Wer wissen will, welche Folgen der Zank ums Gebäudeenergiegesetz hat, kann Matthias Bauer fragen. „Seither gibt es viele bockige Verbraucher“, sagt er. „Letztlich wissen viele nicht, wo es hingeht.“ Das Vertrauen sei angekratzt, das wolle er zurückgewinnen. Dabei stimmt es nur halb. Denn er hat das Vertrauen ja gar nicht verloren, sondern eher die Politik.
Matthias Bauer arbeitet für die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Sein Bereich: Bauen, Wohnen, Energie. Diese Reihenfolge hat noch gepasst, als er 2017 an der Paulinenstraße in Stuttgart angefangen hat. Heute müsste Energie ganz vorne stehen. Mit Putins Angriff auf die Ukraine und der dadurch ausgelösten Energiekrise seien die Anfragen explodiert. Waren es davor im Monat rund 500, verdoppelten sie sich im Frühjahr 2021. Inzwischen sei das Ganze wieder abgeflaut, sagt Matthias Bauer. „Chaos in Berlin, die Leute warten ab.“ Aber es sind trotzdem um die 700 Anfragen im Monat.
Balkonkraftwerk, Solaranlage, E-Auto – er kennt sich aus
Bauer hat Jura in Tübingen studiert und lange als selbstständiger Anwalt gearbeitet, dann kam der Wechsel zur Verbraucherzentrale. „Ich wollte etwas kürzer treten“, sagt Matthias Bauer. Jetzt möchte er gar nicht mehr aufhören. „Mit dem Thema steht man mitten im Leben.“ Mit seinen 64 Jahren ist er fast genauso alt wie die Verbraucherzentrale, für die er arbeitet. Und bald im besten Rentenalter? Nein, sagt er. „Ich werde es ausreizen, solange es geht. Die spannende Zeit kommt erst noch.“ Die Rechtsfragen rund um die Energiewende sind sein Akku. „Ich habe mich da jetzt voll draufgeworfen.“
Ein Gespräch mit Matthias Bauer über die Transformation, die ansteht, ist unterhaltsam – und interessant. Ob Balkonkraftwerk, Dachsolaranlage oder E-Auto, er redet druckreif. Wenn er vor seinem inneren Auge einen Paragrafen nachschlägt, gelangt er auf zweierlei Weise an die Information. Entweder er schließt kurz die Augen, oder er starrt in die Zimmerecke, schweigt einen Moment, dann kommt der passende Gesetzestext.
Die Energiewende dürfe und solle sich rechnen
Bei ihm und seinen Kollegen landen Anfragen von Verbrauchern, denen alles zu viel ist, die sich plötzlich um ihre Energie selbst kümmern sollen, wo das doch in den vergangenen Jahrzehnten eine bequeme Lieferbeziehung war. Matthias Bauer ist überzeugt, dass die Energiewende richtig ist. „Ich bin schon immer auf dem Trip gereist“, sagt er. „Ich bin aber kein Klimaschützer. Es soll und darf sich rechnen.“ Und darum geht es bei seinen Beratungen eben meistens: um Geld. Aber auch hier verändere sich etwas. „Bis vor ein paar Jahren war vor allem der Preis entscheidend, jetzt eher die Versorgungssicherheit.“
Er wohnt in Kirchentellinsfurt bei Tübingen unter einer Solaranlage, die längst aus der Förderung, also uralt ist. Zur Arbeit pendelt er mit der Bahn, und er heizt mit Solarthermie und Pellets. Die Pelletheizung würde er heute nicht mehr kaufen, sondern eher eine Wärmepumpe. Wärmepumpe. Er spricht das Wort nicht gerne aus, ein Reizwort, wie er sagt. Das merkt er, weil er so nah am Pulsschlag des Verbrauchers sitzt. Und der pocht gerade ziemlich.
Wobei man sagen muss: Die Leute, die sich bei der Verbraucherzentrale melden, bilden nicht die ganze Gesellschaft ab. Es sind vor allem Menschen, die sich zu helfen wissen. Bauer sagt, er merke aber auch, wie die Anspannung bei großen Familien, Rentnern, Witwen und Alleinerziehenden steige. Von Kollegen aus dem Osten Deutschlands höre er, dass die Stimmung aggressiver werde. „Energie entscheidet über unser Zusammenleben.“ Und im gesellschaftlichen Zusammenhalt sieht er eine neue Aufgabe der Verbraucherzentrale. Also auch seine Aufgabe.