Varieté in Stuttgart "Erotische Form des Hofnarren"

Vorhang Auf! Im Friedrichsbau läuft Ralph Suns zweite Burlesque-Show. Foto: Mierendorf 8 Bilder
Vorhang Auf! Im Friedrichsbau läuft Ralph Suns zweite Burlesque-Show. Foto: Mierendorf

Der Varieté-Regisseur Ralph Sun und der Burlesque-Star Beatrix von Bourbon erzählen im Interview, was sie an ihrem Genre fasziniert.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken
Stuttgart - Die Burlesque erlebt gerade eine weltweite Renaissance, die New Yorker Künstlerin Dita von Teese hat diese Form des erotischen Tanzes sogar salonfähig gemacht. Doch was steckt hinter der Kunstform, die viel mehr als nur ein gewöhnlicher Striptease sein will? Im StZ-Gespräch erklären der Regisseur Ralph Sun und die Burlesque-Tänzerin Beatrix von Bourbon, was für sie das ganz Besondere an diesem Genre ist.

Herr Sun, im Friedrichsbau läuft gerade Ihre zweite Burlesque-Show in Folge. Erotik ist offenbar gut fürs Geschäft.


Sun: Der erotische Tanz steht für mich dabei nicht im Vordergrund. Ich bin immer auf der Suche nach neuen Horizonten für Varieté-Produktionen, und dafür eignet sich Burlesque, diese Mischung aus Comedy, Artistik und Tanz, ideal. Außerdem entspricht diese Kunstform einfach meinem persönlichen ästhetischen Empfinden. Es ist eine ganz eigene Stilrichtung, ein Lebensgefühl, ein Verlangen, das nie gestillt aber gleichzeitig genährt wird.

Werden Sie etwas deutlicher.


Sun: Burlesque hat nichts mit einem gewöhnlichen Striptease zu tun, bei dem Männerfantasien auf plumpe Weise befriedigt werden. Burlesque-Tänzerinnen schaffen subtile Kunstfiguren, die niemals alle Hüllen fallen lassen. Es ist ein Spiel, bei dem die Fantasie auf Reisen gehen kann. Die Künstlerinnen sind keine Objekte, sondern starke Frauen, die selbstbewusst ihre Weiblichkeit und Erotik inszenieren - das aber stets mit einem Augenzwinkern.

Eine dieser Kunstfiguren sind Sie, Beatrix von Bourbon. Wie sind Sie denn zu diesem Namen gekommen?


Von Bourbon: Oh, ich mag Bourbon. Okay. Eines Abends saß ich mit Freunden zusammen und jeder sollte sich ein Pseudonym überlegen. Ich hatte kurz zuvor von einer Beatrix von Bourbon gelesen. Hinterher habe ich herausgefunden, dass wir viel gemeinsam haben - sie wird als gebildet und regelrechte Schönheit beschrieben.

Sie sind auf dem Land aufgewachsen, mit Ballett und Stepptanz. Wie gerät man dabei in die Burlesque-Szene?


Von Bourbon: Tanzen war immer meine Leidenschaft, schon als Fünfjährige. Ich dachte aber immer, dass man davon seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten kann. Also habe ich in London Theaterwissenschaften studiert, was aber nicht sehr aufregend war. Ich hatte Sehnsucht nach außergewöhnlichen Menschen. Nach einem Jahr habe ich das Studium geschmissen und mich in Leeds für Kulturwissenschaften eingeschrieben. Dort gibt es eine große Burlesque-Szene. Wow. Die Mischung aus Erotik und Comedy hat mich sofort angezogen. Ein paar Wochen später stand ich dann mit einer eigenen Show auf der Bühne und...

... sind quasi über Nacht zum Shootingstar der Szene geworden. Nach Ihrem ersten Bühnenjahr haben Sie den Newcomer-Award 2007 erhalten, letztes Jahr wurden Sie zur Pin-up-Queen 2008 gewählt. Wie erklären Sie sich diesen rasanten Aufstieg?


Von Bourbon: Vielleicht liegt es daran, dass ich immer versuche, einen authentischen Weg zu gehen. Ich bringe Episoden aus meinem Leben auf die Bühne und versuche die Geschichte nicht mit den Kostümen, sondern dem ganzen Körper zu erzählen. Jede Performance ist aus einem persönlichen Erlebnis oder Gefühl heraus entstanden.

Was sagt denn Ihre Familie zu Ihrem außergewöhnlichen Körpereinsatz?


Von Bourbon: Na ja. Ich habe ein Jahr lang gebraucht, bis ich es meiner Mom sagen konnte. Dann habe sie einfach in eine Show eingeladen. Anfangs war sie ein wenig skeptisch, heute ist sie stolz auf mich.

Auch auf Ihre vielen Tätowierungen auf Ihren Beinen, Armen, Schultern . . . ?


Von Bourbon: Damit kann sie sich tatsächlich nicht ganz so gut arrangieren. Ich habe vor drei Jahren damit begonnen, es hat aber eigentlich nichts mit Burlesque zu tun. Es sind eher zwei Kunstformen, die miteinander verschmelzen. Manchmal frage ich mich sogar, ob es eher stört, weil es die Zuschauer von meinen Spiel ablenkt.

Sie sind ja ebenfalls ein Freund von großflächigem Körperschmuck, Herr Sun.


Sun: Wenn man ein gewisses Maß an sichtbaren Tattoos hat, löst man sich von gesellschaftlichen Zwängen. Vielleicht ist es auch eine Art Abkehr vom Kleinbürgerlichen, ein Sinnbild für persönliche Freiheit. Schon als Kind habe ich mich jeden Tag verkleidet, jeden Tag in eine andere Figur. Ich war ein absolut untypischer Junge, habe nie Fußball gespielt oder mich geprügelt. Und noch heute will ich mich so darstellen können, wie ich mich fühle, ohne mich an Normen orientieren zu müssen.

Wonach ist Ihnen denn?


Sun: In allem was ich tue, soll man einen Teil von mir wiederfinden. Vor allem in den Theaterproduktionen zeige ich meine ganz eigene Sicht auf die Dinge. Es ist für mich etwas sehr Intimes, einer Show Charakter zu geben. Man muss sich dabei von seinen Gefühlen lösen und den Blick ins eigene Innere gestatten, um diese Bilder dem Publikum zu schenken. Dieser Prozess des Loslösens zieht sich durch mein ganzes Leben. Dafür steht auch meine Tätowierung, eine Göttin des tantrischen Buddhismus, die in den Himmel steigt.

Buddhismus und Burlesque - wie passt das denn zusammen?


Sun: Wie meine Dogge Phoenix früher in meinen Minicooper - ganz bequem. Beiden gemeinsam ist etwa der Blick auf die kleinen Dinge im Leben, die Selbstreflexion, die Suche nach Botschaften.

Wie lautet Ihre Botschaft ans Publikum?


Von Bourbon: Dass man zunächst einmal lernen sollte, über sich selbst lachen zu können und nicht alles so ernst zu nehmen.

Mehr nicht?


Von Bourbon: Wenn man eine Kunstfigur schafft, hat man die Möglichkeit, eine andere Persönlichkeit zu werden, Rollen in der Gesellschaft zu parodieren, Klischees zu karikieren, Kritik zu üben. Wenn Sie so wollen, sind wir die erotische Ausgabe des klassischen Hofnarren, der den Menschen ja auch den Spiegel vorgehalten hat. Die Kunst ist, die Nummern so zu gestalten, dass die Botschaft auch rüberkommt.

In der aktuellen Show treten Sie unter anderem als Milchshake auf. Was für Fantasien haben Sie denn dazu angetrieben?


Von Bourbon: In diesem Fall habe ich mich von den Teenagern in den amerikanischen Diners anregen lassen, diesen typischen Restaurants an abgelegenen Fernstraßen. Dabei kam mir als Erstes ein Milchshakeglas in den Sinn. Es sind oft Alltagsdinge, die mich inspirieren, Gefühle, bestimmte Situationen. Ich sehe ein Bild und fühle mich davon angesprochen.

Sun: Das Faszinierende an Beatrix ist, dass sie in einer Show völlig unterschiedliche Charaktere darstellen kann, dabei aber immer ganz sie selber ist.

Von Bourbon: Für mich ist Burlesque auch ein Weg, sich selbst besser zu verstehen, sich kennenzulernen. Die dunklen Seiten, die traurigen, lieblichen, dramatischen.

Burlesque ist auch ein Wirtschaftsfaktor. Ihre erste Inszenierung, Miss Evi's Company, ist vom Veranstalter Peter Schwenkow für den Berliner Wintergarten gekauft worden. Und auch die jetzige Show läuft erfolgreich. Sind Sie nun auch ein Burlesque-Star?


Sun: Tatsächlich haben wir mit der damals bundesweit ersten Inszenierung dieser Art internationales Interesse geweckt. Jetzt schicken mir Künstler von überall ihre Nummern, und es kommen weltweit Anfragen, unsere Show an anderen Spielorten zu produzieren. Wenn man so viel von sich in eine Sache steckt, ist es sehr befriedigend, auch wieder etwas zurückzubekommen.




Unsere Empfehlung für Sie