Vereinspolitik beim VfB Stuttgart Vorsitz im Aufsichtsrat : So positioniert sich Rainer Adrion

Rainer Adrion will sich beim VfB Stuttgart weiter einbringen. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Der VfB-Vizepräsident spricht über den konfliktreichen Wechsel an der Spitze des Kontrollgremiums der VfB AG, die umstrittene Rolle von Präsident Claus Vogt und darüber, wie er versucht, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Rainer Adrion befindet sich in Kampflaune. Er will seine Posten im Präsidium und Aufsichtsrat des VfB Stuttgart nicht aufgeben, wie es teilweise aus der Fanszene gefordert wird. Nun äußert sich der 70-Jährige zu den Folgen des Machtkampfs beim Fußball-Bundesligisten.

 

Herr Adrion, die vereinspolitische Lage beim VfB ist unruhig – und die Proteste der organisierten Fanszene halten an. Diese Gruppe fordert auch Ihren Rücktritt aus dem Präsidium. Wie kommt die ganze Situation bei Ihnen an?

Es ist ihr gutes Recht zu protestieren, wenn sie unzufrieden mit unserer Arbeit sind. Ich kann dabei ihre Begründungen teilweise nachvollziehen und versuche zu verstehen, dass man als organisierte Fankurve so vorgeht. Wir müssen aber auch berücksichtigen, dass selbst die Kurvenfans nicht die Gesamtheit der Mitgliederschaft unseres VfB darstellen. Mittlerweile ist der Verein insgesamt bei 100 000 Mitgliedern angelangt. Ich sehe es deshalb als meine Aufgabe an, Aufklärungsarbeit zu leisten und aufzuzeigen, woher diese Irritationen tatsächlich stammen, und vor allem will ich Lösungsmöglichkeiten erarbeiten und meine Sichtweisen transparent darstellen.

Wie ist Ihr Ansatz dazu?

Zunächst einmal muss man festhalten, dass sich die Auseinandersetzung im Wesentlichen rund um die Neubesetzung des Vorsitzes im Aufsichtsrat der VfB AG entzündet hat. Meine fast tägliche Zusammenarbeit in und zwischen allen Gremien möchte ich als sehr gut bezeichnen. Claus Vogt hatte im vergangenen Juni vor dem Hintergrund des Weltmarkenbündnisses mit Porsche und Mercedes-Benz unter bestimmten Bedingungen, die er nur selbst erläutern kann, zugesagt, den Vorsitz im Aufsichtsrat an einen Porsche-Vertreter abzugeben, wenn die das denn wollen. Wir im Präsidium sind dem gefolgt.

Dennoch ist der Machtkampf eskaliert.

Wir haben es anschließend versäumt, dies frühzeitig und deutlich an die Mitglieder zu kommunizieren. Das war im Nachhinein ein Fehler. Begründung aus damaliger Sicht war, dass sich der Porsche-Einstieg durch die späte Zustimmung der DFL verzögerte. Jetzt hat nicht mehr der Präsident den Vorsitz im Aufsichtsrat, sondern Tanja Gönner als vom Verein in der Hauptversammlung der Aktionäre in den Aufsichtsrat entsandte Vertreterin. Sie selbst sieht dies, wie wir alle, als Übergangslösung, und alle sind sich einig, dass so schnell wie möglich wieder jemand aus dem Präsidium dieses Kontrollgremium der VfB AG leiten soll.

Diese Möglichkeit hätte es bereits zuvor gegeben. Präsident Claus Vogt soll den Vorschlag abgelehnt haben.

In der entscheidenden Sitzung, in der ich nicht dabei war, wurde auch diese Möglichkeit erörtert. Leider kam es zu keiner entsprechenden Entscheidung. Wichtig ist aber jetzt, dass wir uns der Zukunft zuwenden. Auf der nächsten Mitgliederversammlung am 28. Juli wird nach dem Rücktritt von Christian Riethmüller ein neues Präsidiumsmitglied gewählt, danach sehen wir weiter.

Weil mit Abwahlanträgen gegen Sie und Präsident Vogt zu rechnen ist?

Davon gehen wir Stand jetzt aus. Bis heute liegt kein Abwahlantrag gegen mich vor, aber ich habe für mich ja bereits entschieden und bekannt gegeben, dass ich den Mitgliedern nach den Entwicklungen der vergangenen Monate ohnehin die Vertrauensfrage stellen werde. Wenn mir mindestens die Hälfte der Abstimmenden weiterhin vertraut, mache ich gerne weiter. Wenn nicht, trete ich aus freien Stücken von allen Ämtern zurück. Dieses Vorgehen sehe ich unabhängig von der satzungsgemäßen Dreiviertelmehrheit, die für eine Abwahl nötig wäre. Zumindest bis zur Mitgliederversammlung 2025, wenn ein großes Wahljahr beim VfB ansteht, will ich helfen, den Übergang konstruktiv zu gestalten.

Warum machen Sie das auf diese Weise?

Weil ich das Beste für den VfB will.

Gehört dazu auch, dass Sie den Vorsitz im Aufsichtsrat übernehmen würden – sofern die Mitgliederversammlung positiv für Sie verläuft?

Ich stünde zur Verfügung, wenn das hilft, Ruhe in den Verein zu bringen. Allerdings gilt es hier anzumerken, dass die Aufsichtsratsmitglieder den Vorsitzenden oder die Vorsitzende völlig unabhängig aus ihrer Mitte wählen können. Es gibt in diesem Kontext das viel zitierte Versprechen aus der Zeit der Ausgliederung 2017. Bei genauerer Betrachtung bezieht sich dieses aber nicht darauf, dass der Präsident zwingend den Vorsitz haben muss. Da hieß es, dass immer jemand aus dem Präsidium den Vorsitz innehaben soll, damit der e. V. als Hauptanteilseigner die Oberhand in der AG behält. Gelebte Praxis war allerdings, dass es bisher stets der jeweilige Präsident war. Rechtlich bindend ist es zudem für den Aufsichtsrat natürlich nicht.

Wann sollte ein erneuter Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrates stattfinden?

Das ist offen. Ich würde sagen, möglichst zeitnah, sobald die Verhältnisse geklärt sind.

In der Erklärung des VfB-Aufsichtsrates zum bereits vollzogenen Wechsel an der Spitze im vergangenen März wurde Claus Vogt die Eignung für den Posten abgesprochen.

Dazu kann ich nichts sagen. Sicher ist insgesamt einiges an gegenseitigem Vertrauen verloren gegangen. Dieses müssen wir bei unseren Mitgliedern, aber auch unter unseren Partnern nun zurückgewinnen. Der VfB und seine starke Mitgliederschaft sind für mich einmalig, das Weltmarkenbündnis für den VfB ist es ebenso. Es ist eine besondere Leistung unseres Vorstandes gewesen, diese zwei Unternehmen dazu zu bewegen, dass sie sich zum VfB und zum Standort Stuttgart bekennen. Man kann als VfB nicht hoch genug einschätzen, dass uns Porsche und Mercedes als neuer und alter Anteilseigner jeweils ohne jede Gewinnabsicht unterstützen – daraus entstehen wertvolle Netzwerke und womöglich weitere starke Partnerschaften.

Das sehen die Ultrafans anders.

Unser Auftrag als Präsidium ist es, dies nun zusammenbringen. Wir sind die Brücke zwischen Mutterverein und Tochterunternehmen. Wenn alles zusammengeführt würde und wir alle das gleiche Verständnis vom Weg des VfB haben, ist das Gesamtpotenzial für eine stabile und erfolgreiche Zukunft des VfB Stuttgart 1893 enorm.

Wie laufen die Sitzungen des Aufsichtsrates ab? Zuletzt hieß es von Vogts Seite, dass die 50+1-Regel in Gefahr sei, da die Investoren zu viel an Einfluss gewinnen würden und die Mitglieder um ihre Rechte fürchten müssten.

Das sehe ich keinesfalls so. Die 50+1-Regel ist bei uns nicht gefährdet. Ich kann nicht erkennen, dass Lutz Meschke und Albrecht Reimold, die von Porsche entsandt wurden, sowie Franz Reiner und Peter Schymon, die von Mercedes-Benz schon lange dabei sind, den VfB übernehmen wollen. Sie bringen sich ein, und die Zusammenarbeit ist konstruktiv. Dabei steht jetzt fest, dass Porsche den Vorsitz im Aufsichtsrat gar nicht haben will und auf seine damalige Erwartung verzichtet hat. Auch Mercedes hat diesbezüglich keine Ambitionen. Es gibt diverse öffentliche Presseerklärungen dazu. Auch Tanja Gönner hat erklärt, dass sie sich nur als Übergangslösung sieht. Ich würde mir wünschen, dass der Aufsichtsrat nochmals offensiv erklärt, dass der Aufsichtsratsvorsitz wieder in die Hände des Vereinspräsidiums zurückgeführt werden soll.

Wenn das Ihre Bestrebungen sind – fühlen Sie sich ungerecht behandelt durch den Protest aus der Cannstatter Kurve?

Der Unmut richtet sich gegen das Präsidium und die Vorgänge insgesamt. Ich nehme das Thema Vertrauensverlust sehr ernst und persönlich. Vertrauen ist die Basis jeder Vereinsarbeit. Ich möchte auf der Mitgliederversammlung am 28. Juli das Vertrauen der Mehrheit der Anwesenden bekommen.

Wie möchten Sie aus dieser Ecke wieder herauskommen?

Einige haben sich festgelegt – gegen Vogt und auch gegen Adrion zu stimmen. Ich werde versuchen, in den nächsten Tagen und Wochen meine Positionen zu den verschiedenen Sachverhalten transparent und glaubhaft zu vermitteln, und hoffe, dass viele Mitglieder zur Versammlung kommen, um die Zukunft mitzubestimmen.

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