Vielleicht ist die Frage merkwürdig, wenn man sie zum ersten Mal hört: „Poetry Slam - Warum bist du nur so weiß?“ Wer sich auf den Bühnen der Poetry Slam-Szene umschaut, erkennt aber schnell: Sie ist durchaus berechtigt. Denn sie strotzt nicht gerade vor Diversität, die Szene. Deshalb stellen die Veranstalter des Poetry Slams, der am Samstag im Pavillon der IG Kultur Sindelfingen stattfindet, in ihrer Ankündigung genau diese Frage. Und sie tun was dagegen.
Denn dieser Slam richtet sich konkret an migrantische und nicht-weiße Slammer. Er soll von ihren Perspektiven und Erfahrungen im mehrheitlich weißen Deutschland erzählen. Eine Bühne bieten für das, was sie zu sagen haben. Um 19 Uhr geht es los, der Eintritt ist frei. Der Slammer Nikita Gorbunov aus Stuttgart moderiert den Abend.
Es geht um Repräsentation
Dahinter steckt Perican Yeliz Tan. Im Rahmen eines Praktikums bei der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg hat die 24-Jährige den Slam organisiert. Die Stiftung ist der Veranstalter, finanziert und stemmt den Abend. Perican Yeliz Tan hatte die Idee.
„Ich hatte freie Themenwahl für mein Praktikumsprojekt“, sagt sie. Gemeinsam mit der Stiftung wollte sie gerne etwas für junge Menschen mit Migrationshintergrund anbieten. Einen Raum schaffen, in dem sie erkennen, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine sind. Und in dem sie durch ihre Geschichten Verständnis wecken und andere dazu bringen, ihre Haltung und Privilegien zu reflektieren. Auf Youtube habe sie ein Video von einem ähnlichen Auftritt gesehen, bei dem migrantische Künstler im Vordergrund standen, sagt die Waldenbucherin. Darin erkannte sie sich und ihre Realität wieder. Also beschloss sie, einen Poetry Slam zu organisieren.
Warum die Poetry Slam-Szene eher wenig divers ist, weiß Perican Yeliz Tan auch nicht so richtig. Aber sie hat Vermutungen. „Der Poetry Slam wirkt oft sehr akademisch“, sagt sie. Trotzdem gebe es viele nicht-weiße Menschen, die Poetry Slam machen. „Man muss sie nur auf die Bühne lassen.“
Genau das tut sie am Samstag. Der Termin war von langer Hand geplant. Dass er ausgerechnet in eine Zeit fällt, in der Menschen deutschlandweit gegen Rechts auf die Straße gehen und sich für eine offene, diverse Gesellschaft stark machen, war keine Absicht. „Aber dann sagen irgendwelche Rechten wieder irgendwas, und plötzlich passt das Timing perfekt“, sagt sie. Perican Yeliz Tan spielt auf das rechte Treffen in Potsdam an, das in aller Munde ist. Sie könne sich gut vorstellen, dass das Ereignis Thema wird in den Texten der Künstler. Worum genau es geht, weiß sie noch nicht. Sie ist selbst gespannt.
Sechs Künstlerinnen und Künstler treten gegeneinander an
Sechs Slammer machen am Samstag mit. Sie tragen jeweils zwei bis drei Texte vor, treten gegeneinander an, am Ende gibt es eine Gewinnerin oder einen Gewinner. Aber eigentlich geht es nicht um den Sieg, sondern um den Spaß an der Sache, sagt Perican Yeliz Tan. Schließlich könne man auch nicht bewerten, ob die Erfahrung der einen besser oder schlechter sei als die des anderen.
Die meisten Slammer, die mitmachen, kommen aus der Region: aus Reutlingen, aus Nürtingen, aus Tübingen. Ein Künstler kommt sogar aus Köln. Auch aus Berlin wollte jemand anreisen, ihm habe jedoch der Bahnstreik einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie alle haben sich mit einem Text beworben. Groß nach Themen oder Qualität der Texte aussortiert hat Perican Yeliz Tan nicht. „Wir wollten, dass so viele mitmachen können wie möglich“, sagt sie. Da ist es natürlich auch hilfreich, dass die Böll Stiftung allen ein kleines Honorar bezahlt und auch die Fahrt- und Hotelkosten übernimmt. Unüblich in der Slam-Szene.
Auch spielte es bei der Auswahl keine Rolle, ob ein Slammer schon Erfahrung habe. „Wir suchen hier nicht den Weltmeister im Poetry Slam“, sagt Perican Yeliz Tan. Es geht viel mehr um Spaß und Repräsentation. Trotzdem weiß sie: Auf der Bühne haben alle schon einmal gestanden, niemand ist komplett neu im Geschäft.
Sindelfingen ist ihre Zweitheimat
In Sindelfingen findet das Ganze statt, weil Perican Yeliz Tan dort Wurzeln hat. Na ja, fast. In Waldenbuch ist sie aufgewachsen und zur Schule gegangen, hat noch vor einem halben Jahr dort gewohnt. Nun lebt und studiert sie in Stuttgart. Sindelfingen ist aber so eine Art Zweitheimat. Dort lebt ein großer Teil ihrer Familie, dort hat sie schon immer viel Zeit verbracht. Und noch ein Grund sprach für Sindelfingen: „Als Jugendliche hatte ich in der Nähe nie solche Veranstaltungen“, sagt sie. So sei der Slam für viele Menschen vor Ort zugänglich. Außerdem spreche die Veranstaltung hier auch außerhalb der üblichen Poetry Slam-Kreise ein Publikum an. Denn in Sindelfingen gebe es einen verhältnismäßig großen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund – genau die gewünschte Zielgruppe.
Ein Poetry Slam über das Migrantischsein in Deutschland
Der Abend
Die Veranstaltung findet am Samstag, 27. Januar, im Pavillon der IG Kultur Sindelfingen statt. Einlass ist um 18 Uhr, das Slam-Programm geht um 19 Uhr los. Der Eintritt ist kostenlos. Wer sich online anmelden möchte, kann das tun – es besteht aber keine Pflicht, sich anzumelden. Zudem gibt es alkoholfreie Getränke, die kostenlos sind. Veranstalter ist die Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg.
Der Ablauf
Sechs Slammerinnen und Slammer stellen am Samstag ihre Texte vor. Alle bringen jeweils zwei bis drei Texte mit. In zwei Runden treten sie gegeneinander an, am Ende duellieren sich die beiden Besten im Finale. Wer gewinnt, bekommt einen kleinen Preis.
Der Moderator
Durch den Abend führt Nikita Gorbunov. Der Musiker und Spoken Word-Künstler ist in der Poetry Slam-Szene ein alter Hase. Schon lange lebt er in Stuttgart, geboren wurde er in Moskau