Vesperkirche Stuttgart Wo man auch mit wenig Geld etwas gilt

Von Georg Linsenmann 

In der Vesperkirche zahlt jetzt jeder, „was er kann“. Auch die Gutscheine sind abgeschafft: ein Erfahrungsbericht über den neuen Bezahlmodus in der Leonhardskirche.

Vesperkirche in Stuttgart Foto: Lichtgut
Vesperkirche in Stuttgart Foto: Lichtgut

Stuttgart - Wenn sie sich gestärkt haben, bleiben viele noch ein bisschen sitzen in der Vesperkirche. Manche rücken auch ein bisschen vor in die Kirchenbänke. Dort sind für sich, machen ein Nickerchen oder lesen Zeitung. Wie aber soll man es nehmen, dass da auch eine „Financial Times“ bereit liegt? Ein Scherz? Eine Werbeschrulle? Den nächsten Firmendeal, Aktienkurse oder sonst wie großes Geld hat hier niemand im Sinn. Jedenfalls liegt die Postille auch Stunden nach Kirchenöffnung noch da wie frisch aus der Druckerpresse. Hier wissen manche nicht einmal, wie sie das Kleingeld für eine warme Mahlzeit zusammenbekommen. Einszwanzig. Einen Euro und 20 Cent. Für einen Brot-Burger mit Lauchgemüse und Kartoffelbrei zum Beispiel, das Samstagessen.

Einszwanzig., das ist der Preis für ein Essen auch im 23. Jahr der Vesperkirche. Zum ersten Mal aber ist das jetzt ein „Richtpreis“. Es wird also nicht mehr abkassiert, sondern eine große Box bereitgehalten, auf der steht: „Jeder gibt was er kann“. Wer früher keine Einszwanzig. hatte, konnte einen Gutschein bekommen.

Mit den Gutscheinen gab es nur Theater

Gertrud hat „einen und mehr reingeschmissen“, Anita exakt einszwanzig. Dorothea findet, dass das „niemanden was angeht“. Die drei älteren Damen treffen sich öfters in der Vesperkirche, seit Jahren. Anita hat sogar noch „den Pfarrer Fritz“ gekannt, den Gründer der Vesperkirche. Jetzt sind sie im Nu im Austausch darüber, was sie vom neuen Bezahlmodus halten sollen. Eigentlich finden sie es gut, während die beiden Männer im Kreis unwirsch abwinken. Dass die Gutscheine abgeschafft wurden, bedauert aber niemand: „Das gab immer Theater“, sagt Anita, „wer gut betteln konnte, hat einen gekriegt, die Ruhigeren haben sich nicht getraut. So ist es besser.“ Gertrud geht es gut jetzt: „Wenn das Essen gut war, fühlt man sich gut. Bis morgen dann.“

Nebenan hat ein 47-jähriger Kraftfahrer das Gespräch mitverfolgt: „Wahrscheinlich nutzen das einige aus“, sagt er. Selbst gibt er „mal einen Euro, mal einsfünfzig, je nachdem, was geht.“ Seit einem Familiendrama wohnt er in einem Caritas-Zimmer und lebt von Hartz IV: „Soll ich den Kopf in den Sand stecken?“, fragt er und gibt selbst die Antwort: „Ich halte mich über Wasser, ich sammle Flaschen.“ Gegenüber sitzt ein Mann, der sich freut, dass da ein Platz frei ist. Leicht lässt sich der 58-Jährige mit ins Gespräch nehmen, auch er ist alleinstehend und arbeitslos: „Ich habe alles versucht. Die lachen mich aus in meinem Alter.“

Mancher lebt vom Flaschensammeln

In der Vesperkirche ist er heute nur wegen der Umstellung: „Ich habe noch 50 Cent gehabt, die habe ich gegeben.“ Wenn er in Vorjahren absolut klamm war, kam er nicht: „Gutscheine? Das war mir peinlich.“ So peinlich wie das Flaschensammeln, zu dem er sich gleich aufmachen wird: „Was will man machen! Wenn es gut läuft, dann gleiche ich das morgen hier aus und gebe ein bisschen mehr.“ Jetzt fühle er sich „ganz gut“. Sowieso sei es „angenehm heute“: „Kein Hundegebell, irgendwie entspannt. Schön, dass man reden kann“, fügt er hinzu, was den anderen Mann zu diesem Satz veranlasst: „Als Menschen sind wir doch soziale Wesen, wollen nicht die ganze Zeit allein sein mit niemandem zum Schwätzen.“

Vom ihrem Bekannten in der Kirchenbank hat die 60-jährige Frau einen Euro fürs Essen bekommen. Vor einem halben Jahr wurde ihre Wohnung in Bad Cannstatt zwangsgeräumt: „Wegen Mietschulden.“ Jetzt schläft sie „im Park“, was sie mit einem sehr tapferen Lächeln erzählt. Sie wendet sich ab, schweift mit den Augen durchs Kirchenschiff, atmet tief durch – und ruft es mehr als dass sie es sagt: „Was ist das für eine Welt! Die einen haben so viel, dass sie kaum wissen, wohin damit, andere nicht mal einen Euro in der Tasche für Essen!“

Ilsa Sontheimer und Christina Kolb sitzen an der Plexiglas-Box: „Wir schauen nicht hin, wir sagen auch nichts.“ Das Häufchen Münzgeld und die paar Scheine dürften kaum den Gegenwert für die 500 Portionen ergeben: „Darauf kommt es dieses Jahr nicht an“, sagt Diakon Martin Pomplun. Zwei verunsicherte Männer lassen sich Besteck geben und gehen durch. Einer kommt zurück, kramt im Geldbeutel und sagt: „Für meinen Bruder auch. Aber morgen gebe ich was.“ Da sagt nun auch Ilsa Sontheimer etwas: „Es ist gut! Lassen Sie sich’s schmecken!“ In der Vesperkirche zahlt jetzt jeder, „was er kann“. Auch die Gutscheine sind abgeschafft: ein Erfahrungsbericht über den neuen Bezahlmodus in der Leonhardskirche.

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