Vergessene Kunst in Stuttgart-Nord Die vergessenen Nackten vom Killesberg
Das Relief „Weinfreuden“ ist seit 14 Jahren eingelagert. Jetzt fordert Bezirksvorsteherin Sabine Mezger das Werk zurück.
Das Relief „Weinfreuden“ ist seit 14 Jahren eingelagert. Jetzt fordert Bezirksvorsteherin Sabine Mezger das Werk zurück.
Stuttgart-Nord - Das Schicksal von Gegenständen, die in Kellern oder auf Dachböden verstaut werden: Sie geraten in Vergessenheit. Und im schlimmsten Fall weiß keiner mehr, wo die Sachen sind. Das gleiche kann mit Kunst passieren, die nur vorübergehend auf einem städtischen Betriebshof gelagert werden soll: Sie wird vergessen. Das Relief „Weinfreuden“ des Stuttgarter Bildhauers Alfred Lörcher (1875 – 1962) ist so ein Fall. Wo es steckt, das weiß man zum Glück: auf einem Betriebshof des städtischen Garten-, Friedhof- und Forstamts am Logauweg auf dem Fasanenhof – und das seit rund 14 Jahren. Eine lange Zeit, in der kaum noch jemand an das Werk gedacht hat.
Das Relief zeigt drei nackte Männer, zwei stehen, einer sitzt. Einer spielt auf der Flöte, einer hält einen Weinkrug in der Hand und einer sein Handtuch. Einbetoniert war das Werk an der Fassade der Halle 9 der alten Messe. Die Halle wurde auf dem Fundament der zur Reichsgartenschau 1939 errichteten Blumenhalle gebaut, die später Sammelpunkt für den Abtransport von Juden, Sinti und Roma in die Konzentrationslager wurde.
Bereits als die Halle 2006 abgerissen werden sollte, hat niemand mehr daran gedacht, dass das Relief die Fassade schmückt. „Zum Glück hat mich die Kunstakademie kurz vor dem Abriss informiert. In letzter Minute konnten wir zusammen mit dem Garten-, Friedhofs- und Forstamt das Werk in Sicherheit bringen“, erinnert sich Gerd Dieterich. Er ist beim städtischen Kulturamt Kunstexperte. Das Relief wurde aus der Fassade gesägt, die Quader nummeriert, damit sich die Teile leichter als ein Puzzle wieder zusammensetzen lassen, und im Betriebshof des städtischen Garten-, Friedhofs- und Forstamts gelagert. Wieder zusammengesetzt wurde es bis heute nicht.
Sabine Mezger, Bezirksvorsteherin in Stuttgart-Nord, hat die Nackten vom Killesberg nicht vergessen. Sie fordert sie jetzt für die Öffentlichkeit zurück. „Schließlich hat man uns das damals versprochen“, stellt sie fest. Tatsächlich waren 2009 im städtischen Haushalt 60 000 Euro fürs Anbringen des Reliefs eingeplant. Das 4 x 5 Meter große, 1949 entstandene Werk aus rotem Sandstein sollte einen prominenten Platz im neuen Quartier Killesberghöhe bekommen. Das Geld wurde dann aber im Zusammenhang mit der Haushaltkonsolidierung eingespart. Das Relief blieb weiterhin eingemottet. Der Stuttgarter Architekt Roland Ostertag(1931 – 2018) kritisierte damals den Umgang der Stadt mit dem Werk als „fahrlässig“ und „geschichtsvergessen“. Und Mezger weist daraufhin, dass Lörcher einer der bedeutendsten Stuttgarter Bildhauer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war und will die Frage nach der Zukunft des Steinbilds nach der Sommerpause im Beirat auf die Tagesordnung nehmen.
Der Zeitpunkt scheint günstig: „Wegen eines Neubaus für den gärtnerischen fachtechnischen Unterricht der Landwirtschaftsschule Schule Stuttgart-Hohenheim muss das Lörcher-Relief umgelagert werden“, teilt die Pressestelle der Stadt auf Anfrage mit. Was mit dem Werk passieren soll, ist noch ungewiss: „Die weitere Verwendung des Reliefs ist aktuell in Klärung“, so Sprecher Martin Thronberens.
Der Umzug in ein Museum oder ins städtische Lapidarium? Laut Dieterich ist das eher nicht denkbar, weil das Relief mit seinen 4 x 5 Metern viel zu groß dafür wäre. Idealer Standort wäre in der Nähe der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste. Denn Alfred Lörcher, der zu einer Künstlergruppe gehörte, die sich vom Künstlerbund Stuttgart wegen dessen konservativer Kunstpolitik abspaltete, war Professor an der Kunstakademie Stuttgart. Mezger kann sich die Wand zwischen Bahnhöfle und Killesberghöhe im Park vorstellen. „Das Werk braucht eine hohe und lange Mauer oder Wand“, stellt Dieterich fest.
Dass sein Werk nicht zu sehen ist, wäre für Lörcher, lebte er noch, nicht neu: 1933 wurde seine Kunst als entartet diffamiert und er mit Ausstellungsverbot belegt. Zeitweise wurde ihm die Professur entzogen.