Verkehr in Fellbach Ein Kenner der Fellbacher Stadtschneise
Peter Notter kennt die Straße, die früher als meistbefahrene Bundesstraße galt, aus dem Effeff. Was sagt der Anwohner der Schorndorfer Straße heute zu Auto- und Radverkehr?
Peter Notter kennt die Straße, die früher als meistbefahrene Bundesstraße galt, aus dem Effeff. Was sagt der Anwohner der Schorndorfer Straße heute zu Auto- und Radverkehr?
Die Blechkarawane beschreibt Peter Notter anschaulich: „Es war die Hölle. Wir wohnten wie an einer Autobahn, das können Sie sich heute nicht mehr vorstellen.“ Was der Anwohner der Schorndorfer Straße in Fellbach beschreibt, ist die Zeit, bevor durch den Bau des Stadttunnels vor etwas mehr als einem Vierteljahrhundert ein Großteil der dröhnenden Blechlawine in den Untergrund verlegt wurde.
Nicht nur Anwohner wie Peter Notter litten damals unter der immer gewaltiger werdenden Kolonne, die sich täglich auf den zwei Spuren je Richtung durch die zweigeteilte Stadt Fellbach quälte. Der damalige Fellbacher Oberbürgermeister Friedrich-Wilhelm Kiel, der im vergangenen Jahr gestorben ist, hatte sich für das „Jahrhundertbauwerk Stadttunnel“ stark gemacht. Er erreichte, das Land vom Bau des Vorhabens zu überzeugen und Fördergelder locker zu machen – so tragen die beiden Ablufttürme im Volksmund in Erinnerung an Kiels Einsatz die Spitznamen „Friedrich“ und „Wilhelm“.
Peter Notter hat einen ganzen Ordner gesammelt mit dem schlichten Titel „B14“. Darin hat er auch die farbige Broschüre der Stadt abgeheftet, in der Ex-OB Kiel die Untertunnelung erläutert hatte. Im Jahr 1992 vor dem Neubau der Ortsumfahrung mit dem Kappelbergtunnel rollten demnach bis zu 53 000 Fahrzeuge durch die Schorndorfer Straße. Nach dem Bau des Kappelbergtunnels waren es 1995 demnach immer noch bis zu 28 000 Fahrzeuge pro Tag, die die Fellbacher Ortsdurchfahrt zwischen der Landeshauptstadt und dem Remstal nutzen. „Aufgrund der hohen Verkehrsbelastung ging von dem Straßenzug eine große verkehrliche Trennungswirkung aus, verbunden mit häufigen Staus sowie großer Lärm- und Schadstoffbelastung“, hieß es im Behördendeutsch.
Peter Notter füllt solche Sätze mit Leben. „Als ich als 18-Jähriger damals mit meinem ersten Auto, einem VW Käfer aus unserer Hofeinfahrt rausfahren wollte, hatte ich etwa 20 Sekunden dazu Zeit“, erzählt er. Genau dann, wenn eine bestimmte Ampelschaltung dieses Zeitfenster ermöglicht hatte. Sonst bot die Nonstop-Rush-Hour vor dem Haus keine Möglichkeit. Er holt Zeitungsausschnitte hervor, in denen die B14 damals als meistbefahrene Bundesstraße in Deutschland betitelt wird. Der frühere Karikaturist der Fellbacher Zeitung zeichnete unter dem Titel „B 14 – in Fellbach unter den Linden“ Passanten und ihre Vierbeiner beim Spaziergang mit Gasmaske umtost von der nicht endenden Welle von Lastwagen und Autos. Notter blättert in dem Ordner. Auch ein Leserbrief von ihm ist 1994 mit der Überschrift „Plausch mit der Gasmaske“ in der Zeitung erschienen, in der er von der „brüllenden und stinkenden Schneise, der städtebaulichen Katastrophe, der alten B14“ schreibt.
Umso mehr wurde gefeiert, so erinnert sich Notter, als der Stadttunnel eingeweiht wurde. „Im Tunnel gab es einen Stand an dem anderen, es war ein Riesenfest. Auch wir haben mit anderen Nachbarn zusammen Bier und Getränke ausgeschenkt, es gab eine Hüpfburg – es war ein richtiges Spektakel.“
Das ist nun rund ein Vierteljahrhundert her. „Fellbach – bald nicht mehr zweigeteilt“, hieß es damals als Titel der städtischen Broschüre. Doch diese Hoffnung sei nicht in diesem Maße eingelöst worden, sagt Notter, „die Schorndorfer Straße ist immer noch eine Schneise“. Auch wenn die Verkehrsbelastung durch den Stadttunnel in der Schorndorfer Straße deutlich gemindert sei. Peter Notter öffnet eines der Fenster, die mit Schallschutzglas versehen sind, von dort hat er einen direkten Blick auf den Verkehr. „Sonst sieht es ganz anders aus“, sagt er. An diesem Mittwochmittag, kurz nach 14 Uhr in den Schulferien, geht es auf der Schorndorfer Straße recht entspannt zu. Aber in den Stoßzeiten, etwa gegen 17 Uhr am Abend, dann gibt es Staus. „Und wenn irgendetwas im Kappelbergtunnel passiert ist, dann merken wir das sofort“, sagt Notter. Er kennt die Ausschläge, die vom Verkehrsstrom kommen, genau. Es ist das elterliche Haus, in dem er heute noch wohnt. „Hier zu leben ist qualitativ wesentlich besser als damals“, stellt er klar. Dennoch sei nicht alles rosig.
So hat er in den ersten Jahren nach Inbetriebnahme des Stadttunnels mit einigen anderen Anwohnern angemerkt, dass die Tunneleinfahrt vom Remstal aus nicht so gut gemacht sei. Sie hätten vermessen, dass die Spur, die oberirdisch nach Fellbach führe, einiges breiter sei als die Spur, die in den Stadttunnel leite. Auf der anderen Seite von Stuttgart her kommend, sei die Einfahrt in den Tunnel besser gestaltet. Und natürlich seien die Autos inzwischen, größer und stärker und das Autoposing habe zugenommen, beobachtet Peter Notter.
Und was denkt er zum geplanten Radschnellweg? Da hat er eine differenzierte Sicht. Er finde Radschnellwege richtig. Doch die Wegeführung entlang der Schorndorfer Straße sieht er kritisch. Zum einen, weil dort viele Ein- und Ausfahrten liegen. Zum anderen wegen des Baumbestandes. Beim Bau des Stadttunnels seien viele Bäume neu gepflanzt worden, die nun die Straße säumen. Wenn diese aufgrund der Radtrasse weichen müssten, würden wertvolle Sauerstoff- und Schattenspender fehlen. Und Neupflanzungen bräuchten einige Zeit zum Wachsen. In seinem Garten stehen drei große Kastanien. „Sie sind wichtig als Klimaanlagen“, sagt er.
Ihm fällt dabei auch eine Szene von damals ein. Eine kleinere Kastanie hätten er aufgrund einer Krankheit entfernen müssen. „Unser Schild Achtung Baumarbeiten blieb keine zehn Sekunden stehen. Es war wie auf einer Stadtautobahn, es wurde sofort umgefahren“, erinnert er sich. Das sei zum Glück doch einiges anders geworden.
Seine gute Laune lässt sich Peter Notter ohnehin nicht nehmen. Er ist Frontmann der Fellbacher Kultband Molch-Combo. Am 21. März holt die Band im Soundland ein Konzert nach, das am 21. März 2020 wegen Corona ausfiel. Vor drei Jahren war dieses Datum ein Samstag. „Jetzt spielen wir halt mal an einem Dienstag, die Karten von damals haben Gültigkeit“, sagt er. Der Abend sei vollkommen ausverkauft.