Verfallende Ortskerne „Soziale Verantwortung der Erben fehlt“
Mit jedem Höhenmeter steigt in Stuttgart das Einkommen. In Untertürkheim ist es nicht anders. Die Probleme im Ortskern sind derweil nicht mehr zu übersehen.
Mit jedem Höhenmeter steigt in Stuttgart das Einkommen. In Untertürkheim ist es nicht anders. Die Probleme im Ortskern sind derweil nicht mehr zu übersehen.
Die Halbhöhe steht in Stuttgart für Wohlstand. Mit jedem Höhenmeter steigen die Einkommen. Das bestätigt die Karte des „Einkommensatlas“ für die gesamte Stadt. In Untertürkheim ist es nicht anders: Unten an der Augsburger Straße dominieren die blauen Punkte, was für relativ viele Geringverdiener steht. Oben an der Sattelstraße sind es mehr rote Punkte, also eher Gutverdiener. Im benachbarten Obertürkheim steigt die Zahl der roten Punkte, je weiter man die Asangstraße hinauf nach Uhlbach kommt.
In Uhlbach oder Rotenberg verbringen die einen ihre Freizeit, andere leben hier – eben vor allem gut verdienende Menschen. In den alten, gewachsenen Ortskernen leben derweil seit Jahrzehnten Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten und aller Herren Länder eng miteinander verbunden.
Noch. Denn der zunehmende Trend zu kleinteiligen Vermietungen, sogenannten Boardinghäusern, bereitet vor allem den Bewohnern im historischen Kern von Untertürkheim zunehmend Sorge. Der Einkommensmix verschiebt sich, und zwar nicht zum Besseren – zumindest im Ortskern zwischen der Untertürkheimer Fußgängerzone und der Wallmer-Siedlung.
In diesem Bereich liegen ausweislich der von infas360 errechneten Werte 21,3 Prozent der Haushalte unter einem Netto-Monatseinkommen von 1000 Euro. Das sind deutlich mehr als im stadtweiten Durchschnitt (11 Prozent). In die oberste Einkommensklasse mit mehr als 5000 Euro werden 16,6 Prozent der Haushalte eingestuft, in ganz Stuttgart sind es 23 Prozent. Immerhin: Der Anteil der Mittelschichthaushalte mit 2500 bis 3500 Euro Monatsnetto liegt ungefähr im Stadtschnitt.
Woran liegt es, dass sich die Dinge in Untertürkheim verschieben? Ein Grund ist aus Sicht von Martin Glemser die zunehmende Umstrukturierung des Wohneigentums. Viele Häuser seien im Besitz von älteren Menschen, deren Kinder bereits weggezogen sind, sagt der Bezirksbeirat der Grünen: „Nach deren Tod stehen die Gebäude zunächst länger leer. Am Ende geht es dann beim Verkaufspreis nur noch um Profitmaximierung.“
Nach Jahrzehnten im Ortskern hat er festgestellt, dass dann zunehmend die Stunde der „Miethaie“ schlägt: „Sie zahlen einfach einen höheren Preis für die Gebäude.“ Das Geschäftsmodell ist denkbar einfach: Anstatt die Wohnungen und Häuser nach dem Kauf in Gänze zu sanieren und wieder zu vermieten, werden sie in einzelne Zimmer aufgeteilt. Im Internet fänden sich in der Folge beispielsweise mehr und mehr Airbnb-Angebote, beschwert sich Martin Glemsers Kollege im Bezirksbeirat und Parteifreund Klaus-Ulrich Blumenstock. Die Angebote reichen von knapp 80 bis über 500 Euro pro Nacht.
So lasse sich deutlich mehr Gewinn generieren als bei einer normalen Vermietung. Aber nicht nur das, glaubt Blumenstock. Er spricht sogar vom „Schichtschlafen“. Mehrfach habe er beobachtet, wie ganze Handwerkertrupps nach getaner Arbeit am Abend im Kleinbus vor einem Haus warten müssen, damit sie nach dem „Auszug“ anderer Bewohner ihr nächtliches Quartier beziehen konnten. So ließe sich der Profit aus der Not der Menschen zusätzlich steigern. Teilweise mit erschreckenden Nebenwirkungen: Selbst Sturmtrupps des Polizei-Sondereinsatzkommandos seien bereits mehrfach im Untertürkheimer Ortskern aufgelaufen, „bereit zum Einsatz“, berichtet Martin Glemser. Die Polizei sagt auf Anfrage allerdings, man könne nicht von einem Brennpunkt sprechen.
„Eigentum berechtigt nicht nur, sondern verpflichtet auch. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, zitiert Martin Glemser aus dem Grundgesetz. Doch eine soziale Verantwortung der Erben sieht er seit langem nicht mehr. Und der Anreiz für Mittelschichtfamilien, in oftmals „seit vielen Jahren unsanierten“ Häusern im Ortskern ohne eigene Grünfläche oder auch Parkplatz zu ziehen, sei eher gering. Vielmehr böten sich die Gebäude eben deutlicher besser für die von ihm kritisierten „Miethaie“ an als die zahlreichen alleinstehenden Häuser in den anderen Stadtteilen wie Luginsland, Gehrenwald oder auch Rotenberg.
„Früher haben wir als Kinder noch gemeinsam auf der Straße gespielt“, erinnert sich Stefanie Schwarz. Seit mehr als 300 Jahrhunderten betreibt ihre Familie bereits Weinbau in Untertürkheim, ist seit 1898 im Weingut im Ortskern beheimatet – mit der bekannten Besenwirtschaft. Der Wandel sei nicht nur in der Nachbarschaft erkennbar, sondern auch im Einzelhandel, weiß die Vorsitzende des Industrie-, Handels- und Gewerbevereins Untertürkheim. Auch das Shoppen in den vielen Fachgeschäften sei nicht mehr so unbeschwert wie früher.
Trotz aller Kritik sehen alle drei Untertürkheimer Urgesteine weiter einen „Ortskern, den man auch für Familien attraktiv machen kann“. Die Grundversorgung sei nach wie vor gegeben, städtebaulich müsste sich aber was tun, auch wenn der ehemalige Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) 2014 einen Master- und 2017 einen Rahmenplan Untertürkheim vorgelegt hat. Die Nahversorgung soll ebenso wie das charakteristische Ortsbild erhalten werden. Pläne gibt es unter anderem für einen Aldi-Markt auf dem Gelände des früheren Postgebäudes, der Bahnhof soll neu belebt und die Augsburger und Arlbergstraße teilweise als Fußgängerzone optisch aufgewertet werden.
Allerdings ist das bislang alles noch Zukunftsmusik. Der Bezirksbeirat fordert in einem aktuellen Antrag an die Stadtverwaltung, den Ortskern von Untertürkheim zum offiziellen Sanierungsgebiet zu erklären. Das kann, muss aber nicht funktionieren, wie die Beispiele Kaltental und Hallschlag zeigen. Doch die Hoffnung ist, dass Eigentümer mithilfe von Zuschüssen in die Gebäude im Ortskern investieren.