VfB Stuttgart An der Grenze des Machbaren

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Labbadia, Schneider, Stevens und jetzt auch Veh – sie alle sind beim VfB Stuttgart als Trainer an fußballerische Grenzen gestoßen. Weil es dem Kader an Qualität mangelt.

Es soll wieder aufwärts gehen: Der VfB-Trainer Armin Veh hofft auf mindestens sechs Punkte aus den verbleibenden sechs Spielen bis zur Winterpause. Foto: Getty 12 Bilder
Es soll wieder aufwärts gehen: Der VfB-Trainer Armin Veh hofft auf mindestens sechs Punkte aus den verbleibenden sechs Spielen bis zur Winterpause. Foto: Getty

Stuttgart - Armin Veh nimmt es mit Humor. Vielleicht brauche es ja drei Trainer, um mit dem VfB den Klassenverbleib zu sichern, witzelt er gerne. Ja, vielleicht. Doch in der Führungsetage des Fußball-Bundesligisten lachen sie über diesen Spruch nicht mehr. Zu frisch ist die Erinnerung an die vermaledeite Vorsaison, als es nach Bruno Labbadia und Thomas Schneider schon eines Kraftaktes mit Huub Stevens bedurfte, um die Stuttgarter ans rettende Ufer zu schleppen. Und sollte nicht Veh mit seiner lockeren Art die Last der jüngsten Vergangenheit abschütteln? Das war die Hoffnung, doch die Realität sieht vor dem Heimspiel gegen den FC Augsburg an diesem Sonntag anders aus. Ein Rückblick auf die geleistete Trainerarbeit, die sich noch auf die Gegenwart auswirkt.

Befragt man Bruno Labbadia zur Misere in Stuttgart, dann sind die Antworten klar. Erstens: seine Zeit als VfB-Trainer war eine Erfolgsgeschichte. Zweitens: die Clubspitze hat es versäumt, rechtzeitig in die Mannschaft zu investieren. Drittens: seine intensive Arbeit wurde weder vom Verein noch von den Fans wirklich wertgeschätzt. Einmal hat Labbadia den VfB vor dem Abstieg bewahrt, zweimal in die Europa League geführt und dabei noch im DFB-Pokalfinale in Berlin vorbeigeschaut.

Beim Blick zurück müssen nun selbst die Labbadia-Kritiker einräumen, dass eine solche Bilanz aktuell eine schöne Aussicht wäre. Doch der VfB steht vor den Schlüsselspielen gegen Augsburg und beim SC Freiburg am Tabellenende. Auf mindestens sechs Punkte aus den verbleibenden sechs Partien bis zur Winterpause hofft Veh noch. Das ergäbe 15 Zähler und der Abstand auf die sichere Zone würde nicht zu sehr anwachsen. Rein rechnerisch hätte Vehs Mannschaft dann drei Punkte mehr auf dem Konto als im Dezember 2010, als Labbadia den VfB als Vorletzten übernahm. Eine positive Entwicklungslinie lässt sich jedoch nicht nachzeichnen. Wenn man so will, lässt sich sogar behaupten, dass sich trotz Anstrengungen nichts zum Besseren verändert hat.

Labbadias Kernproblem

Für Labbadia ist das Kernproblem immer auch das Spannungsfeld gewesen, in dem er sich bewegen musste: hohe Erwartungen, geringe Bereitschaft, Verstärkungen zu verpflichten. Als er im Mai 2012 mit den Stuttgartern nach starker Rückrunde den sechsten Tabellenplatz erreichte, da sah er den richtigen Zeitpunkt gekommen, um Qualität dazuzuholen. Die Mannschaft lief so viel wie kaum eine andere, sie zeigte Ehrgeiz und Lernwillen, wandelte aufgrund der Belastungen aber auf einem schmalen Grat.

Doch der Club entschied sich dafür, den Personaletat weiter zu kürzen. Also spielte das Team weiter am Limit, Absturzrisiko inbegriffen. Über der Grenze des Zumutbaren sahen viele Fans den Fußball, der unter Labbadia geboten wurde. Es gab nur biederen Ergebnis- anstatt des versprochenen Erlebnisfußballs, vor allem bei Heimpartien. Mit dem spielerischen Niveau sank die Stimmung im Umfeld weiter. Denn als sich der neu gewählte Präsident Bernd Wahler und der damals frisch erstarkte Manager Fredi Bobic im Juli 2013 dazu entschieden, eine Aufbruchstimmung rund um den Wasen zu verordnen, da spielte die Mannschaft nicht mit. Ausgelaugt rumpelte sie in die Saison. Labbadia hatte alles aus ihr herausgeholt, nichts ging mehr.

Wie eine Befreiung wirkte da der Trainerwechsel zu Thomas Schneider. Ein junges Gesicht, eine andere Ansprache und gleich zwei Erfolge: 6:2 gegen Hoffenheim und 1:0 in Berlin. Es waren die letzten zwei Siege nacheinander, die der VfB seither verbucht hat. Konstanz geht anders. Ein Fakt, der auch Veh umtreibt und den Coach nach einer Stammformation suchen lässt, einer Elf, die sich im Gleichgewicht zwischen Defensive und Offensive befindet.

Schneiders Suche

Schneider erging es nicht anders. Er war bis zur Trennung im März ein Suchender. Er suchte taktische und spielerische Lösungen – und wunderte sich immer wieder über das mangelhafte Abwehrverhalten einiger Profis. Er suchte neue Führungsfiguren – und musste erkennen, dass Talente wie Moritz Leitner und Timo Werner überfordert waren, aber auch erfahrenere Spieler wie Daniel Schwaab und Konstantin Rausch die Erwartungen nicht erfüllten.

So scheiterte der Versuch eine neue Mannschaftsstruktur bei den Stuttgartern aufzubauen. Letztlich musste Schneider wieder auf erfahrene Kräfte wie Martin Harnik und Georg Niedermeier vertrauen, die er zuvor auf die Ersatzbank beordert hatte. Der Mann, der nach dem Prinzip „Erst kommt die Entwicklung, dann fallen auch gute Ergebnisse ab“ arbeitete, hatte sich dem Diktat des Resultats unterworfen.

Zunächst hatte es ein paar Unentschieden zu viel gegeben, dann nur noch Niederlagen. Acht hintereinander, Negativrekord. Dennoch hielten die Verantwortlichen lange an Schneider fest. Weil er als Spieler und Trainer aus den eigenen Reihen stammte. Weil er an die offensive Spielidee des VfB glaubte. Weil er bereit war, bedingungslos auf die Jugend zu setzen. Für Huub Stevens spielte das Alter eines Spielers dagegen keine Rolle. Für den Niederländer gab es nur gut oder schlecht, ,funktioniert‘ oder ,funktioniert nicht‘ – und in der Stuttgarter Mannschaft funktionierte nicht viel, als er seine Rettungsmission antrat.

Stevens’ Wagenburgmentalität

Neuneinhalb Wochen lang verließ Stevens die Stadt nur zu Auswärtsspielen, pendelte ansonsten zwischen Hotel und Trainingsgelände, um die zehn restlichen Auftritte zu bewältigen. Um den Spielern im Abstiegskampf eine Wagenburgmentalität zu vermitteln. „Es war meine anstrengendste Zeit als Trainer“, sagte Stevens. Und als es geschafft war, breitete sich die große Erleichterung beim VfB aus. Doch Stevens knurrte. Er wusste nur zu gut, dass die Stuttgarter vor allem deshalb drinblieben, weil die Konkurrenten am Ende gar nicht mehr punkteten.

Zum Abschied gab er einmal mehr den Hinweis, die Mannschaft zu verstärken. Sich nicht nur auf deren Fleiß zu verlassen. Diesen lobt auch Veh. Doch fußballerisch ist der Meistermacher von 2007 ebenfalls schnell an die Grenze des Machbaren mit diesem Kader gestoßen. Von seiner eigentlich offensiven Spielauffassung hat er sich schon verabschiedet. Pragmatismus herrscht. „Wir brauchen Punkte, um besser schlafen zu können“, sagt Veh.




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