Van-Gogh-Ausstellung im Städel Frankfurt Mythos vom wahnsinnigen Genie

Der Leidensgestus hat Van Gogh bekannt gemacht: Selbstbildnis von 1887 (Ausschnitt) Foto: Art Institute Chicago, Cleveland Museum of Art

Selten hat man eine so anregende Ausstellung gesehen wie „Making Van Gogh“ im Städel in Frankfurt – was nicht nur an den ausgestellten Werken des Publikumslieblings liegt.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Frankfurt - Es hätte alles anders kommen können. Als Johanna Witwe wird, ist sie keine dreißig Jahre. Ihren Mann Theo hat die Syphilis dahingerafft. Den Schwager hat eine Kugel durchbohrt, vermutlich hat er sich selbst erschossen. Nun sitzt die junge Frau da und kümmert sich um das, was die beiden Männer ihr hinterlassen haben: stapelweise Gemälde. Die meisten Bilder stammen von ihrem Schwager. Hätte Johanna van Gogh-Bonger damals nicht beschlossen, der Welt diese Bilder zu zeigen, wüsste heute vielleicht niemand, wer Vincent van Gogh ist – und wäre es auch nicht so schwer, Eintrittskarten für die aktuelle Schau „Making Van Gogh“ im Frankfurter Städel zu bekommen.

 

Johanna finanzierte Ausstellungen aus eigener Tasche. Sie gab den Briefwechsel der Brüder heraus – und schuf en passant den Mythos des verkannten Genies, der van Gogh bekannt machte. Steht man nun im Frankfurter Städel vor den berühmten Selbstporträts oder den knallbunten Landschaften mit nervös-tänzelnden Pinselstrichen, hat man doch stets das Schicksal eines schwierigen Charakters im Hinterkopf und denkt an einen Mann, dem Wahn und Absinth die Sinne vernebelten und der sich schließlich das Ohr abschnitt. Van Gogh, das verzweifelte Genie.

Im Kunstbetrieb ist es üblich, die Wände mit Meisterwerken zu pflastern, die das Publikum vor Respekt erzittern lassen sollen. Das Städel Frankfurt geht nun einen anderen Weg. Die grandiose Ausstellung „Making Van Gogh“ versucht vielmehr aufzuzeigen, wie der Mythos van Gogh entstanden ist. Selten wurde so spannend erzählt, wie der Maler nach seinem Tod systematisch aufgebaut wurde.

Die Farbe spritzt wie Blut herum

Denn nicht nur Johanna van Gogh-Bonger tat das ihre, auch der Berliner Kunsthändler Paul Cassirer versuchte, das Werk auf den Markt zu bringen. Für einen wesentlichen Schub sorgte außerdem Julius Meier-Graefe, als er 1904 in seiner „Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst“ van Gogh zur zentralen Figur der Kunst erklärte. Meier-Graefe legte sogar noch einen Roman nach, in dem er das Bild des verkannten Genies am Rande des Wahnsinns aufs Schönste ausschmückte. Van Gogh habe seine Bilder in „blindem Taumel“ gemalt in einem „Exzess, bei dem die Farbe wie Blut herumspritzte.“ Das Buch wurde ein Bestseller.

Erst sind es Privatleute, die sich für die Bilder van Goghs interessieren, die Deutsch-Niederländerin Helene Kröller-Müller baut etwa eine große Privatsammlung auf. Allmählich ziehen die Museen nach, die Preise steigen – und Meier-Graefe wird zu einem gefragten Gutachter.

Die Frankfurter Ausstellung ist so interessant, weil sie viel vom Kunstbetrieb erzählt, von Leidenschaften und Vorbildern. Der von Meier-Graefe stilisierte Mythos des verkannten Genies wird vielen Künstlern zum Vorbild. Sie imitieren van Gogh und seinen Leidensgestus. Für Maler wie Erich Heckel oder Ernst Ludwig Kirchner ist das Werk van Goghs eine Offenbarung, sie greifen wie zu kräftigen Farben und experimentieren mit seinem züngelnden Strich. Als Max Beckmann sein „Sonniges grünes Meer“ 1905 malt, stellt er fest, dass er nun „endgültig zwischen Cézanne und van Gogh“ stehe. „Van Gogh ist tot“, konstatiert 1910 entsprechend ein Publizist, „aber die van Gogh-Leute leben. . . Überall van Goghelt’s“.

Nicht alle sind begeistert von der „van Goghiana“, wie Emil Nolde den Boom einmal spöttisch nannte. Als die Kunsthalle Bremen 1911 das „Mohnfeld“ kauft, ruft der Worpsweder Maler Carl Vinnan zum Protest auf, weil das Bild erstens überteuert sei und vor allem von einem Niederländer statt einem Deutschen stamme. Auch das Städel in Frankfurt erwirbt ein Bild – das heute so berühmte „Bildnis des Dr. Gachet“. 1937 wird es von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und verkauft, 1990 kommt es in New York unter den Hammer – als das damals teuerstes Werk der Geschichte.

Heute ist das „Bildnis des Dr. Gachet“, das Jahrzehnte lang in kaum einem Schulbuch fehlen durfte, in Privatbesitz und nicht mehr öffentlich zu sehen. Es ist nicht einmal bekannt, wo es sich befindet. Deshalb hängt in der Ausstellung nur der leere Rahmen von einst. So leben die Mythen rund um van Gogh fröhlich weiter.

Auch Fälschungen sind ein Thema

Aber rechtfertigen die Werke tatsächlich den Hype? Das Sensationelle an der Frankfurter Ausstellung ist, dass sie nicht affirmativ Ruhm und Glanz von Meisterwerke besingt, sondern ermöglicht, dass man selbst die Bilder und deren Qualität für sich entdecken kann. Schauen statt nachbeten. Dabei beweist das Städel, was Kunsthistoriker oft bezweifeln: Ausstellungen können Themen kritisch verhandeln, ohne die Kunst damit in die zweite Reihe zu drängen.

Man sieht der Ausstellung auch an, wie viel Arbeit und Geld in ihr stecken. Aber der Aufwand lohnt sich, weil sich dem Publikum viele Türen öffnen und Zusammenhänge erschließen. „Making van Gogh“ setzt Maßstäbe – und rüttelt klug an den Ausstellungskonventionen. So wagt man sich sogar an ein Thema, das im Betrieb gewöhnlich totgeschwiegen wird: Fälschungen. Der Tänzer Otto Wacker eröffnete 1925 in Berlin eine Galerie, in der er Van-Gogh-Fälschungen verkaufte, die sein Bruder malte. Die beiden flogen auf, 1932 kam es zum Prozess. Der „Sämann“ von Leonhard Wacker besitzt allerdings nicht annähernd so strahlende Farben wie das Original von van Gogh. Offensichtlich hatte dem Fälscher beim Kopieren nur ein Schwarz-Weiß-Foto vorgelegen.

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