Neue vegane Alternativen im Supermarktregal Vom Acker in den Joghurtbecher

Lupinen geben nicht nur ein beliebtes Fotomotiv ab, sie machen sich auch gut im Joghurt Foto: imago/Mads Claus Rasmussen

Tierische Produkte bekommen Konkurrenz: Immer wieder drängen neue Alternativen auf den Markt, die auf pflanzliche Proteine setzen – zum Beispiel aus Lupinen, Erbsen oder Sonnenblumen. Aber wie schmeckt das, und was bringt es für die Umwelt?

Einigen dürfte die Süßlupine mit ihren gelben oder blauen Blüten nur vom Spaziergang über die Felder bekannt sein. Doch die Pflanze kann mehr als sommerlich aussehen. Seit 2015 ist die Hülsenfrucht als pflanzlicher Joghurt der Marke Luve auch im Kühlregal zu finden. In seiner Cremigkeit ähnelt er einem herkömmlichen Joghurt aus Kuhmilch und macht sich gut im Frühstücksmüsli oder im Dessert.

 

Pflanzliche Produkte wie diese gibt es reichlich im Supermarkt: Statt des Schnitzels einen Bratling, einen „Brotbelag nach Fleischwurst-Art“ oder ein täuschend echtes veganes Hackfleisch. Gleiches gilt für Milchprodukte: Joghurt-, Käse oder Milchalternativen sind fast überall zu finden und machen die pflanzliche Ernährung attraktiv für die Mehrheitsgesellschaft. Einer der Marktführer unter den Fleischalternativen ist das Unternehmen Rügenwalder Mühle, das ursprünglich ausschließlich Fleischprodukte hergestellt hat und seit 2014 auch vegane und vegetarische Würstchen, Frikadellen oder Schnitzel anbietet. Inzwischen liegt der Umsatz der insgesamt 30 Veggie-Produkte über dem der Fleisch- und Wurstwaren. Bei Milch- und Joghurtalternativen ist die Danone-Tochter Alpro europäischer Marktführer unter den Lebensmitteln auf Sojabasis. Auch Ketten wie Rewe oder Edeka bieten mit ihren Eigenmarken zahlreiche Alternativen an.

Es gibt Alternativen zu Soja und Co.

Bei genauerem Hinblick können Konsumenten auch Produkte kleinerer Unternehmen entdecken, die mit meist regionalen, weniger bekannten Rohstoffen pflanzliche Alternativen anbieten. Die Lupinen, aus denen die „Lughurts“ von Luve herstellt werden, stammen aus Mecklenburg-Vorpommern. Kurze Transportwege und regionale Verarbeitung sparen CO2 ein, zudem gilt die Lupine als Bodenverbesserer, die den Acker auflockert und Stickstoff im Boden bindet. „Lupinen sind sehr robuste Pflanzen, die sogar auf trockenen und sandigen Böden wachsen“, erklärt Roland Brandstätt, Marketing-Chef bei Prolupin, dem Hersteller hinter der Marke Luve. Zwei Meter lange Wurzeln halten die Pflanzen fest im Boden und erreichen tiefer liegende Wasserquellen; ein Vorteil in Trockenperioden, die immer öfter vorkommen. Auch Eis, einen Aufstrich und Lupinendrinks bietet Luve an.

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Die Nachfrage nach solchen Produkten schaffen jene, die ihren Fleisch- und Milchkonsum reduzieren oder gänzlich auf tierische Produkte verzichten. Im Jahr 2020 lag die Anzahl der Veganer in Deutschland bei 1,41 Millionen (1,7 Prozent der Bevölkerung), das sind 280 000 Personen mehr als im Vorjahr. Mit ihrer Ernährung leisten sie einen Beitrag zum Klimaschutz: Denn wer auf tierische Produkte verzichtet, kann den eigenen Flächenfußabdruck um bis zu 49 Prozent reduzieren. Dieser gibt an, wie viel Landfläche unsere Verbrauchs- und Ernährungsgewohnheiten benötigen.

Sonnenblumen statt Hackfleisch

Florian Humpenöder, der am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zu Landnutzung und nachhaltiger Ernährung forscht, findet besonders die Zweitverwertung von Abfallprodukten der Lebensmittelherstellung sinnvoll. Das macht etwa Sunflower Family aus dem Allgäu, das seit 2017 eine Hackfleischalternative aus dem proteinhaltigen Presskuchen von Sonnenblumen anbietet, der beim Herstellen von Sonnenblumenöl entsteht. „Sonnenblumenhack ist gut verdaulich, hat Biss und lässt sich mit wenigen Gewürzen einfach zubereiten“, sagt Mitgründer Oliver Schenkmann. Die Sonnenblumen werden in Europa, teils in Bayern angebaut; verarbeitet wird in Oberbayern und Baden; abgepackt in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Kaufbeuren.

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Nicht nur Prolupin und Sunflower Family denken abseits der klassischen Rohstoffe. Das junge Berliner Unternehmen Vly stellt einen Pflanzendrink aus den Proteinen von Spalterbsen her, die in Nordfrankreich angebaut werden. Angereichert wird der Drink mit Vitaminen und Mikronährstoffen. Dr. Mannah’s aus Cuxhaven bietet eine Camembert-Alternative aus Cashewkernen an. Die Kerne werden von einem Produzenten aus Vietnam bezogen, der faire und sichere Arbeitsbedingungen garantiere, heißt es vom Hersteller. Die Alternativen haben jedoch ihren Preis: Einen 500-Gramm-Becher von Luve gibt es für 1,99 Euro, herkömmlichen Naturjoghurt dagegen ab 49 Cent. Der Erbsendrink von Vly kostet 2,49 Euro, eine normale Vollmilch 88 Cent aufwärts. Geringere Margen und ein geringerer Absatz begründeten die höheren Preise, sagen Hersteller.

Der Veggie-Markt wird weiterwachsen

Beate Gebhardt, Agrarmarktforscherin an der Uni Hohenheim, sieht Wachstumspotenzial auf dem Markt für pflanzenbasierte Lebensmittel. Besonders groß sei der Wunsch nach Fleischalternativen, weiß Gebhardt aus einer Konsumenten-Umfrage. Besonders jene, die regelmäßig tierbasierte Lebensmittel essen, schätzen Produkte, die dem Original möglichst nahekommen. Auch bei Käsealternativen gebe es Potenzial, besonders geschmacklich. Die Zukunft liege jedoch in Innovationen, die einen eigenständigen Geschmack haben und nicht tierische Produkte imitieren wollen.

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Zur Wahrheit gehören jedoch zwei Fakten. Erstens: Nur wenn pflanzliche Alternativen tatsächlich tierische Produkte ersetzen und kein Zusatz bleiben, können Klimaeffekte erzielt werden, sagt Florian Humpenöder vom PIK. Zweitens: Die globale Nachfrage nach Fleisch steigt durch das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum weiter an, auch der Verzehr von Milchprodukten nimmt zu. In pflanzlichen Alternativen eine echte Trendwende zu erkennen, ist also verfrüht.

Ersatzprodukte in Maßen

Klimabilanz
Dass ein Umdenken in Konsum und Lebensmittelproduktion notwendig ist, um künftig 10 Milliarden Menschen ernähren zu können und gleichzeitig das Klima weitestgehend zu schonen, belegen zahlreiche Studien. Die Eat Lancet Kommission, ein internationales Expertengremium, empfiehlt eine „Planetary Health Diet“ (Ernährung für planetare Gesundheit).

Ernährung
Diese basiert zu 50 Prozent auf Gemüse und Obst. Vollkornprodukte und pflanzliche Proteine machen je 20 Prozent aus. Milch- und Fleischprodukte dürfen konsumiert werden, jedoch sollten diese nur ein kleiner Bestandteil der täglichen Ernährung sein. Auch ungesättigte pflanzliche Öle wie Olivenöl gehören auf den Speiseplan, etwa aus Nüssen, Avocado oder Samen.

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