Verunreinigtes Leitungswasser Hamsterkäufe von Trinkwasser im Kreis Böblingen

In diesem Sommer wurden in der Region Stuttgart schon mehrfach Bakterien im Leitungswasser nachgewiesen. Woran liegt das? Foto: factum//Simon Granville

Für Sindelfingen kommt eine Entwarnung, aber in Magstadt und Maichingen muss Leitungswasser weiter abgekocht werden. Viele Bürger holen sich Notvorräte im Supermarkt, Zahnärzte müssen improvisieren.

Sindelfingen/Magstadt - Am Donnerstagvormittag kam die gute Nachricht für Sindelfingen: Das Abkochgebot für den Bereich Goldberg ist aufgehoben. Für Tausende Sindelfinger besteht damit keine Gefahr mehr. Für Maichingen und Magstadt heißt es aber weiterhin: Wasser abkochen.

 

Warum die Entwarnung für Sindelfingen? Die Proben am Hochbehälter Goldberg, der vor genau einer Woche eine Enterokokken-Belastung aufwies, fielen negativ aus. Bakterien sind keine mehr im Wasser. Für die Bürger bedeutet das, dass das Leitungswasser wieder rein ist. Dass die Entwarnung am Donnerstag ausgesprochen wurde, obwohl seit Mittwoch eine Negativprobe vorliegt, liegt daran, dass das Chlor zur Desinfektion noch nicht bis in alle Ecken des Verteilnetzes vorgedrungen war. Zur Sicherheit wird das Wasser weiter stark gechlort.

Wie ist es in Maichingen und Magstadt? Am Mittwochmittag wurde die Warnung auf Maichingen und Magstadt im Kreis Böblingen ausgedehnt. Zuvor wurden im Hochbehälter für die Wasserversorgung der beiden Ortschaften ebenfalls Enterokokken festgestellt. Bis zur Entwarnung werden jeden Tag Proben in den insgesamt zehn Hochbehältern der Stadt genommen. Obwohl es sich in Magstadt und Maichingen ebenso um Enterokokken handelt, ist der Keim dort nicht identisch mit der Art, die im Hochbehälter Goldberg gefunden wurde.

Ist der Fall besonders gefährlich? „Jahrelang gab es keine Fälle von Verunreinigungen. Allgemein ist landes- und bundesweit zu beobachten, dass häufiger verunreinigtes Wasser entdeckt wird“, sagt Simone Hotz, Sprecherin des Landratsamts. Trotzdem sei der Fall nicht ungewöhnlich, auch die Dauer nicht. „Bei Enterokokken kennt man nach etwa zwei Tagen das Ergebnis. Im Vergleich: Bei Legionellen dauert es zehn Tage.“ Lars Haustein von den Stadtwerken Sindelfingen bezweifelt mittlerweile, dass die Ursache der Verunreinigungen jemals gefunden werden kann.

Was könnten die Ursachen sein? In diesem Sommer beziehungsweise Spätsommer ist nun schon zum wiederholten Male verunreinigtes Leitungswasser in der Region Stuttgart aufgefallen: im Juli und August im Kreis Göppingen, jetzt im Kreis Böblingen. Laut der Bodenseewasserversorgung (BWV), von der ein großer Teil des Leitungswassers in der Region Stuttgart kommt, sind das Einzelfälle. „Keiner der aufgetretenen Fälle gleicht in seiner Art und Weise, der Ursache und den Maßnahmen dem anderen“, sagt eine BWV-Sprecherin. Es müsse jedes Mal geschaut werden, wo das Wasser herkomme und ob lokale Ereignisse wie Rohrschäden, Reinigungen oder Bauarbeiten eine Rolle spielten. Wasser aus eigenen Quellen unterliege Spätsommerereignissen wie Auswirkungen von lokalem Starkregen und Hitze. Das Wasser aus dem Bodensee sei davon unberührt. Man könne sagen, dass es sich „um kein generelles Problem der Bodenseewasserversorgung“ handle. Es würden täglich Proben entnommen, allerdings dauerten die Analysen rund 48 Stunden. „Durch Spülungen, Nachchlorung und Probenahmen soll bald die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser erreicht werden.“

Wie reagieren die Menschen? Was vor anderthalb Jahren das Klopapier war, ist nun das Trinkwasser – zumindest in Magstadt und Maichingen. Seitdem dort am Mittwoch bekannt wurde, dass das Leitungswasser bakteriell verunreinigt ist und vor dem Verzehr zehn Minuten lang abgekocht werden muss, haben einige Menschen Hamsterkäufe erledigt und in Supermärkten große Mengen an Trinkwasser gekauft. In einigen Läden soll Wasser am Mittwochabend sogar ausverkauft gewesen sein. Die Nachfrage sei definitiv erhöht gewesen, bestätigt Madeleine Schulze, die Marktleiterin im Rewe Vietz in Maichingen. Bei ihnen habe es aber bis abends noch Wasser gegeben, „und am Donnerstag hat es sich schon langsam wieder normalisiert.“ Auch im Edeka in Magstadt stelle man fest, dass es derzeit eine erhöhte Nachfrage nach Wasser gebe, bestätigt der Unternehmenssprecher von Edeka Südwest, Christian Deutscher.

Wie gehen Zahnärzte damit um? Wie viele andere hat auch der Maichinger Zahnarzt Matthias Döring am Mittwoch Wasser in größeren Mengen gekauft. Denn Zahnärzte in den betroffenen Gebieten dürfen derzeit nur Behandlungen durchführen, wenn sie unabhängig vom Trinkwassernetz arbeiten. In dieser Situation hätten Kollegen einen Vorteil, die alte Zahnarztstühle hätten und mit dem sogenannten Bottle-System arbeiten, erklärt Döring. Da wird das Wasser nicht aus der Leitung kommen, sondern aus Flaschen. Döring nutzt dieses System normalerweise nicht, stellt nun mit seinen Mitarbeitern aber entsprechend um, dass sie unabhängig sind. Zum Spülen verwenden sie nun Mineralwasser. „Außerdem führen wir alle Behandlungen durch, die ohne Wasser auskommen, wie Abdrücke nehmen oder Kronen einsetzen“, sagt der Zahnarzt.

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