Vermisst wird . . . Teil III Mathilde Jahn hat nicht mehr geheiratet

Reportage: Robin Szuttor (szu)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Albrecht geht bei einem Orgelbauer in die Lehre, später wird er Krankenpfleger, der Beruf erfüllt ihn. Seit 28 Jahren lebt er mit seiner Frau Inge in Nellingen, ebenso lang singen sie schon im Kirchenchor. Er ist außerdem im Polizeichor Esslingen, beim Bäckerchor Stuttgart und beim Männerchor Berg. Man schätzt ihn als einen geselligen, liebenswerten Menschen – wie schon seine Mutter in ihr Buch schrieb: „Der Junge ist sehr artig und freundlich, er lacht immer und nimmt die anderen an die Hand.“

Mathilde Jahn hat nicht mehr geheiratet, es gab keinen anderen Mann in ihrem Leben. Albrecht hat ihr drei Enkel geschenkt: Gudrun, 27, ist heute Bäckereifachverkäuferin, Peter, 32, Speditionskaufmann und Mike, 37, Gartenfachwerker. Albrecht Jahn fehlte ein Vorbild. Einer, der ihm vorlebte, wie man als Vater sein muss. Er hat es trotzdem ganz gut hinbekommen. Die drei Kinder leben noch im Elternhaus, jeder hat eine kleine abgetrennte Wohnung. „Das ist doch ein Zeichen, dass sie sich wohlfühlen bei uns.“ „Dezember ’42: Erster Advent. Wir zünden die Kerze an. Albrecht strahlt in seinem Laufstall über das ganze Gesicht. Der Vater darf dieses Freuen und die Freude noch miterleben. Auch das zweite Adventlicht haben wir noch gemeinsam mit Vater angezündet. Dann, am gleichen Tag, kam der Vater fort, mit den vielen anderen Soldaten nach Russland zu . . .  Es wird Weihnachten. Ohne den Vater muss es gehen und werden. Die Kinder verstehen den Ernst des Krieges nicht. Und der kleine Albrecht weiß noch gar nichts von der schlimmen Kriegszeit . . .  Oktober ’43: Wir wünschen uns, dass das Vaterle bald heimkehren darf. Bei Albrecht geht das Sprechen noch langsam. Mama ist sein Lieblingswort, er sagt es in allen Tonarten. Papa kann er jetzt auch sagen, die Großen haben es ihm beigebracht. Doch er sagt es immer seltener, weil der liebe Vater gar nicht zu sehen ist. Immer noch ist er fern von uns im Krieg in Russland, im Mittelabschnitt.“

Jahn ist ein fleißiger Sammler für die Kriegsgräberfürsorge

Albrecht Jahn zählt seit Jahrzehnten zu den fleißigsten Sammlern der Kriegsgräberfürsorge. Fast jedes Jahr landen mindestens 2500 Euro in seiner Büchse, so viel schafft keiner im ganzen Bezirk. „Ich glaube“, sagt er, „im Unterbewusstsein tue ich das auch für meinen Vater.“

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge kümmert sich um die Gräber der deutschen Kriegstoten im Ausland. 825 Grabfelder mit 2,5 Millionen Toten, verteilt auf 45 Staaten in Europa und Nordafrika, befinden sich heute unter seiner Obhut. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nahm der Verein seine Arbeit auch im früheren Ostblock auf, wo allein im Zweiten Weltkrieg drei Millionen deutsche Soldaten ums Leben kamen. Viele der mehr als hunderttausend Grabanlagen waren schon längst zerstört, überbaut oder geplündert – oder überhaupt nicht mehr auffindbar.




Unsere Empfehlung für Sie