Obwohl die Zahl türkischstämmiger Migranten in Deutschland vergleichsweise hoch ist, ist die Zahl von Städtepartnerschaften mit der Türkei überschaubar. In Baden-Württemberg gibt es nur rund zehn offizielle Verbindungen. Die älteste pflegt Böblingen seit 1967 mit Bergama, in diesem Sommer kam Mannheim mit Beyoglu als jüngste dazu. Erweitert wurde die Liste nun am Donnerstagabend: mit der Stadt Marbach und dem türkischen Tirebolu.
Bereits im Frühjahr, als eine Delegation in der 32 000-Einwohner-Stadt unweit von Trabzon am Schwarzen Meer weilte, hatten sich die Gastgeber erhofft, die Partnerschaft offiziell zu machen. „Wir flirten seit zwölf Jahren und müssen uns irgendwann verloben“, meinte Bürgermeister Burhan Takir, der die Freundschaft stets mit am Leben hielt. Für die Verlobung brauchte es jedoch den Ratsbeschluss in Marbach. Die Hausaufgabe, eine Entscheidung zu treffen, ist jetzt mit einem einstimmigen Votum erledigt. „Die Verbindung ohne formellen Beschluss weiterzuführen ist auch nicht das, was man dem Gegenüber nach zwölf Jahren zumuten kann“, sagte Marbachs Bürgermeister Jan Trost am Donnerstag.
Ein Austausch ist immer bereichernd
Er erhofft sich eine Verbindung über die Bürger, Vereine und Schulen. Nicht nur das Friedrich-Schiller-Gymnasium, sondern auch die Anne-Frank-Realschule und Tobias-Mayer-Gemeinschaftsschule. „Ein Austausch ist immer bereichernd“, sagt er. Er sieht die Partnerschaft auch als Zeichen an die türkischen Migranten in Marbach. Mehrere Familien dort stammen aus Tirebolu und Umgebung. Auch die Fraktionen, das wurde deutlich, erhoffen sich ein Miteinander auf verschiedenen Ebenen. „Mit jetzt vier Städtepartnerschaften sind wir ein großes Vorbild in Sachen Völkerverständigung“, sagte Ute Rößner, Stadträtin und Co-Vorsitzende des Partnerschaftskomitees, die als Zeichen der Freude nach der Abstimmung einen Tirebolu-Wimpel nach oben hielt.
Klar ist: Die Verbindung muss mit Leben gefüllt werden. In welcher Form, wird sich zeigen. Eine Initiative allein von der Stadt aus wird wohl nicht ausreichen. Zwar weilte auch ein Fußball-Jugendteam des FC Marbach mal in Tirebolu, ansonsten bestand die Delegation meist aus Stadtvertretern und Mitgliedern des Partnerschaftskomitees.
In Freiberg, der bis Donnerstag einzigen Kommune im Landkreis Ludwigsburg mit einer türkischen Partnerstadt, ist man weiter. Entstanden war die Verbindung über die Oscar-Paret-Schule, besiegelt wurde sie 1996. Lange gab es jährliche Besuche. Bis der Krieg im nahen Syrien und das Erdbeben im Grenzgebiet im Februar dies erschwerten. Der diesjährige Besuch wurde abgesagt.
Höhepunkte in all den Jahren war der zweimalige Auftritt des Musikvereins in Erzin. „Es war sehr eindrücklich, als das Orchester erst die türkische, dann die deutsche Hymne spielte“, sagt Bürgermeister Dirk Schaible. Er sieht die Bedeutung der Partnerschaft im Zusammenhalt innerhalb Europas. „Nach jeder Begegnung kommt man in der Hinsicht mit mehr Hoffnung zurück“, sagt Schaible. Es gehe ums Zwischenmenschliche. Darum, Brücken zu schlagen, abseits der großen Politik. „Jeder, egal in welcher Stadt, will doch das Beste in Sachen Familie, Bildung oder auch Gesundheitswesen.“
Es gibt auch kritische Stimme
Zwar habe es im Gemeinderat auch kritische Stimmen zur Partnerschaft mit Erzin gegeben, ob man sich weiterhin treffen solle. „Wir sind aber keine Außenpolitiker, das ist nicht unsere vordergründige Aufgabe“, ist der Freiberger Bürgermeister überzeugt. Voneinander lernen sei sowieso nur bedingt möglich. Schon in Frankreich, wo Freiberg mit Soisy befreundet ist, „ist die kommunale Selbstverwaltung nicht mit unserer vergleichbar“, betont Schaible. In der Türkei sei die Vereinsstruktur eine andere.
Begegnung schaffen, das ist der Fokus. Was auch in Erzin ernst genommen wird. Gar europaweit. Der dortige Bürgermeister strebt ein größeres Treffen nicht nur mit Besuchern aus Freiberg, sondern auch mit Vertretern der weiteren Freiberger Partnerstädte an, darunter Ujhartyan in Ungarn.