Ursachenforschung nach der Krawallnacht in Stuttgart Die abgehängte Risikogruppe

Spuren der Zerstörungswut: Auf der mit einer Spanplatte abgedeckten Werbetafel auf der Stuttgarter Königstraße hat jemand den Spruch geschrieben: „Create, don’t destroy“ (Erschaffe, zerstöre nicht). Foto: dpa/Marijan Murat

Die Krawalle vom Wochenende haben das Selbstbild der Integrationsstadt Stuttgart beschädigt. Die Polizei sieht Migrantengruppen als Problem.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Stuttgart - Jahrzehntelang galt Stuttgart bei der Integration als vorbildlich in der Republik. Ausschreitungen wie die vom vorigen Wochenende erlebte man hier am Fernsehschirm, wenn es mal wieder krachte in französischen Banlieues oder auch in Hamburg und Berlin. „Noch vor zwei Wochen hätte ich gesagt: In Stuttgart werden keine Autos abgefackelt, hier werden Autos gebaut“, sagt Gari Pavkovic, der Integrationsbeauftragte der Landeshauptstadt. Dieses Bild ist seit der Randale in der City beschädigt. „Das erschüttert das Selbstverständnis der Integrationsstadt Stuttgart“, räumt Pavkovic ein. Der Psychologe, der selbst vor 50 Jahren aus Mostar im heutigen Bosnien-Herzegowina nach Deutschland kam und hier Karriere gemacht hat, ist hörbar getroffen. Und ein bisschen ratlos.

 

Wie konnte es dazu kommen, dass Samstagnacht nach einer Drogenkontrolle eines 17-Jährigen am Eckensee bis zu 500 vorwiegend junge Leute die Polizei brutal angegriffen, sich mit den Beamten eine mehrere Stunden dauernde Straßenschlacht geliefert haben, dabei Schaufensterscheiben einschlugen und Läden plünderten? 15 von 25 Festgenommenen kommen aus Stuttgart, sie sind 14 bis 33 Jahre alt. Zwölf der 25 haben einen deutschen Pass, die meisten einen Migrationshintergrund. Die anderen 13 haben laut Polizei Wurzeln in Kroatien, Portugal, Polen, Lettland, Bosnien, Afghanistan, Irak und Somalia; neun seien Geflüchtete.

Bei vielen Migranten gibt es ein Grundmisstrauen gegenüber dem Staat

Gari Pavkovic weiß, dass es viel Unzufriedenheit unter jungen Migranten in der Stadt gibt, dass viele sich benachteiligt fühlen. Zum Beispiel weil sie oft von der Polizei kontrolliert werden. Es gebe bei vielen „ein Grundmisstrauen gegenüber dem Staat und vor allem gegenüber den Sicherheitsbehörden“. Und dass es bei Jugendlichen, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, nach starkem Alkoholkonsum – wie dies bei vielen Randalierern vom Wochenende der Fall war – zu aggressivem Verhalten kommt. „Das ist ein typisches Thema männlicher Gewalt“, sagt er.

Aber auch Gari Pavkovic reichen diese Erklärungen nach den jüngsten Ereignissen nicht. „Bei drei Prozent Jugendarbeitslosigkeit kann man sagen: Hier kann jeder seinen Platz finden“, sagt er. Es gebe Perspektiven, „wir sind hier nicht in Chemnitz oder in New York“, betont der Diplom-Psychologe. Wirklich verstehen kann Gari Pavkovic nicht, wie es zu einem so „defizitären Integrationsprozess“ und zu einer „falschen Sozialisation“ bei diesen jungen Leuten gekommen ist. Diese „Risikogruppe“, deren Größe er nicht kenne, „haben wir bisher nicht richtig erreicht“. Selbst wenn sie eher klein sein dürfte, hat das Thema Gewicht. Immerhin haben 57 Prozent der unter 18-jährigen Stuttgarter einen Migrationshintergrund.

Für die Beamten sind die Vorfälle nicht ganz überraschend gekommen

Hört man sich bei der Stuttgarter Polizei um, erhält man Hinweise auf die Problemgruppe. Dass diese der Partyszene zuzurechnen sei, wie das verbreitet wurde, hält man dort für unzutreffend. „Auch wenn häufig Alkohol fließt, ist das ein falscher Begriff“, sagt ein Beamter. Es handle sich um „gewaltbereite junge Menschen, die sich unter anderem in Vergnügungsmilieus finden“. Sie hätten „eher wenig Bildung, fassen hier nicht Fuß, fühlen sich als Verlierer und machen uns alle dafür mitverantwortlich“. Für die Beamten sind die jüngsten Vorgänge nicht ganz überraschend gekommen. „Das Problem bewegt uns bei der Polizei schon lange, im Kessel brodelt es nachts in diesem Milieu nicht erst seit dem vergangenen Wochenende“, sagt ein anderer erfahrener Polizist. Und: „Die Leute, die uns schon seit Längerem das Leben schwermachen, sind zum Beispiel türkischer, arabischer, irakischer oder afghanischer Herkunft. Die machen rund um den Eckensee 70 bis 80 Prozent unserer Arbeit an den Wochenenden in der Innenstadt aus.“

Der Integrationsbeauftragte plädiert für eine umfassende Sicht auf die Dinge

Auch für den mangelnden Respekt dieser jungen Leute gegenüber der Polizei haben die Beamten eine Erklärung: „Aufgrund ihres Hintergrunds halten diese jungen Typen die deutsche Polizei doch für schwach. Das erleben die Streifen überall seit Längerem.“ Am vorigen Wochenende, als sich dort so viele junge Leute versammelt haben, hätten sich diese offenbar „stark genug gefühlt, etwas gegen die Polizei zu machen“. Sollten die Corona-Beschränkungen dazu beigetragen haben, findet ein Beamter, „dann war das nur der allerletzte Tropfen eines schon überlaufenden Fasses“.

Gari Pavkovic will diese Sicht der Dinge „nicht in Abrede stellen“. Doch er plädiert für eine umfassende Sicht auf die Dinge. Vieles laufe in der Integration der Stadt gut, aber diese Gruppe habe man „nicht genügend im Blick gehabt“, sagt er selbstkritisch. „Wenn wir alles richtig gemacht hätten, wäre das nicht passiert.“ Doch Pavkovic sieht auch Handlungsansätze. So habe man vor Jahren gute Erfahrungen bei Projekten mit jungen Spätaussiedlern gemacht, die sich ähnlich feindselig gegenüber der Polizei verhalten hätten. Und Pavkovic will nicht nur mit „bezahlter Sozialarbeit“ die Probleme angehen. Er werde auch auf die Migrantenvereine zugehen. „Ich erwarte, dass auch sie sich stärker engagieren“, sagt er. Heute hätten sie häufig das Problem, dass sie Jugendliche „nur schwer halten können“ und eher „Seniorenbegegnungsstätten“ glichen.

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