Verhandelt wurden die Taten eines Lehrers, der seit vielen Jahren am örtlichen Wirtschaftsgymnasium der Kaufmännischen Schule unterrichtet. Ein beliebter Mann, der auch im Sportkreis engagiert ist, der viel macht, viel organisiert. Doch hinter alledem steht ein System, das Schwierigkeiten zu haben scheint mit gerade solchen Leuten umzugehen. Doch der Reihe nach.
Die Schülerin war nur mit einem Handtuch bekleidet
Herr G., so einer der beiden Tatvorwürfe, habe einer Schülerin auf den Hintern geschlagen. Das war bei einer Skifreizeit und ist schon einige Jahre her. Die Schülerin kam zu diesem Zeitpunkt aus der Dusche und war nur mit einem Handtuch bekleidet. Herr G. , so der andere Tatvorwurf, habe bei einem so genannten Vertrauensspiel darauf gedrungen, auf dem Schoß einer Schülerin zu sitzen – und gleichzeitig eine weitere Schülerin auf seinem Schoß platziert. Das war im vergangenen Schuljahr. Und beides war, so die Vorsitzende Richterin Susanne Friedl in ihrer Urteilsbegründung, wohl nur „die Spitze eines Eisberges“. Eine ganze Reihe von Zeugen hatte die Anklagevorwürfe weitestgehend bestätigt, und ein Bild von dem Lehrer gezeichnet, welches die richterliche Einschätzung nahe legt.
Großes Interesse an Brustwarzenpiercings
Da fanden es Schülerinnen schon irgendwie unpassend, wie intensiv sich der Lehrer für Brustwarzenpiercings interessierte, wie er als Sexspielzeug wahrnehmbare Handschellen mit rosa Puscheln in den Unterricht integrierte, wie er den tiefen Ausschnitt mancher Schülerin kommentierte. Er habe halt manchmal ein loses Mundwerk und verwende Jugendsprache, räumte der Lehrer ein, der die Pensionierung in Sichtweite hat. Alle anderen Vorwürfe stritt er ab. Mit einer Ausnahme. Dass er im Schwimmunterricht mal erklärt habe, die Mädchen hätten schnell „eine Körbchengröße kleiner“ wenn sie falsch ins Wasser sprängen, ja, das habe er wohl mal gesagt.
Das ist die eine Seite des Prozesses von Bad Mergentheim. Es gibt noch eine andere. Im November vergangenen Jahres hat das Kultusministerium im Landtag eine Stellungnahme zu sexuellen Vorwürfen gegenüber Lehrern abgegeben. 55 Fälle waren es im Jahr 2022, in den Jahren zuvor jeweils etwas weniger. Vergleichbar sind die Vorwürfe nur schwer, auch weil das Strafrecht in diesem Bereich ständig reformiert worden ist. Die sexuelle Belästigung, die auch in Bad Mergentheim angeklagt worden ist, steht in der Statistik jedoch ganz oben. Allerdings: Auch hier könnte die Statistik nur die Spitze des Eisberges abbilden. Und das hängt damit zusammen, wie Betroffene mit diesen Vorgängen umgehen. Wie damit umzugehen ist, sagt das Regierungspräsidium auf Anfrage. Von einem Verdachtsfall sei erst die Schulleitung zu informieren, die dokumentiert, befragt – und leitet gegebenenfalls über das Regierungspräsidium ein Disziplinarverfahren ein. Grau ist alle Theorie.
Das ergreifendste Plädoyer kommt von einem Zeugen
Normalerweise plädieren in einem Gerichtssaal Staatsanwalt und Verteidiger. In Bad Mergentheim kam das beeindruckendste Plädoyer von einem Zeugen. Ein Lehrer, der zusammen mit einer Kollegin die Missstände bei der Polizei angezeigt hatte, weil in der Schule und im Regierungspräsidium niemand auf ihn hören wollte. „Wir sollen ein Schutzraum sein für Schüler, und wir sind ein Tatort“, sagt der Mann, dem anzuhören ist, wie sehr er sich schwertut mit diesen Worten. Da ist die Loyalität gegenüber dem Kollegen, die Loyalität gegenüber der Schule, und die Loyalität gegenüber den Schülern, die in ihm ringen. Alles in Einklang zu bringen, das geht nicht.
Seit fast zehn Jahren regelmäßig Beschwerden
Sie sei seit fast zehn Jahren an der Schule, es gab kein Jahr, in dem es nicht etwas gab mit Herrn G., sagt eine andere Kollegin. Mal sei er rassistisch gewesen, mal homophob, mal anzüglich. Im Sportunterricht habe er bei vielen Mädchenpopos weit mehr Hand angelegt, als bei einer normalen Hilfestellung üblich. „Die Schulleitung hat das alles seit Jahren unter den Teppich gekehrt“.
Gespräche mit der Schulleitung blieben ergebnislos, sekundiert der Kollege, der die Anzeige ins Rollen brachte. Ausschlaggebend, seien die Worte einer Schülerin gewesen: „Alle Lehrer wissen es, keiner macht etwas“. Im Gerichtssaal dann brechen die Dämme. Bei den Schülerinnen, die in Tränen ausbrechen, wenn sie sich erinnern. Und bei dem Anzeige erstattenden Lehrer, der sich echauffiert: „Ein Teil der Schüler, die heute hier ausgesagt haben, werden immer noch von Herrn G. unterrichtet“.