Heilbronn - Heilbronn, ein Café, Reinhard Rode wirkt entspannt. Aber sobald der Ingenieur auf sein Lebensthema zu sprechen kommt, wird er energisch. Hinter ihm liegen schwere Jahre, Rosenkrieg, Krieg ums Kind. Er hat gewonnen. Jetzt will er das System verändern.
Herr Rode, Sie haben 13 Gerichtsverfahren durchgefochten mit dem Ziel, mehr Zeit mit Ihrem Kind verbringen zu dürfen. Wie konnte es so weit kommen?
Vor zehn Jahren hat sich meine Frau getrennt. Ich kam nach Hause, das Haus war geräumt, sie war mit allen Möbeln und unserem zweijährigen Sohn ausgezogen. An der Pinnwand hing nur ein Zettel mit der Nummer ihres Anwalts. So ging es los.
Wie ging es weiter?
Ich habe ihn erst einmal sechs Monate überhaupt nicht sehen dürfen.
Auf welcher rechtlichen Grundlage?
Auf Basis falscher Anschuldigungen, die sie gegen mich erhoben hat. Später ließen sich die alle ausräumen, mithilfe von Gutachten, aber damals hat das dazu geführt, dass eine Mauer hochgefahren wurde.
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Kommt so etwas häufig vor?
Ja. Es reichen die wildesten Behauptungen, und das Jugendamt oder Familiengericht unterbindet den Kontakt. Ich kenne Fälle, in denen es Müttern so gelungen ist, den Vater über mehrere Jahre auszugrenzen.
Was ist die wirkmächtigste Anschuldigung, zu der Eltern greifen?
Sexuelle Misshandlung des Kindes. Das ist das Schwert, das immer funktioniert.
Dagegen kann man sich wehren.
Wer als normaler Bürger mit einer Scheidung konfrontiert ist, betritt eine Welt mit skurrilen Spielregeln, Absurdistan. Auch ich bin anfangs in Fettnäpfchen getreten.
In welche?
Ich bin ein emotionaler Mensch, aber vor Gericht oder beim Jugendamt hat das nichts zu suchen. Es wissen zwar alle, dass eine Trennung schmerzhaft ist, aber Wut und Trauer darf man nicht zeigen. Man darf sich nicht natürlich verhalten.
Sie haben die Initiative „Papa auch“ gegründet, die sich für die Rechte von Vätern einsetzt. Ist das Ihr Rat an Väter: Zurückhaltung?
Der Rat ist, Gefühle zu kontrollieren.
Klingt vernünftig. Emotionen verhindern oft eine Einigung.
Schon. Aber das ganze Verfahren ist nicht am Wohl des Kindes ausgerichtet. Letztlich ist es ein Kuhhandel.
Inwiefern?
Viele Familienrichter halte ich schlichtweg für nicht qualifiziert. Ob die gefundene Lösung gut ist für das Kind, interessiert kaum.
Wie sah diese Lösung in Ihrem Fall aus?
Ich habe eine Vereinbarung unterschrieben, nach der ich meinen Sohn zwei Stunden pro Woche sehen durfte. Das hat seine Mutter zugestanden, mehr nicht.
Warum haben Sie sich darauf eingelassen?
Ich wusste: Wenn ich das nicht annehme, bin ich noch länger von meinem Sohn getrennt. Das war keine freie Entscheidung, sondern eine Zwangssituation.
Obwohl Sie im Besitz des Sorgerechts waren?
Das bin ich bis heute. Ich durfte nur mein Kind nicht sehen.
Funktioniert das auch andersherum: dass ein Vater das Kind von der Mutter fernhält?
Nicht so einfach, aber es geht. Wenn er behauptet, die Mutter habe psychische Probleme. Ich kenne einen Fall, in dem eine Mutter nach einer Fehlgeburt einen Nervenzusammenbruch hatte. Der Vater hat das ausgenutzt und ist mit den gemeinsamen Kindern verschwunden. Vor Gericht hat er gute Karten. Die Frau ist angeschlagen, kann sich nicht wehren.
Sie haben sich gewehrt.
Ich habe für jede zusätzliche Stunde mit meinem Sohn ein Zivilverfahren führen müssen. Für die erste Übernachtung, den ersten Urlaub, alles. 2013 ist es eskaliert.
Was ist passiert?
Ich hatte am Oberlandesgericht erstritten, dass ich mit meinem Sohn an die Nordsee fahren darf. Am Viernheimer Dreieck wurde ich von sechs Polizeistreifen gestoppt, weil seine Mutter behauptet hatte, ich würde ihn entführen. Die Heilbronner Staatsanwaltschaft hat lange ermittelt. Völlig absurd. Die Sache wurde eingestellt.
Wie oft sehen Sie Ihren Sohn heute?
Er ist die Hälfte der Ferien und die Hälfte der Wochenenden bei mir. Ich wollte ihm nie die Mama nehmen und war immer einverstanden, dass er die meiste Zeit bei ihr ist. Ich wollte nur, dass er angemessen oft bei mir ist. Für manche bin ich ein Querulant. Aber ich konnte nicht anders.
Wie ist Ihr Verhältnis heute?
Ich würde sagen: vertrauensvoll und innig.
Und zur Mutter des Kindes?
Ich würde gerne mal mit ihr einen Kaffee trinken gehen, aber das ist nicht möglich.
Sind Sie wütend auf sie?
Ich habe meinen Frieden gemacht mit ihr. Aber ich bin wütend auf das System, das so etwas zulässt. Ich bin finster entschlossen, daran etwas zu ändern.
Wie kann Ihre Initiative Betroffenen helfen?
Wir sind ein Kernteam von fünf Vätern, am wichtigsten sind Aufklärung und Information. Manchmal reicht ein Telefonat, manchmal sind es zehn Telefonate, manchmal begleiten wir Väter auch zum Gericht – ich habe da ja viel Erfahrung.
Ihr Sohn ist 13 Jahre. Sobald er 14 ist, darf er selbst entscheiden, bei wem er lebt.
Da stimmt. Schon der Wille von Sechsjährigen wird gewichtet, aber erst bei 14-Jährigen wird nicht mehr gegen den Willen entschieden. Ich weiß jetzt, dass ich meinen Sohn nie verlieren werde, weil die Bindung zwischen uns so stark ist.
Wie verkraften
Kinder Rosenkriege?
Mädchen kommen mit Trennung und Vaterlosigkeit tendenziell besser zurecht, aber auch nicht gut: Da spielen Probleme wie Depression oder Magersucht eine Rolle. Jungs gehen eher in die Aggression. Ist alles eindeutig nachgewiesen.
Sie sprechen von Vaterlosigkeit. Aufwachsen ohne Mutter dürfte kaum besser sein, oder?
Natürlich nicht, nur existieren dazu weniger Studien. Nach den Weltkriegen fehlten die Väter, weshalb es in Deutschland normal war, dass Mütter den Nachwuchs allein erziehen. Alleinerziehende Väter sind viel seltener. Experten gehen davon aus, dass ein Kind mindestens 30 Prozent der Zeit mit dem anderen Elternteil – ob Vater oder Mutter – verbringen sollte. Das stabilisiert. Der Skandal ist: Die Politik weiß das.
Was müsste sie tun?
Es würde helfen anzuerkennen, dass die Ausgrenzung eines Elternteils eine Misshandlung des Kindes ist. Dann kann man Eltern zu einer Einigung zwingen.
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Wie?
In den Niederlanden und in Belgien ist die Scheidung erst möglich, wenn die Eltern eine Umgangsregelung gefunden haben. Ansonsten muss ein belgischer Richter vorrangig die Möglichkeit einer gleichmäßig verteilten Unterbringung untersuchen. Jetzt wird dort ein Gesetz vorbereitet, das noch weiter reicht: Wenn Mutter und Vater sich nicht einigen, wie viel Zeit das Kind beim anderen verbringen soll, und unterschiedliche Vorschläge einreichen, soll obligatorisch der großzügigere Vorschlag umgesetzt werden. Der Streit der Eltern ist kein Grund, einem Kind Mutter oder Vater vorzuenthalten. Das Kind liebt beide.
Das hilft wenig, wenn schwere Anschuldigungen im Raum stehen.
Deswegen braucht es in Ämtern oder Gerichten Menschen mit Erfahrung und Herz. Es gibt tolle Richter. Aber in der ersten Instanz entscheiden oft Richterinnen, die eher zufällig am Familiengericht gelandet sind. Und in Jugendämtern wird die Befindlichkeit der Mutter noch oft höher gewichtet als das Recht des Kindes auf eine gesunde Entwicklung.
Steile These. Warum sollte das so sein?
Es gibt in Deutschland einen Pathos der Mütterlichkeit, unter dem Mütter übrigens auch selbst leiden. Wenn eine Mutter arbeiten geht und dem Pathos nicht gerecht wird, wird sie schnell als Rabenmutter deklariert, immer noch.
In Deutschland wachsen 20 Prozent aller Kinder in einem Alleinerziehenden-Haushalt auf, 90 Prozent davon bei Müttern. Ein Drittel davon verliert den Kontakt zum Vater. Was vielleicht auch daran liegt, dass manche Männer sich gar nicht kümmern wollen, oder?
Es ist nicht zu leugnen, dass es solche Eltern gibt. Ich denke aber, dass sie mittlerweile in der Minderheit sind. Es hat ein Wandel stattgefunden.
Wirklich? Auch den Großteil der Elternzeit übernehmen Frauen.
Das ist traditionell bedingt. Der Vater hat halt rauszugehen und Kohle abzuliefern.
Er kann sich jederzeit anders entscheiden.
Kann er? Es tun zwar alle modern, aber in Wirklichkeit wird die Arbeitswelt von Dinosauriern dominiert, die den Mann auf seine Rolle als Samenspender, Hausmeister und Geldautomaten reduzieren wollen.
Der Vater arbeitet Vollzeit, die Mutter Teilzeit – auch das ist kein Naturgesetz.
Das ist doch in Ordnung. Wenn der Vater nach Hause kommt und mit dem Kind spielt, kommen 30 Prozent Betreuungszeit zusammen. Für die Kinder ist das superwichtig, es stärkt die Bindung – und kann nach einer Scheidung ein elementarer Faktor werden.
Weshalb?
Das Kontinuitätsprinzip spielt eine große Rolle. Wer nachweist, dass er sich vor der Trennung viel um das Kind gekümmert hat, ist am besten davor geschützt, es danach zu verlieren.
Ihre Initiative setzt sich für die Umsetzung des Wechselmodells ein, über das auf Bundesebene intensiv debattiert wird. Die FDP will es einführen, die anderen Fraktionen nicht. Wo sehen Sie die Vorteile?
Heute leben Scheidungskinder meist bei der Mutter und besuchen hin und wieder den Vater. Das ist zu wenig für eine enge und gesunde Bindung. Beim Wechselmodell wechseln Kinder zwischen der Wohnung der Mutter und der des Vaters, sie werden in beiden Haushalten zeitlich annähernd gleichwertig betreut.
Jugendämter sehen das kritisch, weil das Kind nirgends richtig zu Hause ist.
Da wird eine Meinung zum Dogma erhoben. Solange ein Kind von beiden Eltern getragen wird, kommt es damit bestens klar. Das sagen alle Studien.
Die meisten Eltern arbeiten unterschiedlich viel – das ist ein praktisches Problem.
Mutter und Vater müssen sich nicht exakt gleich viel um das Kind kümmern. Wochenweise Wechsel, Wechsel unter der Woche, flexible Wechsel – wenn die Eltern nah beieinander wohnen, ist alles möglich.
Hilft Ihre Initiative auch Müttern?
Natürlich. Kürzlich hat mich eine Frau kontaktiert, die von ihrem Mann ausgegrenzt wird. Sie hat bewusst einen männlichen Berater gesucht, weil Männer häufiger ausgegrenzt werden und deshalb bei diesem Thema kompetenter sind.
Wenn Kinder lange vom Vater getrennt waren: Besteht die Chance, die verlorene Beziehung wiederaufzunehmen?
Schon bei einer Regelung, bei der Väter ihre Kinder alle zwei Wochen sehen, ist das schwierig. Das läuft auf Entfremdung hinaus. Bei einer harten Ausgrenzung ist es noch viel komplizierter. Aber es gibt Fälle, in denen sich Kinder später bewusst dem ausgegrenzten Elternteil zuwenden.
Warum das?
Wenn die Mutter den Vater jahrelang als Monster beschreibt, ist das gefährlich. Wenn die Kinder später die Wahrheit erfahren, wenden sie sich oft von der Mutter ab. Das ist dann ein ganz harter Bruch.
Was würden Sie, nach all Ihren Erfahrungen, Eltern nach einer Trennung raten?
Nicht zum Anwalt gehen. Mit Vorsicht zum Jugendamt gehen. Versuchen, eine außergerichtliche Einigung hinzubekommen. Wenn liebende Eltern eine Lösung entwickeln, ist das immer die angemessenste. Regelt es selbst – und schaut zu, wie euer Kind glücklich groß wird!
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