein Franzose, hatte eine phänomenale Sammlung Zuhause.Er zeigte mir, wie man aus einem weißen Blatt Papier einen Raum macht.“

Mechlers Stil ist düster, dabei aber auch bunt

Mechlers Familie unterstützte seine künstlerischen Interessen: „Meine Eltern haben mich in jedes Museum, in jede Kirche geschleppt.“ Ein großer Teil von Mechlers Familie stammt aus Frankreich, er selbst wurde in der Schweiz geboren. „In Frankreich haben Comics einen anderen Stellenwert. Mein Opa schenkte mir immer welche.“ So wurde der Grundstein gelegt für Mechlers Stil, der etwas Düsteres, aber gleichzeitig auch sehr Buntes in sich trägt.

Von den Comics kam Mechler später zum Graffiti. Noch zu Schulzeiten machte er sich als Sprüher in Heidelberg einen Namen, weil er statt der immer gleichen Schriftzüge lieber bunte Characters, comicstripartige Figuren, sprühte. Die HipHop-Kultur selbst beobachtet Mechler heute mit Distanz: „Die Anfänge in den 90er-Jahren mit den Stieber Twins und Torch waren interessant. Später wurde es zu einer Modeerscheinung, das wurde mir zu uniformiert, zu unreflektiert.“ Mechler ist ein Querdenker, der kein Problem hat, mit einer eigenen Meinung anzuecken.

Mit den Brennenden Pudeln bespielte er das ZumZum

Von Heidelberg kam er schließlich zum Studieren an die Merz Akademie nach Stuttgart. Während die Kommilitonen alle schon mit Rechnern vertraut waren, musste sich Mechler erst einarbeiten, holte aber schnell auf, drehte bissige Animations-Filme über George Bush und gründete nebenher das Künstlerkollektiv Brennende Pudel. Mit den Pudeln veranstaltet er Happenings, bespielte den legendären Imbiss ZumZum neben dem Palast der Republik, an dessen Stelle sich heute die Rückseite der Königsbau Passagen befindet. „Ist es nicht verrückt, wie sich Stuttgart verändert?“, sagt Mechler, mittlerweile mit einem Kaffee im Pappbecher mit der frühen Morgenstunde versöhnt.

Die Merz Aka verließ er schließlich ohne Abschluss. „Als meine Eltern von der Entscheidung hörten, kamen sie sofort nach Stuttgart, um mit meinem Prof zu sprechen. Der beruhigte sie aber und meinte nur: ,Aurèle braucht keinen Abschluss’.“

Den Hells Angels machte er das Vereinsheim schön

Zu dem Zeitpunkt war Mechler schon als reisender Künstler erfolgreich: Ob im Döner-Imbiss in der Stuttgarter Nordbahnhofstraße oder dem Restaurant Le Pop in Heidelberg – Mechlers Werke sorgen für reichlich Aufsehen: auch bei der Mannheimer Sektion der Hells Angels. „Die kamen eines Tages auf mich zu und wollten, dass ich die Bar in ihrem Clubhaus bemale.“ Die Hells Angels waren von Mechlers Werk so angetan, dass er anschließend das komplette Clubhaus verschönern durfte: „Die Fassade, die Klo-Türen, Tische, einfach alles.“

In Stuttgart gehört Mechler zu den wichtigsten Street-Art-Vertretern. Seine Buchstaben-Welle, die er am Nordbahnhof an ein mittlerweile abgerissenes Gebäude gesprüht hatte, wird in der Szene hoch gelobt. Wieso malt er so gerne auf der Straße? „Manche urbanen Ecken sehen so schlimm aus, da muss einfach mal was passieren“, sagt Mechler,

In seiner Wahlheimat sieht Mechler nun dem Ende der Waggons am Nordbahnhof entgegen. Zum 31. August muss ein Großteil der Fahrzeuge wegen Stuttgart 21 geräumt werden. Für Mechler aber kein Grund zum Jammern: Er ist in die Planungen des Vereins Contain’t involviert, indem die Waggon-Künstler versuchen, den Geist der Spielstätte in eine Brache neben dem Club Zollamt in Bad Cannstatt zu übertragen. Dort soll es künftig Container, Waggons und Holzbauten als Kulisse für Kunst und Konzerte geben. Die künstlerische Handlungsreise des Aurèle Mechler geht also weiter.

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