Vegane Kondome Revolution untenrum

Einhörner mit Bart und Vision: Waldemar Zeiler und Philip Siefer (re.) Foto: Einhorn

Das Berliner Start-up Einhorn verkauft vegane Kondome und Lebensgefühl. Weil das so erfolgreich ist, planen sie noch mehr Produkte unter der Gürtellinie.

Berlin - Alles fing damit an, dass Philip Siefer vor einigen Jahren mit seiner Freundin vor einem Kondomregal stand, irgendwo „in der Schmuddelecke“ eines Drogeriemarkts zwischen Katzenfutter und Klopapier. „Wir haben uns gefragt, warum die Packungen so hässlich waren und angstbesetzt, assoziiert mit Krankheit. Warum nicht Kondome in gutem Design als Lifestyle-Produkt?“

 

Der Medieningenieur erzählte seinem Freund Waldemar Zeiler, einem Betriebswirtschaftler, von seiner Idee, und der befand: super E-Commerce-Produkt, leicht zu verschicken, keine Retouren, hohe Gewinnspanne, wiegt nicht viel. Genau gesagt: 14 Gramm. Das steht jetzt hinten auf jeder mit selbst designten Grafiken gestalteten Tüte der veganen Einhorn-Kondome, unter „Mehrwert“. Darunter: „Kalorienverbrauch: 350 kcal bei 30 min aktivem Sex, Gewinnabführung: 50 %. Peinliches Einkaufserlebnis: 0 %, Happiness-Faktor: Kautschukbäume 15 %, Kautschukbauern 5 %“.

Das Kautschuk in den Kondomen wird fair angebaut und kommt ohne Glyphosat aus. Denn ganz oben auf der Prioritätenliste der Einhörner steht die „Fairstainability“, bedeutet: Mensch und Umwelt soll es besser gehen, in der Wertschöpfungskette mit gerechten Löhnen, mit der Steigerung der Biodiversität auf Kautschukplantagen oder einer möglichst umweltfreundlichen Verpackung. Siefer und Zeiler wollten nicht weniger als die Welt retten. Mit Einhörnern.

Ein Fabelwesen rettet die Welt

Für Siefer passt das Fabeltier gut zur Mission, die Welt zu retten und ihr ein bisschen Magie zu schenken: Das Horn des Einhorns kann der Legende nach alle Krankheiten der Welt heilen. Aber auch: Ein Einhorn ist in der Geschäftswelt ein Start-up mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde US-Dollar vor einem Börsengang – also sehr erfolgreich.

Es gebe da auf der einen Seite die gemeinnützigen Organisationen, die NGOs, die die Welt retten wollen, aber keine Ahnung hätten, wie man Geld verdient. Auf der anderen Seite Shareholder, die nur Geld machen wollten, Aktienwerte maximieren. Einhorn will in der Mitte sein. Kürzlich haben sie sich dem „Entrepreneurs-Pledge“ verpflichtet, das heißt, sie müssen die Hälfte ihrer Einnahmen reinvestieren, und Einhorn verpflichtet sich dem Wohl der Umwelt und der Gesellschaft. „Es macht was mit einem, wenn man Dinge nicht nur für sich tut und nicht nur versucht, das Geld zu mehren.“ Auch nach über drei Jahren ist er überzeugt von seiner „Revolution“.

Eine „Chaosdemokratie“

Der Ort, von dem sie ausgeht: ein Loft in einem Kreuzberger Hinterhof, Graffiti an den Wänden, ein Sofa-Eremit im Gang, Kinosessel am schwarz lackierten massiven Küchentisch. Die Spülmaschine läuft, es gibt einen Extra-Kühlschrank für Bier, der Knauf zum Konferenzraum ist ein umgebauter Flaschenöffner in Penisform. An der Wand hängen Merkzettel aus Seminaren zu gewaltfreier Kommunikation, Kultur statt Struktur. Nicht: „Mann, das müsste längst fertig sein, komm mal in die Gänge!“, sondern: „Ich habe Angst, wir schaffen das nicht und die Kunden springen ab.“

Hier ist keiner Chef, sondern alle nur „Mitunternehmer“. Eine „Chaosdemokratie“, sagt Siefer. Nicht einmal ein Dutzend junger Leute sitzen an den Tischen, der Rest des mittlerweile 20-köpfigen Teams arbeitet von woanders aus oder macht heute einfach was anderes: Wer keine Lust hat zu kommen, teilt das den anderen über den Instant-Messaging-Dienst Slack mit. Oder kommt erst am Nachmittag, wenn er seinen Rausch ausgeschlafen hat. „Dann muss er wenigstens nicht rumlügen, hach, ich hab’ Migräne“, sagt Siefer. Und jeder weiß: „Wenn er das ausnutzt, ist irgendwann der Laden pleite und der Job weg. Wir wollen erwachsene Menschen wie Erwachsene behandeln.“

Eine Managerin fürs Glück

Auch das Gehalt bestimmen bei Einhorn nicht die Chefs – schließlich gibt es die gar nicht, stattdessen nur „Mentoren“. Die Mitunternehmer bestimmen zusammen, wer was verdient. Das höchste Gehalt darf höchstens dreimal so hoch sein wie das niedrigste. Das Team hat Siefer das Höchstgehalt verpasst, rund 7000 Euro brutto, ohne Sozialversicherung. Wegen seiner Berufserfahrung vor allem und wegen seines starken Netzwerkes. Andere Faktoren, die ein hohes Gehalt rechtfertigen: besondere Qualifikationen, ein Kind, ein Studienkredit, der abbezahlt werden will, oder auch ein Hund.

Es gibt eine Happiness-Managerin, die sich im Nebenjob zum Beispiel um Geburtstagsgeschenke oder -partys kümmert oder um Wochenenden auf dem Land. Das Konzept der Work-Life-Balance hält Siefer für überholt. Man kann doch nicht das Leben abschalten, während man arbeitet. Man tut ständig was, und für manche Tätigkeiten wird man eben bezahlt.

Die Mitunternehmer – allesamt Digital Natives – sind zwischen 22 und 38 Jahre alt, Siefer ist 35. Inzwischen macht Einhorn 2,1 Millionen Euro Umsatz, im Jahr zuvor waren es noch etwas mehr als eine Million.

Qualitätssiegel: Einhorn

Im deutschsprachigen Raum sind Siefer und Zeiler auf allen möglichen Bühnen unterwegs, halten Großkonzernen Vorträge darüber, wie Branding funktioniert und man aus „New Work“ mehr als ein Buzzword macht. Ein großer Reifenhersteller ist interessiert am Fairstainability-Konzept, er hätte gern Reifen, die er als „einhorn-approved“ verkaufen könnte, das Berliner Rating quasi als Verkaufsargument.

Auch die Kondom-Konkurrenz ist aufgewacht: Ein großer europäischer Produzent hat mittlerweile auf vegan umgestellt, ein anderer hat mit einer großen Plakatkampagne seine Kondome in neu gestalteter Verpackung beworben.

Dabei sind es längst nicht mehr nur Kondome. Einhorn heißt jetzt „Einhorn Products“. Noch mehr Alltagsprodukte aus den Schmuddelecken der Drogeriemärkte sollen „Einhorn Magic“ verpasst kriegen. „Alles unter dem Bauchnabel finden wir super“, sagt Philip Siefer. Klopapier wäre so was.

Als Nächstes stehen Tampons an, aus Bio-Baumwolle statt aus Zellulose und Plastikbestandteilen. Siefer ärgert, dass auf Tamponpackungen keine Bestandteilliste angegeben ist. Die Einhörner wollen auch ein Stück patriarchalisches Denken in der Wirtschaft auflösen. „Wenn Männer menstruieren würden, gäbe es viel attraktivere Produkte auf dem Markt“, sagt Siefer.

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