Vermisst wird ... Teil I Zwischen den Welten

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Wenn Menschen verschwinden, bleiben die Angehörigen zurück. In einer Serie erzählen Betroffene wie Helga Siegel aus Freiburg, die ihren Sohn verlor.

Baden-Württemberg: Heinz Siebold (sie)
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Freiburg - Nicht hier, es muss noch ein Stück weiter oben gewesen sein. Helga Siegel, eine 76-jährige Frau mit weißblonden Haaren, zeigt flussaufwärts. Eigentlich ist die Dreisam eher ein Flüsschen, meist ist das Wasser an vielen Stellen nur knöcheltief. Doch Quellen und Zuflüsse des Freiburger Gewässers liegen im nahen Schwarzwald, und wenn Regen oder Schmelzwasser von dort abfließen, steigt der Pegel schnell auf ungewohnte Höhen.

Südöstlich der alten Stadtmauer, unter der Schwabentorbrücke, die nach dem badischen Nachkriegsstaatschef Leo Wohleb benannt ist, gibt es eine Stelle, an der die Fluten besonders kräftig über den Uferweg schwappen. Am 7. Dezember 2010 war das so, der Rad- und Spazierweg war überschwemmt, aber nicht gesperrt. Kurz nach sechs Uhr abends war Georg Siegel auf dem südlichen Ufer mit seinem Fahrrad unterwegs zu einer Partie Bridge bei einem Kreis älterer Damen und Herren. Es dämmerte bereits. Um 18.15 Uhr ging der erste Notruf bei der Polizei ein, kurz darauf ein zweiter: Ein Mann habe am Uferrand an einem Fahrrad gezerrt, das sich im Gestrüpp verhakt hatte, und sei daraufhin in die reißenden Fluten gestürzt.

Seitdem ist Georg Siegel weg. Die Rettungskräfte sind schnell gekommen, Feuerwehr, Polizei und Taucher waren bis vier Uhr nachts im Einsatz. Auch am nächsten Tag wurde weiter gesucht, mit Hubschrauber, bis nach Riegel am Kaiserstuhl, wo die Dreisam in die Elz mündet. Georg Siegel blieb verschwunden, nur sein Fahrrad hat man ein paar Meter bachabwärts gefunden, sonst nichts, auch kein Kleidungsstück.

Ein sofortiger Kälteschock

„Er ist tot“, sagt seine Mutter. Sie sagt es mit einem resignierten und traurigen Lächeln. „Er ist tot.“ Ein sofortiger Kälteschock habe ihn womöglich bewusstlos gemacht, vielleicht ist er mit dem Kopf schwer an die Steine geschlagen. Danach sei er wohl ertrunken und weggetrieben worden.

Am Tag zuvor war er noch beim Mittagessen bei der Mutter, da haben sie sich zum letzten Mal gesehen. Alle Spekulationen, dass er den Wassermassen entkommen und irgendwo noch am Leben sein könnte, sind für Helga Siegel völlig abwegig. Hätte er abhauen und irgendwo anders ein neues Leben beginnen können? „Nein, auf keinen Fall“. Will heißen: wer so etwas annimmt, kennt meinen Sohn nicht.

Sie hat ihn selber nicht mehr so richtig gekannt. Georg, zum Zeitpunkt des Unfalls 48 Jahre alt, war einer von vier Buben und zwei Mädchen, die Helga Siegel zur Welt gebracht hat. Georg war ihr drittes Kind, also nicht das Nesthäkchen, aber er blieb irgendwie der Kleinste. Noch mit 48 sah er aus wie ein Junge, schlaksig. „Er war krank“, seufzt die Mutter.

Verloren hatte sie den Sohn innerlich ein Stück weit schon lange vor seinem Sturz in die Dreisam. Er war autistisch, manisch depressiv, mit 20 Jahren kam Georg zum ersten Mal in die Psychiatrische Anstalt in Emmendingen. Die Schule hatte er abgebrochen, in Mathematik war er sehr gut gewesen. „Aber das Haschisch“ – Helga Siegel schüttelt den Kopf und blickt nach unten. Erklären kann sie sich das alles nicht, die Familie war intakt, der Vater ein anständiger Lehrer an einer Freiburger Schule, engagiert in vielen Vereinen, beliebt und kein Haustyrann.

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