Verkehr in Stuttgart E-Scooter-Unfälle nehmen stark zu

Praktisch und schnell, aber auch gefährlich ist die Fahrt mit dem Roller. Foto: dpa/Roland Weihrauch

E-Scooter sind praktisch, da sie überall für ein schnelles Vorankommen verfügbar sind. Doch ihre verstärkte Präsenz im Verkehr macht sich auch in den Unfallzahlen bemerkbar.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Stuttgart - Drei Schnitte unterm Auge bei ihr, Verdacht auf Jochbeinbruch und zwei Wochen lang ein geschwollenes Gesicht, dazu eine Gehirnerschütterung. Ein Zahn so gelockert, dass er, obwohl gesund, jetzt raus muss und durch ein Implantat ersetzt wird. Verletzungen an den Schienbeinen bei beiden. Diese Verletzungen haben die Stuttgarterin Agnes Gimmel und ihr Partner zu beklagen, nachdem sie Ende November an der Olgastraße im Dunkeln über auf dem Gehweg liegende Scooter gestürzt waren. „Wir kamen aus einem Haus, haben nichts gesehen und lagen plötzlich beide da.“ Noch sind nicht alle Folgen der Verletzungen ausgestanden. Die Zahnoperation stehe noch aus, auch werde noch untersucht, ob wegen der Schnitte im Gesicht noch ein Eingriff notwendig werde.

 

Was die 51-jährige Stuttgarterin und ihr Partner erlebten, kommt auch in der Statistik der Polizei vor. „Stürze wegen blockierter Wege oder falsch abgestellter Scooter bewegen sich dabei im unteren einstelligen Bereich“, sagt die Polizeisprecherin Ilona Bonn. Wie viele nicht angezeigt werden, das vermag die Polizei natürlich nur schwer einzuschätzen. Agnes Gimmel ging nicht zur Polizei. „Wir wollten einfach nur heim“, sagt sie. An eine Anzeige hätten sie im ersten Schock nach dem Sturz nicht gedacht. Die Polizeisprecherin kann diese Reaktion zwar nachvollziehen, rät aber dazu, solche Vorfälle „auf jeden Fall melden – denn dann kann man repressiv und präventiv was tun“.

Stürze werden nur selten angezeigt

Die Stürze wegen blockierter Wege sind eine Sorte Unfälle, die in der Polizeistatistik vorkommen. Das Gros aber sind die Stürze der Nutzerinnen und Nutzer und Zusammenstöße. Genaue Zahlen für das vergangene Jahr kann die Polizei noch nicht herausgeben, da die offizielle Unfallstatistik noch nicht veröffentlicht ist. Aber es sei im Vergleich zum Jahr 2020, als es 44 Unfälle mit Scootern waren, „ein sehr deutlicher Anstieg“. Dabei hat sich etwas verschoben: Als die Scooter neu waren, waren die meisten Unfälle Stürze, oft auch von betrunkenen Party- oder Wasenheimkehrern. Inzwischen sei nur ein Drittel der Unfälle „alleinbeteiligte“ Stürze. Bei zwei Dritteln der Scooterunfälle seien auch andere Verkehrsbeteiligte involviert gewesen, teilt die Polizeisprecherin mit. Man merkt, dass die Gefährte zunehmend im normalen Verkehr mitmischen.

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Falsch abgestellte oder umgekippte Scooter sind zunächst kein Fall für die Polizei, sondern für die Verkehrsüberwachung der Stadt. Die Mitarbeitenden nehmen das als „Verkehrsverstoß mit Behinderung“ auf – und greifen sofort ein: „Die E-Roller werden per Hand von den Überwachungskräften so umgestellt, dass sie keine Behinderung mehr darstellen“, teilt der städtische Pressesprecher Martin Thronberens mit. Die Scooter werden dann an den Gehwegrand parallel zur Fahrbahn oder an eine Hauswand gestellt. Wenn ein Ordnungswidrigkeitsverfahren aufgenommen werde, schreibe die Stadt die Betreiberfirma als Zeugen an. Die Firma zahlt dann das Verwarngeld, sobald das fällig wurde – und holt sich das, so möglich, vom Nutzer oder der Nutzerin zurück.

Das ungeordnete Abstellen soll von der Stadt nicht nur geahndet werden, es soll auch neue Möglichkeiten geben, das Parken zu lenken. Zwar sei der öffentliche Raum endlich, das müsse man bedenken, wenn man eine Fläche für eine bestimmte Verkehrsart zur Verfügung stellt. Wer also eine Abstellfläche für Scooter einrichtet, der nimmt diese entweder dem rollenden, gehenden oder ruhenden Verkehr weg. Insbesondere in der „ohnehin stark verdichteten Innenstadt“ sei es noch schwieriger und sensibler umzusetzen, solche Abstellzonen zu schaffen. Dennoch sei an der Theodor-Heuss-Straße eine erste Abstellzone eingerichtet. „Das ist aber nur ein Anfang“, sagt der Pressesprecher Martin Thronberens. Nach und nach sollen an Kreuzungen, die dafür geeignet sind, sogenannte Stuttgarter Rechtecke als Abstell- und Funktionsflächen eingerichtet werden. Dort soll dann auch Platz für die elektrisch angetriebenen Roller sein. „Dieses Konzept kann aber nicht über Nacht umgesetzt werden“, fügt der Pressesprecher hinzu. Solche Funktionsflächen existieren bereits an der Schlossstraße im Westen oder an der Böblinger Straße im Süden Stuttgarts.

Anbieterfirma sperrt Wiederholungstäter

Auch den Anbieterfirmen ist nach deren Aussage an der Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmenden gelegen. So werde beim Registrieren in der App mit leicht verständlichen Erklärbildern, die man nicht überspringen könne, gezeigt, welche Regeln zu befolgen seien, sagt ein Sprecher der Firma Tier, eine der in Stuttgart vertretenen Verleihfirmen. Dabei gehe es auch ums regelgerechte Abstellen der Roller. Wenn eindeutig nachzuvollziehen sei, wer den Roller falsch abgestellt habe, werde das Bußgeld eingezogen – über die hinterlegte Bezahlmethode. Bei wiederholten Verstößen könne ein Nutzer oder eine Nutzerin auch gesperrt werden.

Agnes Gimmel hofft, dass sich etwas bessert. Ihr Partner und sie werden auf einem Teil der Kosten für die Zahn-OP sitzenbleiben, von Schmerzensgeld nicht zu reden. Die Versicherung zahle, da sie beim Unfallarzt waren, der alles dokumentierte. „Der sagte auch, es bringe nichts, zur Polizei zu gehen.“

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