„Urgötz“ im Stuttgarter Schauspiel Der Ernst im Spaß

Von rm 

Tragödie, Kabarett, Show, Pantomime: Bei der Premiere des Stuttgarter Schauspiel entfesselt Simon Solberg mit überwältigender Spielfreude seine Rolle als Goethes „Urgötz“. Die Inszenierung hat dennoch nicht jedem gefallen.

  Foto: Martin Stollberg
  Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Es hat nicht jedem gefallen. Irgendwann lässt sich aus dem Parkett ein „Scheiße“ vernehmen. Der Herr, der es sagt, ist im Aufstehen begriffen und verlässt Sekunden später das Schauspielhaus – ein starker Auftritt und Abgang, denn seine Empörung durchbricht die Stille, die auf der Bühne herrscht: Der dem Gerechtigkeitssinn folgende Götz von Berlichingen ist von der Kaiserin festgesetzt worden, aber nicht, wie bei Goethe, in einem Heilbronner Turm, sondern in einem Aldi-Einkaufswagen. Der Verzweiflung des Ritters tut das keinen Abbruch, im Gegenteil, es führt sie aus dem Mittelalter sinnfällig in die Moderne. Aber egal: die Szene bringt das Unmutsfass zum Überlaufen, derart perfekt getimt, dass man den Kraftausdruck sogar für inszeniert halten konnte.

Er war nicht inszeniert und bestellt, wie uns versichert wird. Und doch ist die vom S-Ruf ausgelöste Irritation bezeichnend für die herrlich unvorhersehbare Regie von Simon Solberg. Er bricht den „Urgötz“ auf, den selbst sein Urheber für nicht bühnentauglich hielt, und inszeniert das Drama mit einer Spielfreude, die vor keinem Genre, keinem Einfall Halt macht. Tragödie, Kabarett, Show, Pantomime: virtuos jongliert Solberg mit allem, was ihm gefällt. Er folgt dem Sandkasten-Prinzip der kindlichen Zerstreuung, aber nutzt es doch so reif und erwachsen, dass er den Blick immer rechtzeitig auf den Ernst der Sache fokussiert.

Dass Götz am Hunger auf der Welt verzweifelt, damals wie heute, diese fiebrige Verzweiflung trifft mit Wucht, zumal der Ritter von Wolfgang Michalek verkörpert wird. Ein kraftvoller Kämpfer, der nie als Eiferer denunziert wird, sondern als Weltverbesserer mit Skrupeln vor uns aufragt und an seiner Ohnmacht stirbt. Sein letztes Wort: „Freiheit“. Im Sterben liegend, gurgelt es Michalek zusammen mit dem Wasser, das man ihm gereicht hat, aus dem Mund. Das geschändete Wort versteht man kaum, die Botschaft in all ihren Nuancen schon – noch eine der tollen Ideen, die den „Urgötz“ in Stuttgart spielbar machen.