Varieté in Stuttgart Shows voller Geschichten
Das Friedrichsbau Varieté hat mit einer Gala Geburtstag gefeiert. Vor 30 Jahren hat es an eine lange Tradition angeknüpft und diese fortgeführt, gegen alle Widerstände. Alles Gute!
Das Friedrichsbau Varieté hat mit einer Gala Geburtstag gefeiert. Vor 30 Jahren hat es an eine lange Tradition angeknüpft und diese fortgeführt, gegen alle Widerstände. Alles Gute!
Eine Stadt ist aus Geschichten gebaut. Klar, sie besteht aus Häusern und aus Straßen. Doch Ziegel, Holz, Asphalt, Beton reden nicht, sie sind stumm. Im besten Falle laden sie ein, sich zu treffen, Geschichten zu erleben und zu teilen. Dadurch bekommen Orte eine Seele. Und prägen eine Stadt. Ein solcher Ort ist das Varieté, egal, wo es gerade zum Staunen, zum Erleben, zum Lachen einlädt. Eröffnet wurde es 1900 in einem Jugendstilbau an der Friedrichstraße, 1943 trafen Fliegerbomben das Haus, es brannte aus, wurde 1955 abgerissen. Danach vagabundierte das Varieté umher, gastierte am Killesberg und im Schlossgarten, ehe es 1994 eine neue Heimat fand. Fast an alter historischer Stelle, in der Rotunde der L-Bank. Von dort zog das Varieté 2014 dann auf den Pragsattel. Seine Geschichten hat es mitgenommen.
1994 ist das Varieté mit „Kapriolen“ von André Heller wieder eröffnet worden, 30 Jahre später feiert man Geburtstag auf dem Pragsattel. Viele Weggefährten und Unterstützer waren am Samstagabend eingeladen, Kulturbürgermeister Fabian Meyer richtete Grüße der Stadt aus, Messechef Roland Bleinroth war da, zahlreiche Stadträte, die einstige Kultusministerin Susanne Eisenmann, die Kollegen vom Renitenztheater und Alten Schauspielhaus, Roland Mahr und Axel Preuß, sowie die Direktoren der Varietés aus Düsseldorf, Berlin und Bochum. Sie sahen Ausschnitte des aktuellen Programms „Masque“, eine Stippvisite von Rosemie Warth in ihrer Paraderolle als zugleich verklemmter und enthemmter schwäbischer Feger. Und Filippo Strocchi zeigte als „Sweet Transvestite“ Frank’n’Furter, dass er – bei allem Respekt vor den Anwesenden – den wohlgeformtesten Hintern im Saal hat.
Sein Auftritt und sein Körper war einen stürmischen Applaus wert. Doch den lautesten Beifall bekam eine Frau, die unten im Saal saß. Gabi Frenzel hatte vor zehn Jahren gemeinsam mit dem jetzigen Geschäftsführer Timo Steinhauer und den Mitarbeitern das Varieté gerettet. 2012 stellte die L-Bank erst das Sponsoring ein, kündigte die Räume. Stuttgart ohne Varieté? Undenkbar! Das Team machte weiter als gemeinnützige GmbH, dank der Morgengaben der Stadt in Höhe von 600 000 Euro, eines Darlehens von 475 000 Euro und einer jährlichen Förderung von 100 000 Euro gelang 2014 der Neustart auf dem Pragsattel. Ohne den Mut und das Geschick der damaligen Geschäftsführerin Gabi Frenzel wäre das Varieté einen leisen Tod gestorben. Und mit ihm all die Geschichten, die es zu erzählen gibt. Daher erhoben sich alle Besucher im Saal und feierten sie.
Zu gerne hätte Steinhauer auch seinen Mitarbeitern diesen Jubel gegönnt. Er wollte sie einzeln vorstellen. Doch hätten diese abgestimmt, sagt Steinhauer, und ihm dies verboten. „Das frisst zu viel Zeit und nimmt die Dynamik raus“, hätten sie ihm gesagt. Einmal klatschen für alle, aber das Lob kam an.
Ein Lob gab es auch aus Dänemark. Und Geschenke. Rosemie hatte ein Gratulations-Video von John Thurano mitgebracht. Und eine rote Fliegenschleife, ein Erbstück der Familie Thurano. Ein ganz besonderes Präsent. Und eine ganz besondere Geschichte. Johns Vater Konrad war einer der berühmtesten Artisten der Welt. Seiltänzer, Clown. Noch mit knapp 90 Jahren trat er auf, zeigte einen Klimmzug an zwei Fingern. Er war in der Weimarer Republik auf allen Varietébühnen zu sehen, auch im alten Friedrichsbau. 1938 flüchtete er mit seiner Frau Henriette Althoff vor den Nazis nach Südafrika. In den 50er Jahren kehrten sie zurück. 1965 entwickelt John den „Crazy Wire Act“, Hochseilakrobatik und Clownereien. Vater und Sohn gastierten jahrelang im Pariser Lido, traten auf mit Jerry Lewis, Marlene Dietrich und Charlie Chaplin. Ihr Weg führte sie auch nach Las Vegas. 2007 starb Konrad Thurano in Dänemark, mit 98 Jahren. Das ist eine dieser Geschichten, die das Varieté erzählt.
Es gibt unzählige. Die Tänzerin Josephine Baker trat auf, Jongleur Enrico Rastelli, Clown Charlie Rivel, Dichter Joachim Ringelnatz, die blutjunge Catarina Valente. Hier wurden Elefanten von der Bühne gezaubert, als von David Copperfield noch keine Rede war. Und die nächste Generation steht bereit. Die Nachwuchsartisten des Circus Circuli zeigten bei der Gala, was sie gelernt haben. Damit das Staunen niemals endet, die Geschichten niemals ausgehen.