Verunreinigung in Böblingen Wo kommt eigentlich unser Trinkwasser her?

Christian Bacher entnimmt eine Wasserprobe aus dem Rohr nach Böblingen. Foto: Stefanie Schlecht

Zurzeit ist das Wasser in Böblingen nicht wie normal verfügbar. Aber – was heißt das eigentlich: normal? Ein Besuch im Hochbehälter Brand, der inzwischen berühmt-berüchtigt ist.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Julika Wolf (jwo)

Eisig kalt ist es, von den sommerlichen Temperaturen draußen ist im Untergeschoss des Hochbehälters Brand in der Böblinger Diezenhalde nichts zu spüren. Zehn Grad sind es laut Christian Bacher, der es wissen muss: Als Betriebsleiter der Anlagen bei den Stadtwerken Böblingen ist er oft hier. Die Kälte kommt vom Wasser in den Rohren. „Es hat eine Temperatur von circa sechs Grad“, sagt Bacher.

 

Aus dem Bodensee und aus dem Grundwasser im Ammer- und Neckartal werde es aus 40 bis 60 Metern Tiefe hochgepumpt. Vom Bodensee aus sei es sechs bis sieben Tage unterwegs, vom Schönbuch deutlich weniger. Dann kommt es in Böblingen an, immer in Rohren in mindestens einem Meter Tiefe. Deshalb bleibt es auch so kalt.

Am Hochbehälter Brand lag das Problem nicht

Christian Bacher dreht einen Wasserhahn an einem riesigen Rohr auf, hält ein Fläschchen darunter und füllt es mit Wasser. Sobald es voll ist, dreht er es zu und schickt es ein, in ein Labor in Tübingen. Dort wird es auf E.coli-Bakterien untersucht. Die sind vergangene Woche im Böblinger Trinkwassersystem aufgetaucht – und führen seitdem dazu, dass die Bürger ihr Wasser abkochen müssen.

Am Hochbehälter Brand liegt das Problem jedoch nicht. Das stand schon nach wenigen Proben fest. Dann war klar, dass die Bakterien im Bereich des Böblinger Flugfelds ins Trinkwassernetz gelangt sind. Das betroffene Netz, das die Gebiete Stadtgebiet, Ost, West, Diezenhalde und Dagersheim versorgt, bekommt sein Wasser vom Hochbehälter Brand. Deshalb war die Angst zuerst groß, dass die Verunreinigung von dort kommen könnte – und sich auf das restliche Netz ausbreiten. Das tat sie aber nicht. Da die anderen Böblinger Netze davon abtrennbar sind, sind weitere Gebiete nicht betroffen.

Um das Wasser zu spülen, reichern die Stadtwerke das Wasser im betroffenen Netz nun mit Chlor an. Das passiert auch im Hochbehälter Brand. Durch zwei Leitungen fließt das Wasser in Richtung Stadt. Neben einer sieht man einen Kanister mit Chlor, der über einen dünnen Schlauch mit dem Rohr verbunden ist. Auch ein Messgerät ist zwischengeschaltet. Per Signal wird eine bestimmte Menge Chlor in die Leitung eingegeben. Das passiert in normalen Zeiten nicht, sagt Christian Bacher.

Denn normalerweise, wenn das Wasser nicht verunreinigt ist, muss er nichts mehr daran verändern. Das Wasser komme bereits mit Trinkwasserqualität am Hochbehälter an, ein bisschen vorgechlort, aufbereitet und bereit zum, nun ja, Verzehr. Letzte Woche haben auch die Wasser-Lieferanten – die Bodensee-Wasserversorgung und die Ammertal-Schönbuch-Gruppe – Proben genommen, um auszuschließen, dass die Bakterien bereits dort ins Wasser gekommen sind: SIen sie nicht. Deshalb gilt jetzt wieder: „Das Wasser geht so in die Leitung, wie es kommt.“

Mehr Wasser in der Halbzeitpause bei WM-Spielen

Und das geht ganz schön schnell: Pro Sekunde laufen etwa 62 Liter Wasser durch ein Rohr. So auch bei diesem Besuch gegen 11 Uhr am Vormittag. Das sieht Bacher auf einem kleinen Monitor, der den Auslauf misst. Später am Tag, wenn die Böblinger von der Arbeit nach Hause kommen und duschen, Wäsche waschen oder den Rasen sprengen, laufen schon eher 90 Liter pro Sekunde durch die Leitung, sagt Christian Bacher, der genau sehen kann, was in Böblingen los ist. Bei der Fußball-WM zum Beispiel fließe in der Halbzeitpause ganz viel Wasser – wenn die Zuschauer ihr Bier wegtragen und gleichzeitig Tausende Spülungen betätigen.

Da muss dann schnell genügend Wasser nachkommen. Das ist im Hochbehälter in zwei Wasserkammern zwischengespeichert, die zusammen 2500 Kubikmeter Wasser fassen (das sind 2,5 Millionen Liter). Wenn das Wasser in Richtung Böblingen läuft, sinkt der Wasserspiegel darin. Sobald ein bestimmter Höhenstand erreicht ist, wird automatisch Wasser nachgefüllt. Das passiert, ohne dass Bacher etwas damit zu tun hat. Doch er kann es auf seinen Monitoren in der Zentrale jederzeit genau beobachten.

Nur befugtes Personal darf in den Hochbehälter

Trotzdem kommt er regelmäßig her. Für Kontrollen etwa, um die Anlagen in Schuss zu halten oder um Proben zu nehmen. Vom pH-Wert etwa, der zwischen sieben und acht betragen muss. „Darunter ist es Säure, darüber Lauge“, sagt Bacher.

Zugang zum Hochbehälter hat nur befugtes Personal. Mit speziellen Schlüsseln kommt Bacher rein – und kann auch von der Zentrale aus sehen, wenn jemand Unbefugtes versucht, sich Zugang zu verschaffen. Das ist unter anderem wichtig, weil das Trinkwasser hohe Standards erfüllen muss. „Die Kammern sind ein Reinraum“, sagt Bacher. Alle zwei Jahre werden sie von einer externen Firma komplett desinfiziert. Deshalb gebe es zwei – während eine gereinigt wird, kann die andere weiter genutzt werden.

70 Meter über der Stadt

Dass der Hochbehälter Brand in der Diezenhalde steht, kommt nicht von ungefähr. „Wir sind hier 70 Meter höher als die Stadt“, sagt Tomislav Martincevic, der bei den Stadtwerken für die Trinkwasserversorgung verantwortlich ist. Durch den Höhenunterschied komme im Wassernetz ein Druck von sechs bis sieben bar auf, die das Wasser durch die Rohre schieben. Deshalb brauche man da auch keine Pumpen, die nachhelfen, sagt Christian Bacher. Anders ist das bei dem zweiten Auslauf-Rohr, das die Diezenhalde versorgt. Drei Pumpen gibt es da. Warum gleich so viele? „Selbst wenn zwei Pumpen ausfallen, könnten wir die Bürger trotzdem mit Wasser versorgen“, sagt Bacher. Und das ist schließlich essenziell.

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