Frau Gönner, am Samstag gab es für den VfB einen 3:0-Sieg bei der TSG Hoffenheim. Warum waren Sie nicht im Stadion?
Ich bin zwar regelmäßig in der MHP-Arena und durchaus auch beim einen oder anderen Auswärtsspiel. Allerdings ist es sicher nicht meine Aufgabe als Aufsichtsratsvorsitzende, bei jedem Spiel zu sein – auch wenn ich ein wenig traurig bin, dass ich am Samstag nicht dabei war.
Zurecht.
Ich weiß, es war, verzeihen Sie die Ausdrucksweise, eine geile erste Halbzeit und ein begeisternder Auftritt.
Sie werden trotzdem mitbekommen haben, was im Stadion passiert ist: Die VfB-Anhänger haben für Heimspiel-Atmosphäre gesorgt, im Fanblock wurde aber auch ein Plakat mit der Aufschrift „Mitglieder verkauft & verraten. Ihr habt zwei Wochen Zeit, diesen Fehler zu korrigieren!“ gezeigt. Wie kam dieses Ultimatum bei Ihnen an?
In dem Moment, als es hochgehalten wurde, war es auch schon als Foto bei mir. Es war damit zu rechnen, dass etwas kommen würde, ich fand die Art und Weise des Plakats so, dass man damit umgehen kann. Ich glaube nach wie vor, dass die Mitgliederrechte beim VfB gewahrt sind – und darum geht es. Nichtsdestotrotz finde ich es völlig nachvollziehbar, dass die Fans mit dem Plakat ihre Sichtweise dargestellt haben.
Fühlen Sie und der Aufsichtsrat sich nun unter Zugzwang, bis zum Spiel am 31. März gegen den 1. FC Heidenheim agieren zu müssen?
Unter Zugzwang sehe ich uns als Gremium nicht direkt. Aber natürlich sind wir im Austausch, unter anderem mit dem Vorstand. Unser aller Interesse ist es, im offenen Umgang mit den Fans alles in einer guten Weise zu lösen, und da gibt es jede Unterstützung von unserer Seite.
Ist denn Präsident Claus Vogt gefordert, an dieser Lösung mitzuarbeiten?
Jeder VfB-Verantwortliche muss sich Gedanken machen, welchen Teil er dazu beitragen sollte. Da nehme ich niemanden aus.
Befürchten Sie, dass die Lage am Ostersonntag eskalieren könnte?
Ich hoffe, dass die Fans das Gesprächsangebot des Vorstands zur Kenntnis genommen haben. Und ich wünsche mir, dass sie die Mannschaft und den Sport außen vor halten und sich andere Möglichkeiten überlegen, wenn sie ihren Protest weiterhin zum Ausdruck bringen wollen.
Claus Vogt hat nach dem Abpfiff am Samstag im Innenraum demonstrativ Kontakt zu Teilen der Fans aufgenommen. Wie fanden Sie das?
Ich habe keine Bilder davon gesehen, deshalb kann ich darüber keine Auskunft geben. Aber der Präsident hat ja immer den Schulterschluss mit den Fans gesucht, ich finde das auch völlig legitim. Es wäre verwunderlich, wenn er das ausgerechnet in dieser Situation nicht tun würde. Darüber hinaus gilt aber auch ein Satz: Dass der VfB mittlerweile 95 000 Mitglieder hat und ich fest davon ausgehe, dass der Präsident die Gesamtinteressen der Mitgliedschaft berücksichtigt.
Claus Vogt hat erklärt, seine Absetzung als Chef des Aufsichtsrates womöglich juristisch prüfen zu lassen. Halten Sie seine Abwahl für anfechtbar?
Ich bin fest davon überzeugt, dass es rechtlich keine Bedenken gibt – auch wenn der Gesamtvorgang wenig Freude hervorruft.
Was denken Sie darüber, dass der Präsident juristische Schritte erwägt?
Ich verstehe, wenn jemand darüber enttäuscht ist, nicht mehr in dem Amt zu sein und wie es dazu kam. Aber niemand im Aufsichtsrat hat diesen Schritt leichtfertig getan. Wir haben Lösungsvorschläge gemacht, die alle nicht zum Erfolg geführt haben. Auch die Möglichkeit, jemand anderen aus dem Präsidium zu benennen, hat bestanden. Diese Vorschläge wurden nicht aufgenommen. Dann wäre die Wahl von mir erst gar nicht notwendig gewesen. Irgendwann sah sich dann die Mehrheit des Aufsichtsrates genötigt, diese Entscheidung zu treffen. Natürlich hat jeder das Recht, diese anzufechten, wenn er der Meinung ist, dass etwas schiefgelaufen ist.
Die Mehrheit des Aufsichtsrates hat Claus Vogt die Eignung abgesprochen, dieses Gremium zu führen. Warum?
Das Vertrauen in eine gute Zusammenarbeit, vor allem dahingehend, dass wir die erforderlichen Entscheidungen zu den richtigen Zeitpunkten treffen, war nicht mehr in der nötigen Art und Weise vorhanden. Deshalb sind wir diesen Weg gegangen.
Ist Claus Vogt als Präsident des VfB Stuttgart noch tragbar?
Das müssen die Mitglieder entscheiden. Aber klar ist natürlich, dass eine lange Hängepartie und offene Fragen nicht hilfreich sind. Sondern dass jeder überlegt, welche Rolle er in der Verantwortung für den VfB übernimmt.
Sie haben erklärt, für die Zukunft gelte weiterhin, dass ein Mitglied des Präsidiums den Vorsitz im Aufsichtsrat innehaben sollte. Bedeutet dies, dass Sie VfB-Präsidentin werden wollen?
Nein. Ich habe keinerlei Ambitionen, ins Präsidium einzuziehen.
Folglich sind Sie eine Aufsichtsratschefin auf Zeit.
Richtig. Ich bin wohl eine Übergangslösung.
Wie lange?
Bis es eine andere Lösung gibt.
Haben Sie als Übergangsvorsitzende einen Gestaltungsanspruch?
Uns ist extrem wichtig, den Vorstand zu unterstützen und in strategischen Fragen zu begleiten, damit der sportliche Erfolg, den wir gerade erleben, dauerhaft gehalten und das Entwicklungspotenzial des Vereins ausgeschöpft werden kann – auf wirtschaftlich solider Basis und mit der sensationellen Emotionalität, die unsere Fans und Mitglieder einbringen.
Was ist zu tun, um aus dem aktuellen sportlichen Höhenflug dauerhaften Erfolg zu machen?
Mit dem Schmieden des Weltmarkenbündnisses ist dem Vorstand in einer schwierigen Zeit etwas in der Bundesliga relativ Einmaliges gelungen. Das bietet eine sehr gute Grundlage. Auf ein solches Ziel zahlen aber auch Geschlossenheit und gute Führung ein. Das müssen wir nun gemeinsam angehen.
Die zweite Tranche, die mit dem Investor Porsche ausgehandelt wurde, fehlt noch. Sind diese 20 Millionen Euro angesichts der Unruhe, die durch den Machtkampf entstand, gefährdet?
Ich habe keinerlei Hinweise, dass dies droht. Aber natürlich ist der Kaufmann erst glücklich, wenn das Geld auf dem Konto ist.
Es gibt Insider, die davon sprechen, dass der VfB mit Porsche einen Knebelvertrag abgeschlossen habe. Wie beurteilen Sie die Vereinbarung?
Ein Knebelvertrag bedeutet, dass der eine ohne den anderen nicht kann und gezwungen wird, etwas zu machen, was er nicht will. Das würde ich auf alle Fälle deutlich zurückweisen. Bei Porsche würde ich auch nicht von einem Investor sprechen, sondern von einem strategischen Partner. Es ist ein Unternehmen, das eine nicht unerhebliche Geldsumme ohne Gewinnerzielungsabsicht in die Entwicklung des VfB setzt. Aus dem, was ich bisher erlebt habe, kann ich nicht erkennen, dass die Vertreter von Porsche anders unterwegs wären als die Vertreter von Mercedes – beide im Interesse des VfB.
Als Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) vertreten Sie auch die Automobilhersteller. In den Aufsichtsrat der VfB AG wurden Sie vom Verein entsandt, um die Mitgliederrechte zu wahren. Kann es da zu Interessenskonflikten kommen?
Wir sind als BDI der Verband der Verbände, machen Interessenvertretung gegenüber der Politik. Ich bin sehr rollenklar, insofern: Ich sehe keinerlei Zielkonflikte.
Der Aufsichtsrat hat eine wichtige Aufgabe zu erledigen – einen Sportvorstand zu finden. Wie weit ist die Suche?
Wir wissen, dass dieses Thema auf der Tagesordnung steht und wollen so rasch wie möglich zu einem Ergebnis kommen. Trotzdem wird es noch ein kleines bisschen dauern.