Verdi-Bundeskongress Verdi erstreikt sich eine Eintrittswelle wie nie

Frank Werneke hat die Gewerkschaft Verdi aktionsfähiger aufgestellt. Foto: dpa/Jörg Carstensen

Der wiedergewählte Verdi-Vorsitzende Frank Werneke hat die Gewerkschaft umgekrempelt. Mit neuen Organisationsformen und zugespitzten Tarifrunden stemmt sie sich erfolgreich gegen den Schwund an der Basis.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Dass Verdi-Chef Frank Werneke mit einer hohen Zustimmung von 92,5 Prozent im Amt bestätigt wird, hat beim Bundeskongress in Berlin nicht überrascht. 92,7 Prozent hatte er bei seiner ersten Wahl vor vier Jahren erzielt. Seither kann der 56-Jährige die Zahlen für sich sprechen lassen: Gut 140 000 Eintritte zählt die Dienstleistungsgewerkschaft seit Jahresanfang – darunter 35 000 in der Verdi-Jugend. Seit der Gründung vor 22 Jahren hat es keine solche Eintrittswelle gegeben. Auch im Saldo von Zu- und Abgängen wird ein Plus von mehreren Zehntausend Mitgliedern erwartet.

 

Dieser Aufschwung wirkt sich auch auf die Finanzen aus: Mehr als 510 Millionen Euro wird Verdi dieses Jahr an Mitgliedsbeiträgen einnehmen – mit einem Plus von 20 Millionen Euro fällt die Steigerung höher aus denn je. Erstmals wurde die Schwelle von einer halben Milliarde Euro überschritten. Mit hohen Tarifsteigerungen füllt die Gewerkschaft somit auch die eigene Kasse.

Der Erfolg hat viel mit Frank Werneke zu tun, der aus Verdi eine noch aktionsfähigere Organisation geformt hat, die die Tarifkonflikte strategischer angeht und einen längeren Atem zeigt. War Verdi unter Frank Bsirske eher eine „One-Man-Show“, hat der Nachfolger den Laden umgekrempelt. Er setzt auf Teamarbeit in der Führung und hat Verdi zur Mitmachgewerkschaft umgebaut, wie es im Funktionärsapparat heißt. „Darum geht es“, sagt Werneke. „Weniger rumfrickeln in manchmal erstarrter Gremienarbeit, stattdessen mehr Betrieb, mehr Aktion!“ Dies sei die wohl wichtigste Veränderung: „Wir haben eine neue Arbeitskampfkultur entwickelt.“

So wurden die Tarifrunden „weit im Vorfeld exakt durchchoreografiert“, wie der Finanzchef Christoph Meister sagt. Neue Formen gewerkschaftlichen „Organizings“ wurden etabliert, digitale Medien viel stärker für die direkte Ansprache genutzt. In Tarifrunden wurden Tausende ehrenamtliche „Tarifbotschafter“ als Bindeglied zwischen Funktionärsapparat und Betrieben eingespannt. Das zog nicht nur bei der Post: den Luftverkehr, die Krankenhäuser und die soziale Arbeit nennt Werneke die neuen „Schrittmacher für tarifpolitischen Fortschritt“.

„Stur und gelassen, aber vor allen Dingen stur“

Der Vorsitzende kommt aus Schloss Holte-Stukenbrock. Daher hat er selbst seine Haltung am Verhandlungstisch mal so beschrieben: „Ostwestfälisch: stur und gelassen, aber vor allen Dingen stur.“ Das trifft es wohl. „Werneke hat immer die Geduld, auch schwierige Dinge zu erklären und in einer ruhigen Art zu argumentieren“, sagt ein führender Funktionär. Es sei nur selten zu spüren, wenn er in zugespitzten Debatten wütend werde – Bsirske sei öfter hochgegangen und habe „den Saal dreimal umgedreht“.

„Frank I.“, wie es seinerzeit hieß, war der fesselndere Redner – Wernekes Fähigkeiten, die Gemeinde in seinen Bann zu ziehen, fallen dahinter zurück. Er legt mehr Wert auf inhaltliche Klarheit als auf die intellektuelle Herleitung und Emotionen. Sein Führungsstil ist kommunikativer, aber auch zielorientierter; die Zügel werden straffer angezogen.

So ist es ihm in brenzligen Situationen wie nach der Schlichtung im öffentlichen Dienst gelungen, den heterogenen Laden zusammenzuhalten. Ein Insider schildert: Da hätten auch die Kritiker am Ende gesagt, so respektiert hätten sie sich noch nie gefühlt – obwohl sie nicht zufrieden seien, würden sie in der nächsten Auseinandersetzung wieder mitmachen. „Einen so großen Zusammenhalt wie im Augenblick habe ich bei Verdi noch nie gespürt“, sagt Baden-Württembergs Bezirkschef Martin Gross.

Von außen fällt das Urteil naturgemäß weniger begeistert aus, denn Verdi-Aktionen haben oft Behinderungen für Unbeteiligte zur Folge. „Der fiese Frank versaut uns die Ferien“, hat ein Boulevardblatt im Sommer 2022 vor einem Flughafenstreik getitelt. Werneke nahm es „sportlich“ hin. Die Zeitung spiele in seiner Welt und für Verdi ohnehin eine nur untergeordnete Rolle. Für andersdenkende Politiker eignet sich Werneke eher nicht als Feindbild. Und Regierende, wie am Sonntag Kanzler Olaf Scholz, pflegen ein Verhältnis auf Augenhöhe. Doch sie alle müssen mit ihm rechnen: „Wir werden politisch gebraucht – die nächsten Jahre werden nicht idyllisch“, sagt Werneke. „Wir sind die starke Kraft in Deutschland, die für einen handlungsfähigen Sozialstaat kämpft.“

Selbstzufriedenheit gönnt er sich nicht. Der Vorsitzende sieht im Mitgliederzuwachs keine Trendwende. Er verweist auf den neuen Hang zur „Hop-on-Hop-off-Mitgliedschaft“. Die Beschäftigten würden sich zunehmend fragen, was ihnen der Beitrag aktuell bringen würde – und relativ zügig wieder austreten, sobald die vorrangigen Bedürfnisse befriedigt seien. So sind verstärkte Anstrengungen notwendig. Das Durchschnittsalter der Mitglieder ist mit 53 Jahren relativ hoch. Wenn sich die aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Babyboomer nicht in der Gewerkschaft halten lassen, könnte Verdi wieder schrumpfen. 1,86 Millionen Beitragszahler wurden Ende 2022 gezählt – die Zwei-Millionen-Grenze ist wohl nicht mehr zu erreichen.

Streikkasse wird gut gefüllt

Mehreinnahmen
 Wie viel Mobilisierung sich eine Gewerkschaft leisten kann, hängt vor allem von ihrem Vermögen ab. Daher füllt auch Verdi die Streikkasse: 206 Millionen Euro konnten ihr dank des Mitgliederplus in den vergangenen vier Jahren zugeführt werden. Zudem bringen gute Tarifabschlüsse mehr Einnahmen, weil Mitgliedsbeiträge von der jeweiligen Lohnhöhe abhängen.

Aufwendungen
 Wie viel Geld in der Streikkasse steckt, bleibt geheim. Nur so viel wird verraten: Binnen vier Jahren wurden 95 Millionen Euro für Streiks aufgewendet. Zwar fielen in diesem Jahr erhöhte Streikausgaben an, doch „die können wir ohne Substanzverlust stemmen“, sagt der Verdi-Finanzchef Christoph Meister. 

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