Abgerissene Flügel, verformte Füße, fehlende Augen, oder nur ein halber Schnabel. Die Tauben, die gerade am Böblinger Stadtrand in eine Voliere eingezogen sind, haben einiges durchgemacht. Auf der Straße würden sie wahrscheinlich nicht mehr lange überleben. Eigentlich, sagt Britta Leins vom Verein Straßentaube und Stadtleben, der die Voliere betreut, seien Straßentauben – oder eher obdachlose Haustauben – allgemein auf den Menschen angewiesen. Immerhin seien die Tiere vor einigen Tausend Jahren von ihren felsigen Brutstätten ins Landesinnere verschleppt und domestiziert worden. „Wir haben als Tierschützer Verantwortung für das Wohlergehen aller Tiere, aber besonders für das von ehemaligen Haustieren“, sagt sie.
Zusammen mit dem Landkreis Böblingen, dem Kreistierheim Böblingen und dem Deutschen Tierschutzbund hat der Verein nun eine rund 76 Quadratmeter große Voliere auf einem Grundstück aufgestellt, das das Tierheim gepachtet hat. Hier haben die Tiere ihre Ruhe und sind in Sicherheit, sagen die Tierschützer. Insgesamt 40 000 Euro hat das Projekt gekostet, 15 000 davon hat der Verein aus Eigenmitteln und Spenden aufgebracht. Vier Monate und rund 250 ehrenamtliche Arbeitsstunden später leben nun 120 Tauben in der Voliere.
Hochzeitstauben finden nicht mehr heim
Eigentlich sollten nur behinderte Tauben dort einziehen, „aber Tierschutz kann man nicht mit Scheuklappen machen“, sagt Anna-Vanadis Faix, die ebenfalls im Verein aktiv ist. Daher habe man die Aufnahme auch auf andere Tauben ausgeweitet, die in Not geraten sind. Auch ein paar Hochzeitstauben finden sich in der Voliere. „Die werden leider aus Tradition immer noch bei Hochzeiten fliegen gelassen, aber sie finden dann nicht mehr heim und verenden, weil sie keine Nahrung finden“, sagt Faix. „Oder sie fallen Beutegreifern zum Opfer.“ Ähnlich verhalte es sich mit Brieftauben, die für Wettflüge von Küken und Partnern getrennt würden und oft verletzt in den Städten strandeten. „Und dann gibt es neuerdings in Böblingen noch das Phänomen, dass immer mehr verirrte Zuchttauben aus privater Haltung bei uns stranden“, so Faix. Diese seien nicht beringt und könnten keinem Besitzer zugeordnet werden.
Es ist nicht die erste Voliere, die der Taubenschutzverein in Böblingen betreibt. Im Jahr 2018 hatte Leins bereits mit dem älteren Böblinger Tierheim, dem Tierschutzheim in direkter Nachbarschaft der jetzigen Voliere, eine ähnliche Einrichtung betrieben. Nur ein Jahr später war die Kooperation allerdings seitens des Tierschutzheims beendet worden, weil die Tauben Mäuse angezogen hätten. Die Räumung der Voliere habe man allerdings hinausschieben können, so Leins.
Ehrenamtliche versorgen die Tauben
Die momentan 120 Tauben scheinen sich in ihrem neuen Zuhause wohlzufühlen. Sie gurren, putzen sich ausgiebig und paaren sich – den Tierschützern zufolge Indikatoren dafür, dass es den Tieren gut geht. Küken allerdings gibt es in der Voliere keine. Die Eier werden konsequent gegen Gipsattrappen ausgetauscht. So könne man die Population über längere Zeit senken. Alle zwei Tage schaut ein kleiner Kreis der Ehrenamtlichen bei den Tauben nach dem Rechten. Sie reinigen Boden und Sitzbretter von Kot, füttern und tränken die Tiere. Es wird Stroh als Nistmaterial verteilt und an warmen Tagen bekommen die Tauben Badeschalen in die Voliere gestellt, in denen sie sich abkühlen und pflegen können.
Die Voliere ist nicht das einzige Betätigungsfeld des rund 30 Leute starken Vereins, der sich seit dem Jahr 2016 um die Vögel mit dem schlechten Ruf kümmert. Private Päppel- und Pflegestellen kümmern sich beispielsweise um Findelküken, wie Krümel eines ist. „Ein Hausmeister in Böblingen hat uns alarmiert, weil ein Mieter das Küken von seinem Balkon runtergesetzt hatte“, so Faix. Meist würden so ausgesetzte Küken verenden. Für Krümel ist es gut ausgegangen.
Straßentauben leiden Hunger
Der Verein, der außer im Kreis Böblingen auch noch in Stuttgart agiert, betreibt auch Futterstellen für Tauben, beispielsweise in Herrenberg. Diese einzurichten, stoße allerdings immer wieder auf Widerstände von Anliegern. Sie fürchten sich vor einer explosionsartigen Vermehrung der Tiere durch die Fütterung; der Kot sei scharf, sie würden Krankheiten übertragen. Aber es sind nicht mehr geworden, im Gegenteil: Nach drei Jahren, die es die Futterstelle jetzt schon gibt, gebe es immer wieder Rückmeldungen von Gastronomen, die Tauben würden nun nicht mehr die Kunden belästigen, und damit auch weniger Schaden anrichten.
Die Vorurteile gegen die Straßentauben sind geprägt von Erfahrungen. Jeder hat schon Tauben gesehen, die beim Bäcker unter den Tischen und Stühlen die Brotkrumen aufpicken – oder solche, die gleich in den Laden flattern. Dass die Tauben sich so verhalten, sei der Not geschuldet. Die Tiere seien ständig hungrig, gestresst und lebten im Schmutz. „Das sieht man auch an der Lebenserwartung“, sagt Faix. Wird eine Haustaube im Durchschnitt zwölf bis 14 Jahre alt, sind es auf der Straße höchstens zwei bis drei. „Und das sind schlimme Jahre.“
Der Verein Straßentauben und Stadtleben würde sich auch gerne bei anderen Projekten engagieren, zum Beispiel beim Thema betreute Taubenschläge. In Böblingen gebe es seit einigen Jahren zwei, einen auf dem Postareal, und einen in der Umgebung des Rathauses. Ein Angestellter kümmert sich um die Tauben. Dennoch seien in der Stadt viele Tauben auf der Suche nach Futter unterwegs. Das spreche dafür, das Angebot zu verbessern. Satte Tauben müssten nicht in der Straße nach Futter suchen. Lockschwärme oder Futterspuren seien sinnvoll. „Mit betreuten Schlägen kann man das Problem angehen, das zu den behinderten Vögeln in der Voliere führt“, sagt Leins. Man sei in Gesprächen mit der Stadt.