Verlagerung Recaro kehrt in die Heimat Stuttgart zurück

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Die Recaro Holding will mit der Marke kräftig wachsen und ist auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern. Stuttgart als Standort bietet den Vorteil einer günstigen Verkehrslage.

Recaro-Eigner Martin Putsch (re.) und seine beiden Vorstandskollegen Bernd Gaiser (li.) und Hartmut Schürg wollen das Unternehmen künftig breiter aufstellen. Foto: Achim Zweygarth
Recaro-Eigner Martin Putsch (re.) und seine beiden Vorstandskollegen Bernd Gaiser (li.) und Hartmut Schürg wollen das Unternehmen künftig breiter aufstellen. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Die Recaro Holding verlegt ihren Sitz aus Kaiserslautern nach Stuttgart. Dort, an der Oberen Weinsteige in Degerloch, weiht das Unternehmen am kommenden Donnerstag die neuen Räume ein; mit dabei wird OB Fritz Kuhn sein. Recaro stellt die Feier unter das Motto „Zurück für die Zukunft“. Denn Recaro wurde im Jahr 1906 als REutter CAROsserie in Stuttgart gegründet. Mittlerweile gehört die Recaro Holding in der vierten Generation der Unternehmerfamilie Putsch und versammelt unter ihrem Dach den Flugzeugsitzhersteller Recaro Aircraft Seating in Schwäbisch Hall und den Produzenten von Kindersitzen Recaro Child Safety in Marktleugast/Bayern. Zudem verwaltet die Holding die Rechte an der Marke Recaro. So hat Recaro 2011 das angestammte Geschäft mit Autositzen an Johnson Controls verkauft. Der amerikanische Konzern nutzt seitdem die Marke Recaro. Insgesamt soll bis Juni der Umzug der etwa 30 Beschäftigten der Holding nach Stuttgart abgeschlossen sein.

„Stuttgart ist die ideale Stadt“, begründet Alleineigentümer Martin Putsch die Standortwahl. Er wollte aus Kaiserslautern weg hin zu einem Standort mit guter Verkehrslage, mit einer gewissen Distanz zu den beiden Werken und mit Kompetenz auf den Gebieten Marke und Design. Und schließlich sprach auch die Tradition für Stuttgart. Fünf Standorte, darunter auch Frankfurt, waren zuvor in der engeren Wahl, aber die Entscheidung fiel Putsch offenbar leicht: „Wir wollten nach Stuttgart. Deshalb haben wir hier auch gar nicht erst nach Unterstützung gesucht.“ Der Kontakt zu den örtlichen Entscheidungsträgern ist dem 46-Jährigen gleichwohl wichtig – am Eröffnungstag hat er Gelegenheit dazu.

Nicht nur räumlich positioniert sich die Recaro Holding neu. Vorstandsmitglied Bernd Gaiser, zuständig für Finanzen und Unternehmensentwicklung: „Wir wollen in den nächsten Jahren deutlich wachsen.“ Das ist im doppelten Sinn gemeint. Neben einem zweistelligen Wachstum im Jahresdurchschnitt bis 2017 in den angestammten Geschäftsfeldern will Recaro seine Aktivitäten auch erweitern. Allzu große Erwartungen dämpft der 51-jährige Gaiser, der im vorigen Jahr die Stuttgarter Unternehmensberatung Horvath & Partners verlassen hat, um sich neu zu orientieren: „Wir gehen nicht auf Shopping-Tour.“ Aber klar ist für ihn auch dies: „Man kann und man muss mit der Marke mehr machen, und zwar kontinuierlich.“ Die Überlegungen gehen sowohl in Richtung Eigen- als auch Lizenzgeschäft. Das Ziel ist, bis zum Jahresende ein klares Bild davon zu bekommen, was zur Marke Recaro passt und was nicht; in diesen Prozess sind auch Trendforscher einbezogen. Anschließend soll dann entschieden werden. Wie viel Geld für die Expansion zur Verfügung steht, mag Putsch nicht sagen. „Das Unternehmen ist gesund“, ist das Einzige, was ihm zu diesem Thema zu entlocken ist.

Im nächsten Jahr sollen Kapazitäten ausgebaut werden

Was zur Marke Recaro passt, weiß am besten Vorstandsmitglied Hartmut Schürg, der lange bei Recaro Aircraft Seating war und jetzt in der Holding für Marke und Design zuständig ist: „Ergonomie, Funktionalität und Ästhetik, das sind die drei Haupteigenschaften“, sagt der 48-Jährige. Im Detail will sich der Vorstand nicht in die Karten schauen lassen. Klar ist aber, dass alle Arten von Fahrzeugsitzen als Eigengeschäft tabu sind. Das Recht hierauf hätte Johnson Controls; die Amerikaner wiederum müssen enge Vorgaben dafür akzeptieren, wie mit der Marke umgegangen wird.

Recaro hat im vorigen Jahr einen Umsatz von mehr als 350 Millionen Euro verbucht und weltweit mehr als 1800 Mitarbeiter beschäftigt. Die Zahlen des Lizenznehmers Johnson Controls sind darin nicht enthalten. Vom Gesamtumsatz entfällt mit etwa 300 Millionen Euro der Löwenanteil auf Recaro Aircraft Seating; Recaro Child Safety kommt auf 50 Millionen Euro. Beide Sparten sind gegenüber dem Vorjahr gewachsen.

Die Kapazitäten sollen in den nächsten Jahren weiter ausgebaut werden. So investiert Recaro Aircraft Seating bis 2017 insgesamt 80 Millionen Euro. Allein im vorigen Jahr hat das Unternehmen 15 Millionen Euro für den Ausbau der Werke in Deutschland, Polen und den USA ausgegeben. In diesem Jahr soll das neue Werk in Qingdao/China fertig werden; Baubeginn war Ende 2012. Den Aufwand für Forschung und Entwicklung in Schwäbisch Hall beziffert Recaro mit zehn Prozent vom Umsatz.