USA US-Eliteunis: Tritt ein, bring Geld herein

Von S 

Um ihre Kinder in Yale oder Harvard unterzubringen, sollen Promis hohe Schmiergelder gezahlt haben.

Begehrte Kaderschmiede: Blick auf den Campus von Harvard Foto: AP
Begehrte Kaderschmiede: Blick auf den Campus von Harvard Foto: AP

Boston/Los Angeles - taatsanwalt Andrew Lelling machte kein Hehl daraus, wer für ihn die Kriminellen in diesem Fall sind, den er vor dem Bundesgericht von Massachusetts zur Anklage gebracht hat. „Es sind die Eltern, die diesen Betrug vorangetrieben haben“, sagte Lelling, als er am Montag in Boston vor die Presse trat. Der Hauptangeklagte ist zwar William Singer, der Gründer einer kalifornischen Firma, deren einziger Zweck war, für große Summen die Platzierung von Highschool-Abgängern an einem Elite-College wie Harvard zu garantieren. Singer fingierte Zugangstests und Bewerbungsunterlagen und bestach Angestellte der Hochschulen.

Doch die Entrüstung der amerikanischen Öffentlichkeit und der Staatsanwaltschaft gilt vor allem den Eltern, die diesen Betrug vorangetrieben haben. Bis zu einer Million Euro wurden an Singer überwiesen, damit die Zöglinge in Yale oder Harvard landen. Insgesamt verdiente Singer zwischen 2011 und 2019 rund 22 Millionen Euro mit seinen Platzierungstricks. Die Liste der angeklagten Eltern enthält zwar keine A-List-Prominenz – am berühmtesten sind die TV-Stars Felicity Huffman, bekannt aus „Desperate Housewives“, und Lori Loughlin aus der Sitcom „Full House“. Auffallend ist jedoch, dass sie sämtlich Angehörige einer finanziellen und sozialen Elite sind. Zu ihnen gehören CEOs von Investmentfirmen, Präsidenten von Medienfirmen und Star-Rechtsanwälte. So ist der Skandal in erster Linie ein Lehrstück darüber, wie die Elite mit allen Mittel den sozialen Status ihrer Familie zu sichern sucht.

„Diese Eltern leben in einer Welt, in der das einzige Maß guter Elternschaft ist, ob es ihre Kinder auf eine Eliteschule schaffen“, sagt Mitchell Stevens, Professor für Pädagogik und Bildungspolitik an der Stanford University. Die Aufnahme in eine Eliteschule garantiert in den USA noch immer einen hohen Verdienst und sozialen Status. „Es geht bis hin zur Attraktivität auf dem Heiratsmarkt“, sagt Stevens. „Wer in Harvard oder Yale war, hat bessere Chancen.“ Gleichzeitig ist es in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden, auf legalem Weg an einer der Eliteschulen aufgenommen zu werden. Die Akzeptanzraten für Yale und Harvard werden auf weniger als fünf Prozent der Bewerber geschätzt. Entsprechend groß ist die Bereitschaft, den Prozess zu manipulieren.

Bewerbungen wurden frisiert, Tests ausgetauscht, Trainer bestochen

Singers Verfahren war relativ simpel. Die Kinder der zahlenden Eltern wurden zu bestimmten Test-Centern in Houston und Los Angeles geschickt, um ihre standardisierten Tests zu absolvieren – Center, an denen er zuvor die Angestellten bestochen hatte. Singer und seine Angestellten frisierten die Bewerbungsunterlagen, Anwärter hatten auf einmal bestimmte Behinderungen oder waren plötzlich Starathleten in Sportarten, die sie nie ausgeübt hatten. Gleichzeitig bestach Singer Angestellte an bestimmten Schulen, allen voran Sporttrainer. Die Trainer behaupteten, bestimmte Kinder für ihre Sport-Teams zu brauchen, weil sie in einer Sportart angeblich herausragende Leistungen erbrachten. Aus einem unsportlichen Jugendlichen wurde ein Starruderer – sogar Siegfotos und Urkunden wurden gefälscht.

Viele Beobachter, die das amerikanische Collegesystem kennen, reagierten auf den Skandal jedoch wenig überrascht. „Jeder, der irgendetwas über den halsabschneiderischen Wettbewerb um Plätze an den Top-Unis kennt, weiß, wie hässlich und unfair dieser Kampf werden kann“, schrieb Frank Bruni, Kolumnist der „New York Times“ und Autor eines Buches über den „Ivy­League-Wahnsinn“. „Der einzige Unterschied jetzt ist, dass die Aktivitäten klar auf die kriminelle Seite gewandert sind.“

Der Versuch, den Kindern mit Geld einen Platz an einer Prestigeschule zu erkaufen, ist laut Bruni jedoch nicht neu. Honorare von 45 000 Euro für Berater, die Bewerbungen frisieren, sind branchenüblich; ebenso großzügige Spenden an die Universität just zu dem Zeitpunkt, an dem der eigene Spross eine Bewerbung verfasst. So hatte der Vater von Donald Trumps Schwiegersohn, Jared Kushner, 2,2 Millionen Euro an Harvard gespendet, als Kushner sich bewarb. Kushner bekam den Studienplatz. Die Linie zwischen der legalen und der illegalen Manipulation ist laut Bruni fließend. „Beides sind Betrugsformen durch diejenigen, die sich das leisten können.“ Am Ende hofft Bruni jedoch, dass der Skandal sein Gutes hat: „Es wird Zeit, dass wir das System überdenken.“