Verantwortung lernen Ab wann dürfen Kinder selbst entscheiden?

Natürlich weiß er, was er will. Die Frage ist: Wie lange sollten Eltern mitentscheiden, ob er recht hat? Foto: Unsplash/James Kovin

Eltern lassen ihre Kinder heute oft sehr viel mitbestimmen. Nicht immer ist das der richtige Weg. Aber wie leitet man Kinder an, Entscheidungen zu treffen?

„Zur Hochzeit? Geh ich natürlich im Fußballtrikot!“ „Ich will jetzt ein Eis, und zwar fünf Kugeln.“ „Ich gehe nur mit meiner besten Freundin zusammen auf die weiterführende Schule.“ Wenn Kinder sich allein entscheiden dürften, würde ihr Leben oft anders aussehen.

 

Doch dann sind da die Eltern. Die oft eine ganz andere Meinung haben. Deswegen nicht selten der Buhmann sind („Ein Hemd?!“ „Nur eine Kugel?!“ „Allein auf die Realschule?!“). Und sich dann fragen: War das jetzt richtig? Hätte ich nicht mehr auf das Kind hören sollen? Was passiert, wenn die Entscheidung falsch war?

Es geht um Verantwortung

Marie Wiese, Familienberaterin aus Freiburg, hat dazu eine klare Meinung: „In dem Moment, in dem man Kinder in die Welt setzt, übernimmt man auch die Verantwortung für ihr Leben.“ Das umfasse auch die Verantwortung, Entscheidungen für die Kinder zu treffen, so lange, bis diese selbst in der Lage sind, mehrere Faktoren zu berücksichtigen und mögliche Konsequenzen zu sehen.

Und dazu brauchen Kinder viele Jahre. „Damit wir Entscheidungen treffen können, brauchen wir ein Bild im Kopf von dem, was dies oder jenes bedeutet“, sagt Daniela Galashan, Neurowissenschaftlerin und Erziehungscoach. Wenn ein Kind mehrmals auf einem Spielplatz war, weiß es, was es dort erwartet, und kann deshalb sagen, ob es hinwill oder nicht. „Frage ich stattdessen, ob wir mal in eine Kunstausstellung gehen sollen und es war dort noch nie, ist die Entscheidung sehr abstrakt und überfordert die kognitiven Fähigkeiten eines Kindergartenkindes“, nennt Galashan ein Beispiel.

Selbst Erwachsene merken, dass ihnen Entscheidungen umso schwerer fallen, je mehr Neues sie mit sich bringen und je längerfristig die Konsequenzen sind. „Über wachsende Lebenserfahrung können wir ähnliche Situationen als Hilfe heranziehen“, sagt Daniela Galashan.

Bei kleinen Kindern kommt noch hinzu, dass der sogenannte präfrontale Cortex im Gehirn erst mit den Jahren reift. Er ist für die kognitive Kontrolle zuständig, also dafür, dass wir Entscheidungen nicht nur schnell emotional treffen, sondern bewusst unter Berücksichtigung verschiedener Faktoren.

Herausfordernde Situation

Gerade während der Autonomiephase zwischen etwa zwei und sechs Jahren bringt das Eltern in eine herausfordernde Situation. Denn einerseits ist es wichtig, das Kind in seinem Streben ernst zu nehmen, langsam mehr selbst bestimmen zu dürfen. Andererseits sind sie zu vielen Entscheidungen noch gar nicht in der Lage.

„Wenn man ihnen dann dennoch die Wahl lässt, überfordert sie das. Jede Entscheidung kostet uns ja Ressourcen und nimmt uns Energie“, sagt Daniela Galashan. Weshalb sie Eltern von Kindergartenkindern rät, einen genauen Blick darauf zu haben, was das Kind wirklich schon entscheiden kann, und nicht zu viele Möglichkeiten zur Auswahl zu stellen.

Beispielsweise bei der Klamottenwahl: Das Kind ist noch nicht in der Lage, Faktoren wie die Temperatur zu berücksichtigen – weshalb man sich als Eltern hier auch nicht mit langen Erklärungen abmühen muss. „Aber ich kann dem Kind zwei Pullis hinlegen und fragen, ob es lieber den roten oder den grünen tragen möchte“, sagt Marie Wiese.

Mit den Möglichkeiten steigt die Verwirrung

Je mehr Auswahlmöglichkeiten Menschen bekommen, desto schwieriger wird die Entscheidung selbst für Erwachsene. Aus Experimenten weiß man, dass Menschen sich im Supermarkt umso weniger dazu durchringen können, beispielsweise eine Marmelade zu kaufen, je mehr Sorten dort zur Wahl stehen. Im Zweifel wird dann sogar eher verzichtet.

„Kinder werden später auch nicht zu besseren Entscheidern, weil sie zu Hause früh möglichst viel mitbestimmen durften“, sagt Daniela Galashan. Wie fast alles im Leben muss auch das Entscheiden erst gelernt werden. Das gelingt am besten, wenn man ihnen altersgemäß darlegt, welche Dimensionen eine Entscheidung beinhalten kann.

„Wenn man über den nächsten Urlaub spricht, kann man den Kindern durchaus sagen, dass man nicht nur nach dem schönsten Strand entscheidet – sondern auch danach, was die Reise kostet oder wie lange sie dauert“, sagt Daniela Galashan. Ab dem Schulalter sind Kinder dann zunehmend bereit, solche Entscheidungshilfen selbst zu berücksichtigen und ihre Entscheidungsfähigkeit weiter zu trainieren.

Langfristigkeit und Abstraktheit

Als Entscheider sind Eltern dennoch viele Jahre lang gefordert. Dann nämlich, wenn eine Entscheidung aufgrund der Langfristigkeit ihrer Konsequenz und der Abstraktheit das Kind einfach überfordert. Dazu gehört beispielsweise auch die Wahl der weiterführenden Schule. Kinder orientieren sich dabei vor allem an dem, was ihnen Sicherheit gibt und was sie kennen – und das ist beispielsweise die Freundin, die seit der ersten Klasse neben ihnen sitzt.

„Dass Freundschaften sich gerade durch einen Schulwechsel oft aber verändern und was sonst noch eine Rolle spielen kann, dass man an einer Schule gut aufgehoben ist, können Zehnjährige aber nicht überblicken“, sagt Daniela Galashan. Ähnliches gelte für das Festlegen von Handynutzungszeiten. „Hier erlebt man Kinder oft sogar sehr erleichtert, wenn Eltern ihnen die Zeiten klar regeln“, so Galashan.

Das bedeutet nicht, dass man über die Köpfe der Kinder hinweg entscheidet – aber eben auch nicht, dass demokratisch abgestimmt wird. Familienberaterin Marie Wiese vergleicht eine Familie mit einem Unternehmen – mit den Eltern als Chefs und den Kindern als Mitarbeitern. „Als guter Chef habe ich immer ein offenes Ohr für die Wünsche und Bedürfnisse meiner Mitarbeiter. Und ich lasse sie nach ihren Fähigkeiten auch eigene Entscheidungen treffen, mit wachsender Berufserfahrung immer mehr. Aber die Führungskraft hat das letzte Wort und die Hauptverantwortung“, sagt Marie Wiese.

Das Vermitteln von Sicherheit

Zur Aufgabe eines Chefs gehört es dann auch, mal unangenehme Entscheidungen zu treffen – oder vielleicht sogar eine falsche. „Ob es einem Kind an einer neuen Schule gefällt, hängt oft stark davon ab, welche Mitschüler und Lehrer es bekommt und wie sich seine Interessen und Fähigkeiten entwickeln. All das können auch Eltern nicht absehen“, sagt Daniela Galashan.

Aber sie können dem Kind die Sicherheit vermitteln, dass sie es auf seinem Weg, so gut es geht, unterstützen – und notfalls auch ein anderer Weg eingeschlagen werden kann. „Die wenigsten Entscheidungen sind ja unwiderruflich“, so Galashan.

Verantwortung über das Taschengeld

Taschengeld
ist eine gute Gelegenheit für Kinder, um langsam den Umgang mit eigenen Entscheidungen zu lernen. „Dazu brauchen Kinder aber auch die volle Freiheit, zu entscheiden, was sie damit tun möchten“, sagt Marie Wiese. Nur wenn Eltern nicht hineinreden, dass man das Geld lieber sparen oder „für etwas Sinnvolles“ ausgeben soll, könnten Kinder lernen, was die Konsequenzen eigener Kaufentscheidungen sind. (sam)

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