Was ist auf der Wangener Höhe los? Solche Fragen tauchen derzeit in sozialen Netzwerken auf. Auslöser ist unter anderem eine Veröffentlichung auf der Facebook-Seite von „Kesselblaulicht“. Dort ist per „Eilmeldung“ zu lesen, dass in den Gebieten Rohracker, Wangener Höhe und im Dürrbachtal „höchste Lebensgefahr“ bestehe. Es seien Schüsse gefallen und Schreie zu hören gewesen. Nach einem Horrorszenario klingen auch die Posts, die auf der Facebook-Seite „Wilde Wangener Höhe“ zu lesen sind: „Hier läuft ein Irrer mit einer Waffe im Wald herum, wir müssen ihn finden.“ Dass von den Wildkameras in den vergangenen Wochen viel weniger Rehe aufgenommen wurden, sei ein weiteres Indiz dafür, dass dort jemand illegal auf die Jagd gehen würde. Zu all diesen Spekulationen wurden Bilder von Tiergedärmen gestellt, die über einem Drahtseil beziehungsweise in einem Baum hingen.
Kein Kontakt zu den Jagdpächtern
Die Einträge in den sozialen Netzwerken haben sich „im und rund um das besagte Gebiet wie ein Lauffeuer rumgesprochen“, sagt Jägerin Patricia Sperrle. Gemeinsam mit ihren Jagdpächtern Bernd Reinle und Jochen Scheiffele kümmert sie sich nebenberuflich um das Revier in Hedelfingen, Wangen und Teile von Stuttgart-Ost. Zu den Posts können alle drei nichts sagen. „Es ist allerdings unverständlich, dass das so aufgeputscht wird. Wir sind viel im Revier unterwegs, sprechen mit den Leuten vor Ort und sehen keinen Grund, dass man sie so verunsichert“, so die Jägerin. Sie würde sehr gerne wissen, wer für die Seite „Wilde Wangener Höhe“ verantwortlich ist. „Wir kennen diejenigen aber nicht“, sagt Sperrle. „Der Kontakt ist anscheinend nicht gewollt, unser Wissen offenbar nicht gefragt“, fügt Reinle hinzu. Auf Anfragen unserer Zeitung erfolgte ebenfalls keine Reaktion.
Patricia Sperrle, die in Wangen wohnt, beteuert, weder Schüsse noch andere seltsame Vorkommnisse wahrgenommen zu haben. „Ich kenne auch niemand, der solche Beobachtungen gemacht hat.“ Dass es zurzeit weniger Rehe gebe, könne sie ebenfalls nicht bestätigen. Im Gegenteil: „Wenn man im Wald unterwegs ist, kann man fast zu jeder Tageszeit Rehe sehen“, sagt die 51-Jährige, die hauptberuflich als Köchin arbeitet und einen Cateringservice leitet. Dieses Jahr mache sich höchstwahrscheinlich bei der hohen Population die zurückgegangene Zahl der Füchse aufgrund von Staupe und Räude bemerkbar. Der geringere Prädatorendruck, also die fehlenden Feinde, seien für die Kitze von Vorteil.
Frei laufende Hunde ein großes Problem
Gefahren lauern für die Wildtiere gibt es aber dennoch auf der Wangener Höhe, die durch die Pandemie als stadtnahes Erholungsziel deutlich an Beliebtheit gewonnen hat. Regelmäßig würden Rehe von Autos angefahren oder von Hunden gerissen, so Sperrle. Die Jägerschaft bittet immer wieder, die Vierbeiner an die Leine zu nehmen. „Trotz des Hinweises passiert es allerdings immer noch häufig, dass wir Rehe schwer verletzt auffinden und sie schnellstens von ihrem Leid erlösen müssen“, sagt Reinle, der seinen Jagdhund speziell zum Aufspüren von verletztem Wild ausgebildet hat und bei der „Nachsuche“ sowohl Polizei als auch benachbarte Jäger unterstützt. Um ihre Ruhe zu haben, würden die Rehe immer häufiger in Gärten ausweichen, doch auch dort seien sie nicht in Sicherheit. Kitze, die in Wiesen und Weinbergen liegen, würden von Balkenmähern oder Freischneidern erfasst. Häufig würden sich Wildtiere in Zäunen oder Netzen verfangen. „Selbst im Pool oder Gartenteich sind Tiere ertrunken.“
Im Polizeirevier an der Ostendstraße ist man ebenfalls auf die Facebook-Posts aufmerksam geworden und hat Ermittlungen eingeleitet. „Doch sie verliefen im Sand“, sagt ein Sprecher. Ein Punkt, der untersucht wurde, waren die Gedärme, die über einem Drahtseil und an einem Baum hingen. Wie sie dort hingekommen sind, können die Beamten, die sich mit Jagdpächter Bernd Reinle ausgetauscht haben, nicht beantworten. „Es ist vieles denkbar“, sagt Reinle. „Möglich ist, dass sich ein Waschbär, ein Rabe oder ein Bussard den Darm geschnappt hat und dieser dann im Geäst hängen geblieben ist. Warum sollte ein Wilderer in dieser Form auf sich aufmerksam machen?“
Beschreibung passt auf den Jäger
Auf der Facebook-Seite „Wilde Wangener Höhe“ ist von Personen in Militärkleidung die Rede, die möglicherweise mit den Vorgängen zu tun haben könnten, außerdem wird ein roter Suzuki erwähnt. Wie es der Zufall will, fährt Reinle, der im Hauptberuf Lebensmittelkontrolleur und knapp drei Jahrzehnte als Jagdpächter im Einsatz ist, ebensolch ein Fahrzeug. Auch einen ärmellosen Flecktarnkittel trägt er häufig bei der Jagdausübung. „Aufgrund der vielen Taschen. Ich verstehe nicht, dass man sich einfach irgendwas aus den Fingern saugt. Das geht nicht“, so der Hedelfinger, der erwägt, rechtliche Schritte einzuleiten.
Sicherheit hat Priorität
„Als Anwohner muss man ja denken, dass man sich besser nicht in der freien Natur aufhalten sollte. Es entsteht ein völlig falsches Bild. Wir tun nichts Unerlaubtes. Unser Interesse gilt einem artgerechten, angepassten und gesunden Wildbestand. Wir jagen sehr umsichtig und mit sehr großer Vorsicht, dabei hat die Sicherheit aller sich in der Natur bewegenden Geschöpfe Priorität für uns“, sagt Reinle. Es bestehe kein Grund für diese Panikmache, fügt Sperrle hinzu. „Die naturliebenden Menschen sollen und können sich weiterhin unbeschwert im Wald, ihren Gärten und Weinbergen aufhalten – immer mit der gebotenen Rücksicht auf andere und den Lebensraum Natur.“