Es fängt ganz harmlos an. Jemand sagt oder schreibt, dass es irgendwo schön sei. Also wollen andere auch da hin. Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe erreichte seinerzeit mit seiner Schwärmerei vom „Land, wo die Zitronen blühn“ noch eine relativ überschaubare Adressatenschar. Seit es bildgewaltige soziale Netzwerke und Influencer gibt, verbreitet sich die Kunde von den herrlichen Orten über das Internet wie ein Lauffeuer. Viele Millionen Menschen sehen ein Foto und machen sich auf den Weg. So zeigt eine an sich wunderbare Sache namens Tourismus auf einmal ihre hässliche Fratze.
Ist es gerecht, wenn irgendwann nur noch Reiche reisen?
Übertourismus nennt man dieses zu viel des Guten, wenn Gegenden hoffnungslos überlaufen sind und ein normaler Alltag für die Einheimischen nicht mehr möglich ist. Venedig ist eines dieser Übertourismusopfer. Die Stadt wird zu Tode geliebt. Während der Pandemie gab es eine kurze Verschnaufpause, doch nun stürmen Reisende aus aller Welt wieder in fatalen Mengen in die Lagunenstadt. La Serenissima wehrt sich, indem ab jetzt Eintritt verlangt wird. Fünf Euro pro Nase klingt erst mal erschwinglich. Doch zum einen könnte die Summe rasch steigen, zum anderen sendet die Entscheidung ein fatales Signal: Zahlen oder Wegbleiben.
Visum, Kurtaxe, Steuern, Abgaben, Gebühren oder Eintritt: Viele Städte, Regionen oder Länder haben schon Bezahlmodelle entwickelt, um Touristenströme zu limitieren. Andere von Überfüllung Betroffene wie Barcelona, Hallstatt, Amsterdam oder Brügge werden nun ganz genau hinschauen und auch überlegen, ob man Besucher über den Griff in den Geldbeutel stoppen kann. Vermutlich klappt das jedoch nicht. Die Leute werden beliebten Orten weiter die Bude einrennen. Bloß kommen ab einer bestimmten Summe eben nur noch die, die es sich leisten können. Ist das gerecht?
Klar ist, dass sich etwas ändern muss. Doch die Limitierung sollte besser über das Prinzip Zahl statt Zahlung funktionieren. Venedig hat erst mal keine Obergrenze für Tagestouristen geplant. Jeder darf rein, der die Gebühr entrichtet – ein Fehler im System. Es braucht stattdessen eine Besucherlenkung, die nur eine bestimmte Anzahl kostenloser oder günstiger Tickets verteilt, die anzeigt, wann es leerer ist und welche Alternativen es gäbe.
Statt Verbotsschilder aufzustellen, wären Umleitungen wünschenswert. Künstliche Intelligenz könnte ähnlich wie das Navigationsgerät im Auto bei Stau Ausweichrouten erarbeiten. Doch Fremdenverkehrsämter bedienen gerne gängige Klischees, anstatt die Bucketlist der Instagram-Gemeinde einfach neu zu schreiben, also die Liste von all den Dingen, die man vor dem Tod noch erleben will.
Den Herdentrieb überwinden
Massentourismus nervt jeden. Die Einheimischen, die von den Horden überrollt werden und nur noch Nebendarsteller in ihrem eigenen Leben sind, und auch die Touristen, die lieber stilvolle Reisende wären. Dabei ist es nur eine Sache der Einstellung. Es bräuchte nach der Flugscham eine Art Hotspotscham. Wir alle sollten unseren Herdentrieb überwinden und aus Prinzip keine ausgetretenen Pfade mehr wählen. Diese Welt ist groß genug, warum muss man sich immer irgendwo gegenseitig auf den Füßen herumstehen und Orte besuchen, an denen man von den Bewohnern gar nicht erwünscht ist oder sogar gehasst wird? Warum wählen wir die Hauptsaison, wenn wir nicht unbedingt müssen? Wahrscheinlich nennt man das Schwarmdummheit.
Wer genau das meidet, wo alle hinrennen, entdeckt Ecken dieser Welt, von denen man noch nicht Tausende Bilder im Internet gesehen hat. Warum sich nicht einfach mal was Neues ansehen? Es könnte eine krasse Entdeckung dabei sein. Auf jeden Fall aber entgeht man herben Enttäuschungen.