Stuttgart - Die Heckklappe des kleinen Vans steht offen, die Vorhänge sind zur Seite geschoben. Draußen, am Fuße eines Berges, erstreckt sich ein See. Das Bild auf dem Instagram-Kanal ist so, wie man es sich vorstellt, das Leben im Campervan. „Du bist direkt in der Natur, kannst einfach spontan loswandern“, sagt Carina Beck (33), Webdesignerin aus Stuttgart.
Vor etwa vier Jahren haben Carina Beck und ihr heutiger Mann sich einen VW Caddy gekauft und ausgebaut. Ein richtiger VW-Bus, wie man ihn sich vorstellt, war für sie nach dem Studium zu teuer, außerdem musste das Reisemobil auch als Stadtauto funktionieren. Und einen alten Gebrauchten wollten sie wegen der Schadstoffe nicht. „Der Caddy ist super: Man ist mobil, hat eine kleine Küche dabei und keine Probleme bei Regen“, sagt Carina Beck. Seither haben sie ihre Urlaube im Minicamper verbracht, sind durch Frankreich und Nordspanien bis nach Portugal gereist oder über Norwegen bis ans Nordkap. Übers Wochenende fahren sie in den Schwarzwald, ins Allgäu oder in die Pfalz. Selbst den Heiratsantrag hat ihr Partner Max ihr vor zwei Jahren während eines Kurztrips im Camper gemacht. „Dieses Freiheitsgefühl ist unbeschreiblich“, sagt die Stuttgarterin. „Man kann sich einfach treiben lassen, ist nicht an Hotels oder etwas anderes gebunden und schaut einfach, wo es schön ist und man bleiben will.“
Der Markt für Caravans und Campervans wächst seit Jahren
Mit dem eigenen Fahrzeug zu verreisen liegt im Trend. 2019 wurden 81 000 sogenannte Freizeitfahrzeuge neu zugelassen, so viele wie nie. Fast 11,7 Milliarden Euro hat die Branche dabei umgesetzt. Der Markt wächst seit mehreren Jahren, ein Rekordjahr reiht sich an das nächste, wie Zahlen des Caravaning Industrie Verbands (CIVD) zeigen. Zu den Freizeitfahrzeugen oder Reisemobilen zählen alle Fahrzeuge mit Motor, in denen man übernachten kann. Mit mehr als 40 Prozent machen Campervans und die etwas größeren Kastenwagen den größten Anteil der Neuzulassungen aus, sind laut Caravaning Verband das am stärksten wachsende Segment.
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Dabei waren Wohnmobil-Reisen für viele Menschen lange verknüpft mit der Tristesse betonierter Stellplätze. Urlaub auf dem Campingplatz stand für piefige Anlagen und wenig Geld, doch das hat sich geändert. Immer mehr Deutsche ziehen heute einen Campingurlaub in Erwägung, die Übernachtungszahlen auf den Plätzen in Deutschland steigen Jahr für Jahr. Eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) von Ende letzten Jahres zeigt zudem, dass sich ein Viertel der Befragten einen Urlaub mit einem Reisemobil vorstellen kann – davon besonders jene zwischen 23 und 34 Jahren. Gerade das Reisen auf Rädern ist also unter Jüngeren beliebt.
Die Gründe für diesen Trend seien vielfältig, sagt Daniel Rätz vom Caravaning Industrie Verband. Ein Punkt: der positive Imagewandel des Campings insgesamt. Dazu kamen laut Rätz die gute Wirtschaftslage vor der Corona-Krise und die Tatsache, dass bestimmte Reiseziele zunehmend gemieden wurden. „Letzteres sicherlich verstärkt auch durch die Klimadiskussion“, sagt Rätz. Vor allem aber stehe das Unterwegssein mit dem Caravan oder Campervan für individuelles, selbstbestimmtes Reisen und für die Nähe zur Natur. „All das trifft den Nerv der Zeit“, sagt Rätz.
Ein starkes Bedürfnis nach Ungebundenheit und Natur
Gleiches beobachtet Christian Buer, der Leiter des Bereichs Tourismuswirtschaft an der Hochschule Heilbronn. „Gerade in der jüngeren Generation gibt es eine Sehnsucht nach der Natur und nach Entschleunigung“, sagt Buer. Die Büroarbeit, das digitale Leben, der Stress im Alltag – all das verstärke das Bedürfnis nach Auszeit und Ausgleich. „Dazu kommen die Ungebundenheit, die die jungen Menschen für sich beanspruchen, und die ständige Suche nach dem Erlebnisfaktor.“
Für diese Bedürfnisse stehen nicht nur das Campen im Zelt oder Van, sondern auch andere Trends. Von ihnen zeugen Ratgeber-Titel oder Hashtags auf sozialen Plattformen im Netz. Mikroabenteuer beispielsweise, Waldbaden, Wanderlust und Achtsamkeit. Und nicht zuletzt Klimaschutz und Nachhaltigkeit. „Viele junge Menschen mussten zwar auf Fernreisen nicht verzichten, sind aber gleichzeitig aufgewachsen mit einem wachsenden Bewusstsein für die Natur, für Bioprodukte und Regionalität“, sagt der Tourismusexperte Buer. Zwar seien es noch immer einige, die für den Urlaub gerne nach Mallorca fliegen, „aber die Generation mit einem stärkeren Bewusstsein für die Natur und den Klimawandel wächst nach“.
Für Steffi Rickenbacher und Lui Eigenmann sind es das Draußensein sowie die Flucht aus dem Trubel der Stadt, die das Campen auf Rädern auszeichnen. Anfang 2017 sind sie mit ihrem Ersparten, ihrem ausgebauten Van und den Laptops von der Schweiz aus aufgebrochen. Fast drei Jahre waren sie in Europa unterwegs, haben einen Blog geschrieben und Videos im Netz veröffentlicht. Als sie damit anfingen, erzählen sie, sei „Vanlife“ noch kein großes Thema gewesen. „Das hat sich definitiv verändert, wir haben unterwegs viele getroffen, die etwas Ähnliches gemacht haben wie wir.“ Zwischendurch haben die beiden Online gearbeitet, Städte angeguckt, Menschen kennengelernt, waren wandern oder Kanu fahren. „Irgendwann habe ich doch wieder ein bisschen mehr Struktur gebraucht“, sagt Lui Eigenmann. Genug Wasser und funktionierendes Internet zu haben, wisse man nach der langen Zeit unterwegs im Campervan definitiv auch wieder zu schätzen. „Die Art zu reisen ist schön, aber sie kann auch stressig sein“, sagt der 32-Jährige. Wo finden wir einen Parkplatz für die Nacht? Haben wir Strom, haben wir sonst alles, was wir brauchen? Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz haben die beiden ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben („On the Road: Mit dem Campervan durch Europa“). Den ausgebauten Bus haben sie behalten, um damit am Wochenende rausfahren zu können. „Das ist für uns jetzt die kleine Flucht aus dem Alltag“, sagt Steffi Rickenbacher.
Camping wird komfortabler und luxuriöser
Geschichten wie die von Steffi Rickenbacher und Lui Eigenmann, von zweien, die sich den Traum vom unabhängigen Reiseleben erfüllt haben, gibt es einige. Vanlife steht heute für ein bestimmtes Lebensgefühl, der Camper für eine Art Lifestyle-Produkt. Zahllose Bilder im Netz zeugen von einsamen Stellplätzen inmitten der Natur, von Sonnenuntergangsromantik und Vans, die aussehen wie die Minihäuser aus einem „Schöner wohnen“-Magazin. „Home is where you park it“, heißt ein Schlagwort, das oft unter die Bilder gesetzt wird. Übersetzt bedeutet das in etwa: Zuhause ist dort, wo du es parkst.
Dennoch sind es nach Einschätzung der Experten insgesamt nach wie vor eher wenige, die ihren VW-Bus oder Van selbst ausbauen, um damit irgendwo in der Wildnis zu campen. Es gibt allerdings eine weitere Entwicklung, die vor allem ältere Menschen anspricht: Camping wird bequemer, luxuriöser. „Es gibt heute sehr komfortable Fahrzeuge“, sagt der Tourismus-Professor Christian Buer. Dazu kommt: „Camping in Deutschland ist nicht billig.“ Die zweite Zielgruppe der Campingbranche seien daher insbesondere die über 65-Jährigen, sagt Buer. Menschen, die jetzt noch einmal das machen möchten, was sie früher gemacht haben – nur eben mit mehr Geld.
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Dazu passt neben den steigenden Verkaufszahlen von teuren Caravans auch ein anderer Trend: glamouröses Camping, kurz: Glamping. Übernachten in der Natur, aber ohne Verzicht auf den gewohnten Standard. Zum Beispiel in fest installierten und möblierten, schick ausgestatteten Zelten. Doch auch darüber hinaus haben sich die Campingülätze verändert, sie sind inzwischen mit WLAN ausgestattet, die Sanitäranlagen sind moderner, vielerorts gibt es einen Pool und eine Bar. Wer kein eigenes Zelt hat, kann ein Mobile Home mieten. Die Aufwertung des Campings hat ihren Preis: Die Übernachtung in einem möblierten Holzfass am Rande des Bodensees kostet heute für eine Familie mitunter so viel wie die Übernachtung in einer Ferienwohnung. Und für einen gut ausgestatteten Caravan kann man so viel bezahlen wie für den Kauf einer ganzen Wohnung.
Der Ausbau der Anlagen kommt der Nachfrage kaum hinterher
Diese Entwicklung bringt Probleme mit sich. Der Caravaning Industrie Verband geht ebenso wie der Bundesverband der Campingwirtschaft davon aus, dass das Interesse an einem Campingurlaub nach den Lockerungen der Corona-Maßnahmen zunehmen wird. „Sobald das öffentliche Leben wieder an Tempo aufnimmt, rechnen wir für unsere Branche mit gewissen Nachholeffekten“, sagt Daniel Rätz, „insbesondere da das regionale Reisen an Bedeutung gewinnen wird und Massenverkehrsmittel wie Flugzeuge oder Kreuzfahrtschiffe gegenüber dem Individualverkehr zurückgehen werden.“
Doch die Zahl der Campingplätze oder Wohnmobil-Stellplätze ist in Deutschland begrenzt, der Ausbau entsprechender Anlagen kommt der wachsenden Nachfrage etwa nach Reisemobilen nach Angaben des Caravaning-Verbands kaum hinterher. „Schon vor der Corona-Krise war es in Deutschland eigentlich so, dass man im Sommer an vielen Campingplätzen abgewiesen wurde“, sagt der Tourismusexperte Christian Buer. In der Hauptsaison könne man durchaus von einem Mangel an Campingplätzen sprechen. Auch er glaubt aber: Durch die derzeitige Krise werde die Nachfrage nach einem Urlaub in Deutschland, nach komfortablem Camping und dem Zurück-in-die-Natur noch beschleunigt.
Im Netz lassen sich Campervans auch mieten
Schon jetzt melden einige Campingplätze eine Welle von Buchungsanfragen für die kommenden Monate. „Das ist eine enorme Herausforderung. Der nächste Overtourism findet durch Camper statt.“ Insbesondere in Bezug auf die Debatte um Nachhaltigkeit müsse man sich dabei durchaus die Frage stellen, wo die Grenze liege: etwa, weil ein eigenes Campingfahrzeug eigentlich unwirtschaftlich und einen großen Teil des Jahres nicht ausgelastet sei, sagt Buer.
Die Branchenvertreter setzen sich daher ebenso wie der Automobilclub Deutschland (ADAC) dafür ein, dass neue Stellplätze geschaffen werden, vor allem im ländlichen Raum. Unterdessen entwickelt sich insbesondere im Netz auch ein weiteres Modell: das Vermieten von Campervans oder Wohnmobilen. Über Portale kann man Reisemobile von Privatpersonen oder Fahrzeuge aus der Flotte von zentralen Anbietern mieten, Vollkasko und Service inklusive. Zwischen 60 und 150 Euro Miete zahlt man pro Tag. Ob sich solche Modelle durchsetzen werden, muss sich zeigen. Immerhin, Christian Buer sieht hierin durchaus einen „emporkommenden Markt“.