Urheberrecht Wie sehen die Wissenschaftler ihr neues Recht?

Wissenschaft: Alexander Mäder (amd)
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In der Begründung des Gesetzentwurfs heißt es, der Markt werde „von wenigen großen Wissenschaftsverlagen dominiert“, die ihre „Marktmacht“ nutzten, um den Autoren die Bedingungen zu diktieren. Das sieht auch Johannes Fournier von der Deutschen Forschungsgemeinschaft so. Er unterstützt das Gesetzesvorhaben ebenso wie alle anderen großen Forschungsorganisationen, die sich zu einer Allianz zusammengeschlossen haben. „Die Vertragsfreiheit ist ohnehin eingeschränkt. In der Praxis müssen Wissenschaftler in bestimmten Fachzeitschriften veröffentlichen, die dann die Bedingungen diktieren können“, sagt Fournier. Wer in der Wissenschaft Karriere machen will, muss seine Arbeiten in Fachzeitschriften mit hohem Impact Factor veröffentlichen. Und wer gute Forschungsarbeiten lesen möchte, muss hohe Abogebühren bezahlen. Das könne sich manche Instituts- und Universitätsbibliothek nicht leisten, beklagt die Allianz in einer Stellungnahme. „Wissenschaftler haben sogar häufig keinen Zugriff mehr auf ihre eigenen Beiträge.“

Das neue Recht gebe Wissenschaftlern die Möglichkeit, selber zu entscheiden, ob ihnen die Publikation in einem Fachjournal reicht, argumentiert Fournier. Wenn sie wollen, können sie die „Sichtbarkeit“ ihrer Forschung erhöhen, indem sie den Text in eine frei zugängliche Datenbank einstellen. Das würden zwar viele Verlage schon heute unter bestimmten Bedingungen gestatten, doch die unterschiedlichen Regelungen der Verlage müssten vereinheitlicht werden. Auch das Justizministerium beschreibt den gegenwärtigen Zustand als unhaltbar: mit Steuergeld finanzierte Forschungsergebnisse müssten ein zweites Mal bezahlt werden, um sie in Forschung und Lehre nutzen zu können, heißt es in der Begründung des Gesetzentwurfs. Doch dieses Argument will Fournier nicht in den Vordergrund stellen: Ihm gehe es vielmehr darum, die Texte besser nutzen zu können und die wissenschaftliche Diskussion zu erleichtern.

Ob sich etwas am System ändern wird, ist unklar

Wie die Wissenschaftler das neue Recht sehen und ob sie es nutzen würden, ist umstritten. Sie werden sich auch weiterhin in einem harten Wettbewerb bewähren und in hochrangigen Fachjournalen publizieren müssen. „Das Urheberrecht ist das falsche Werkzeug, um an diesem System etwas zu ändern“, sagt Albrecht Hauff vom Thieme-Verlag. Doch Johannes Fournier entgegnet: „Es ist ein wichtiger Schritt, mit diesem Problem umzugehen.“ Derzeit sei die Rechtslage so unübersichtlich, dass sich viele Wissenschaftler nicht trauten, ihre Arbeiten frei zugänglich zu machen.

Die Allianz zitiert eine mit SOAP abgekürzte weltweite Umfrage, derzufolge es in jeder Disziplin mehr als 75 Prozent der Befragten begrüßen würden, wenn mehr Fachartikel frei zugänglich wären. Doch es wurde nicht nach der Zweitverwertung gefragt, so dass die Befragten vermutlich an eine direkte Publikation in einem kostenlosen Online-Journal gedacht haben. Der Deutsche Hochschulverband, in dem zwei Drittel aller Professoren Mitglied sind, lehnt das geplante Recht auf Zweitverwertung hingegen ab. Er verweist auf einen PEER genannten Versuch, europaweit Wissenschaftler dazu zu bewegen, ihre Artikel in eine frei zugängliche Datenbank einzustellen. Nur 0,2 Prozent der Forscher folgten dieser Aufforderung.

Der Gesetzentwurf sieht vor, dass nicht die publizierte Fassung vom Autor ein zweites Mal veröffentlicht werden darf, sondern die vom Verlag angenommene Version des Manuskripts. Es fehlen also die Seitenzahlen der Fachzeitschrift und das Literaturverzeichnis ist nicht mit den zitierten Texten verlinkt, wie es viele Verlage inzwischen anbieten. Wenn ein Wissenschaftler einen Artikel aus einer Zweitverwertungs-Datenbank zitieren möchte, wird er nicht umhin kommen, sich das Original zu beschaffen.

Wenn das neue Recht allerdings selten genutzt würde, entstünde den Verlagen auch kein großer Schaden. Es gibt aber eine Berufsgruppe, die den Wandel bereits vollzogen hat: Unter Bibliothekaren gelte es inzwischen als unschicklich, für ein teures Fachjournal zu schreiben, berichtet der Verleger Vittorio Klostermann. Er verlegt die „Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie“. Sie werde demnächst kostenlos online erscheinen, weil er sonst keine Autoren mehr finden würde.

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