Stuttgart - Es war eine Todesanzeige, die auffiel. Gerade mal 36 Jahre zählte der „unerwartet und viel zu früh“ Verstorbene aus dem Kreis Ludwigsburg, der im Mai von Eltern und Schwester mit Familie betrauert wurde. Und doch hatte er es schon zu beachtlichen akademischen Weihen gebracht: „Prof. Dr. Dr.“ stand vor seinem Namen.
In Wirtschaft, Wissenschaft und Politik wurde die Nachricht mit großer Betroffenheit aufgenommen. Dort kannte und schätzte man Andreas H. – als Manager, als Forscher oder als Ratgeber. Seit 2011 bereits arbeitete der promovierte Elektrochemiker bei Daimler, „Senior Manager“ stand auf seiner Visitenkarte. Als Leiter der Batterieforschung bei Mercedes-Benz kümmerte er sich um das Herz des Elektroautos, den Energiespeicher. „Evaluation und Entwicklung zukünftiger, potenzieller Batterietechnologien der nächsten Dekade in Richtung Serienanwendung“ beschreibt der Autokonzern als seinen Aufgabenbereich. Eingebettet sei dieser in ein weltweites Netzwerk von Spezialisten, deren Erkenntnisse letztlich in eine „zentrale Technologiestrategie“ mündeten.
Referent bei CDU/CSU im Bundestag
Für Andreas H. war das ein „Traumjob“, wie er noch im Januar sagte. Ständig unterwegs zu sein, die „hohe Belastung“ insgesamt sei natürlich anstrengend. Aber man setze sich selbst Ziele und lerne jeden Tag etwas Neues – das mache „unglaublich Spaß“. Diese Begeisterung konnte er ebenso vermitteln wie die oft spröden Fakten seines Fachgebiets. Die technologischen Herausforderungen, den Stand der Forschung oder technische Feinheiten schilderte er so anschaulich, dass auch Laien etwas mitnahmen. Alles andere als abgehoben wirkend, konnte man mit ihm ebenso über seinen persönlichen Fahrstil plaudern (zurückhaltend) oder seine Präferenz für den Fahrzeugbesitz (lieber Eigentum als Sharing).
In den letzten Monaten stellte Daimler ihn denn auch zunehmend in die Öffentlichkeit. Ob als Interviewpartner für diverse Medien oder als Podiumsteilnehmer bei politischen Runden, zuletzt im Dezember bei der Unionsfraktion im Bundestag: Gerne entsandte man den eloquenten, jungenhaften Vorzeigeforscher mit dem bescheidenen Auftreten. Mochte dem Autokonzern in der Vergangenheit vorgeworfen worden sein, bei der E-Mobilität zu lange geschlafen zu haben – Andreas H., Kapazität und schwäbisches „Käpsele“ gleichermaßen, erschien wie der personifizierte Garant dafür, dass man sicher nichts mehr verpasse. Auch nahezu 150 Erfindungen von ihm, die Daimler über die Jahre als Patent anmeldete, zeugen von seiner wissenschaftlichen Produktivität. Fast auf jede Frage habe man von ihm eine Antwort bekommen, berichteten Forscherkollegen beeindruckt.
Eine kompostierbare Batterie als Vision
Seine Aufgabe bei Daimler war es, weit in die Zukunft zu denken. Als Konzernchef Ola Källenius zu Jahresbeginn bei der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas das Konzeptfahrzeug Vision Avtr vorstellte, steckte auch die Arbeit von H. und seinen Kollegen dahinter. Das futuristische Gefährt, entwickelt zusammen mit den Machern des Films „Avatar“, enthielt eine nicht minder revolutionäre Batterie: frei von seltenen Erden und Metallen, alleine aus organischen Stoffen bestehend – und damit vollständig zu recyceln. So werde Elektromobilität „unabhängig von fossilen Ressourcen“, verhieß Daimler und betonte die Bedeutung der künftigen Kreislaufwirtschaft. Bis zur Serienreife brauche man aber noch etliche Jahre Forschung, dämpfte H. die Hoffnungen.
Um die „kompostierbare Batterie“ ging es auch, als der Daimler-Mann in Las Vegas mit zwei Journalisten von „Auto, Motor und Sport“ zusammentraf. Aufgezeichnet wurde ein etwa einstündiges Gespräch. Eingangs unterhielt man sich über seine außergewöhnliche Vita, wie der Konzern sie vorab an Medien übermittelte.
Nach dem Studium der Elektrochemie und der Promotion an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich und einem Post-Doc-Aufenthalt am Massachusetts Instituts of Technology (MIT) in den USA hatte H. demnach in seinem Bildungshunger nicht nachgelassen. In Medizin habe er ebenso promoviert, an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München, wie in Wirtschaftswissenschaften, nämlich an der Universität Zürich und der Hochschule St. Gallen, hieß es im Kurzlebenslauf des Konzerns. Seit 2014 sei er zudem „Full Professor“ – wo, blieb offen.
Universitäten wissen nichts von Promotion
Er sei also sogar „Prof. Dr. Dr. Dr.“, erkundigten sich die Reporter ehrfürchtig. Ja, das habe sich so ergeben, bestätigte H., er gehe den Dingen eben gerne auf den Grund. Erst 36 und schon dreifach promoviert – das sei „einfach so die Challenge, das zu machen, dass man’s halt gemacht hat“, konterte er das anhaltende Staunen. Dann wandten sich die Fragesteller, die den unkomplizierten Forscher duzen durften, dem Fachlichen zu. Andreas H. schien das nur recht zu sein.
Irgendwann und irgendwie kam in der Folgezeit die Frage auf, ob alles seine Richtigkeit habe mit den Titeln. Keinerlei Zweifel gibt es am Studium und der Promotion in Elektrochemie: Für seine Dissertation, in der es darum ging, Lithium-Ionen-Batterien langlebiger zu machen, erhielt der 26-Jährige gleich einen Preis: den mit 25 000 Franken dotierten Swisselectric research Award. Im Jahr darauf, 2011, stieg er bei Daimler ein. Von einer Promotion in Medizin aber weiß die Pressestelle der LMU in München nichts; vielleicht sei die Technische Universität gemeint? Aber auch dort meldet ein Sprecher Fehlanzeige. Auch die Universität Zürich findet nichts unter dem Namen Andreas H.: eine „Person dieses Namens“ habe dort weder Wirtschaftswissenschaften studiert noch darin promoviert, meldet eine Sprecherin; auch die ebenfalls genannte Universität St. Gallen findet keine entsprechende Doktorarbeit.
Eilends von der Daimler-Homepage getilgt
Wie passt das zu den Angaben von Daimler? Zweifel an den beiden Promotionen und der Professur lässt eine Konzernsprecherin unkommentiert. Maßgeblich für das Unternehmen sei „seine fachliche Expertise auf dem Gebiet der Chemie“, schreibt sie lediglich und übersendet einen Link zur Dissertation; ansonsten könne man sich nicht äußern. Auch für Daimler sei Andreas H. „völlig unerwartet verstorben“: „Unser Mitgefühl gilt seinen Angehörigen und Freunden.“ Kurz darauf waren im Konzern alle Spuren von ihm getilgt: Die Mailadresse funktionierte nicht mehr, auf der Medienseite wurden Beiträge, die ihn erwähnten, gelöscht.
Waren die Ungereimtheiten bei den Titeln intern aufgefallen, wurden sie womöglich aufgearbeitet, stand Andreas H. deshalb unter Druck? Musste er Konsequenzen, gar das Ende seiner Karriere fürchten? Zu derlei Fragen, die seit seinem Tod gestellt werden, gibt die Sprecherin nur allgemein Auskunft. Wenn ein berechtigter Anfangsverdacht auf falsche Titelführung oder Qualifikation bekannt würde, werde dieser „intern sorgfältig und mit der gebotenen Fairness untersucht“. Folgen für die Tätigkeit des Betreffenden prüfe man, wenn die dafür notwendige Qualifikation fehle – die bei Andreas H. unbestritten vorlag. „Je nach Fallkonstellation“ sei zudem denkbar, dass „personelle Maßnahmen“ eingeleitet würden.
Private Firma mit Millionengewinn
Mit Fragen oder Recherchen zu seinen Titeln musste H. eigentlich rechnen, zumal, seit ihn Daimler so exponierte. Für seine Karriere wären die Zusatzpromotionen zudem gar nicht nötig gewesen. Warum ging er trotzdem das Risiko ein? Das gesamte wissenschaftliche System lebe von Vertrauen, berichtete er den Journalisten in Las Vegas, manche Ergebnisse von Kollegen könne man nur glauben. „Deswegen wird Betrug in der Wissenschaft auch so schwer geahndet.“
Mehr oder weniger ratlos sind auch einstige Weggefährten. Ein eigener Kopf sei er schon immer gewesen, berichten Weggefährten aus der Jungen Union. Bei dem CDU-Nachwuchs saß Andreas H. einst im Kreisvorstand, dort galt er als großer Bewunderer von Helmut Kohl. Ein anderer Mitstreiter von damals erinnert sich, dass er mit 16 Jahren einmal das Steuerrecht als Hobby angegeben habe – was Altersgenossen doch eher verwunderte. Über Geschäftssinn scheint H. durchaus verfügt zu haben: An seinem Wohnsitz unterhielt er eine kleine Firma, die als Gegenstand „Forschung und numerische Simulation im Bereich der Chemie“ angab. Nachdem der Überschuss jahrelang bescheiden ausfiel, schoss er in dem Ende 2019 veröffentlichten Jahresabschluss plötzlich auf 1,3 Millionen Euro hoch. Warum? Das bleibt ungeklärt.
Auch die Eltern erfuhren von der Existenz der Firma erst nach dem Tod von Andreas H., wie sie mitteilen ließen. Zu den akademischen Titeln neben dem Doktor der Chemie wüssten sie nichts Näheres – ebenso wenig dazu, ob bei Daimler bereits zu seinen Lebzeiten Zweifel daran aufkamen. Ihr Sohn habe sich bei dem Autokonzern „sehr wohl und wertgeschätzt“ gefühlt, berichteten sie, zuletzt aber offenbar verstärkt an eine Rückkehr in die Wissenschaft gedacht.
Staatsanwaltsddhchaft: kein Fremdverschulden
Auch die Staatsanwaltschaft Heilbronn kann die Rätsel um den Batterieforscher nicht lösen. Sie hat nach Auskunft einer Sprecherin ein Ermittlungsverfahren zu den Todesumständen geführt, aber am Ende eingestellt; es seien „keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden“, also eine Straftat, gefunden worden. Zu den Motiven werde in solchen Fällen nicht weiter ermittelt.