In ungewohnter Deutlichkeit kommunizierte der VfB Stuttgart kürzlich zwei Vorfälle, die sich während des Heimspiels gegen die TSG Hoffenheim (2:3) zugetragen haben. „Bomb die Juden weg“, lautete einer der verbalen Ausfälle eines VfB-Dauerkartenbesitzers, der nicht ohne Folgen blieb. Der Fan bekam sein Saisonticket entzogen und ein Stadionverbot aufgebrummt. Genauso wie ein zweiter Anhänger, der durch rassistische Beleidigungen gegen einen Gäste-Spieler auffällig geworden war.
Eine E-Mail als Auslöser
Dass die beiden überführt werden konnten, lag an der Zivilcourage anderer Fans. Und am dafür vorgesehenen Schutzkonzept namens Dächle, das es seit mittlerweile gut einem Jahr beim VfB Stuttgart gibt. Telefonisch können sich Anhänger vor, während und nach dem Spiel an die Dächle-Nummer 01 51 / 4 53 38 32 wenden, wenn ihnen Formen von Rassismus oder sexueller Belästigung begegnen. Nach dem Hoffenheim-Spiel führte eine E-Mail an das Dächle zur Personalienfeststellung und letztlich zur Überführung der Täter. Gegen sie wurde zudem Strafanzeige gestellt.
Was zeigt, dass das Konzept funktioniert. „Es ist gut, dass wir das Dächle haben“, sagt Antje Büscher-Tittes. Die Fanbeauftragte des VfB ist die Verantwortliche für das Schutzkonzept. Gerade ist sie dabei, ein größeres Awareness-Team mit insgesamt sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufzubauen. Zwei sollen an jedem Spieltag vor Ort und telefonisch erreichbar sein.
„Wichtig, jedem einzelnen Fall nachzugehen“
Was die Bekanntheit des Dächles angeht, gibt es noch Luft nach oben. Derzeit wird es bei jedem Heimspiel beworben. Neben den eingangs geschilderten Fällen von Rassismus verzeichneten die Fanbeauftragten in diesem Jahr zwei Fälle von sexueller Belästigung. In einem Fall wurde eine Frau begrapscht, im anderen Fall spricht Büscher-Tittes von einem „sehr freizügigen Verhalten“. Beides hat sich im Bereich der Haupttribüne zugetragen und nicht etwa in einem der dicht gedrängten Stehplatzbereiche. Beide Male reagierten die Betroffenen umgehend und wandten sich an die Hotline. Die beiden Männer konnten später ermittelt werden.
„Es ist nicht so, dass wir beim VfB ein Riesen-Thema mit sexualisierter Gewalt hätten“, betont die Dächle-Verantwortliche. „Dennoch ist es wichtig, jedem einzelnen Fall nachzugehen.“ Je mehr Bekanntheit das Konzept erlange, umso mehr Fälle würden auch gemeldet, ist sich Büscher-Tittes sicher. Das zeigt die Erfahrung aus anderen Stadien, wo es ähnliche Schutzmechanismen schon länger gibt. Mancherorts, wie etwa bei Hertha BSC, zeigt das Awareness-Team durch pinke Warnwesten richtiggehend Präsenz. In Dortmund und Wolfsburg können Betroffene durch Codewörter diskret Hilfe ersuchen.
Schutzraum für Betroffene
In Stuttgart wurde im Stadion eigens ein Raum für Notfälle eingerichtet. Der Fokus des Awareness-Teams liegt dabei in der psychologischen Betreuung der Opfer und weniger in der Verfolgung der Täter. Im Idealfall geht beides Hand in Hand: Erste Hilfe und die unmittelbare Ermittlungsarbeit durch Ordnungsdienst und Polizei.
Büscher-Tittes legt Wert auf die Feststellung, dass es sich bei der Nummer um ein reines Hilfetelefon und kein Beweistelefon handle. Harmlosere Vergehen wie das Anzeigen von Rauchen im Nichtraucherbereich würden über das Dächle zwar dem VfB-Serviceteam weitergeleitet. Niemand muss deshalb aber fürchten, persönlich belangt zu werden.