Spätestens als sich nach dem Covid-19-Lockdown wieder Fans in den Fußballstadien tummeln durften, hat sich das Thema Ticketing zu einem Großteil in den virtuellen Raum verlagert. Mobile Eintrittskarten, die auf dem Smartphone gespeichert sind, hielten flächendeckend Einzug in den Markt. Die klassischen gedruckten Eintrittskarten sind seitdem auf dem Rückzug. Manche Vereine bieten sie gar nicht mehr an.
Im Kielwasser dieser Entwicklung schossen Ticket-Tauschbörsen oder sogenannte Reselling-Plattformen wie Pilze aus dem Boden. Es gibt sie von professionellen Anbietern oder von den Clubs selbst. Der VfB Stuttgart bietet beispielsweise schon länger eine Zweitmarkt-Plattform an, auf der Fans ihre Karten, die sie selbst nicht nutzen, anderen Anhängern anbieten können. Doch es gibt noch eine dritte Variante. Tauschbörsen, die von Fans für Fans betrieben werden. So wie die „Ticketbörse VfB Stuttgart“ von Matthias Schmidt (39) und Frank Oberdorfer (51). Seit bald zwei Jahren organisieren die beiden VfB-Fans eine Ticketbörse über eine geschlossene Facebook-Gruppe und einen begleitenden Instagram-Kanal. So erreichen die beiden und ihre Mitstreiter rund 20 000 Menschen. Tendenz ständig steigend.
Ticketbörse von Fans für Fans
Angefangen hat alles aus Unzufriedenheit. Denn in anderen Tauschbörsen waren immer wieder auch Betrüger unterwegs. Zudem bietet der Zweitmarkt des Clubs nicht die Möglichkeit, einzelne Tickets zu veräußern, nur Dauerkarten können dort angeboten werden. „Wir wollten eine Lösung, die sauber und fair ist“, sagt Schmidt. „Als wir angefangen haben, gab es viel Hohn und Spott. Schließlich gab es schon viele andere Angebote und man hat uns nicht zugetraut, selbst groß zu werden.“ Doch das gelang. Der Hebel war ihr Einsatz. „Alle Gruppenmitglieder werden vor Aufnahme durch uns so gut es geht gecheckt, auch alle Tickets werden geprüft. Jedes Angebot geht durch unsere Hände. So halten wir die Gruppe möglichst sauber und Betrüger bleiben draußen“, erklärt der Industriekaufmann. Schmidt, Oberdorfer und ihre rund zehn Gruppenadministratoren betreiben einen enormen Aufwand, ohne selbst monetär davon zu profitieren. Tickets wechseln in ihrer Börse ausschließlich zum Originalpreis die Besitzer.
Aber der Aufwand lohnt. „Das Feedback unserer Nutzer ist nahezu ausschließlich positiv“, sagt Schmidt, der zudem betont „immer greifbar zu sein, auch im Stadion.“ Vertreter der Ticketbörse sind bei jedem Spiel vor Ort, auch auswärts. Der Club selbst kennt die Macher und ihr Angebot, Schmidt und seine Mitstreiter werden geduldet – auch, weil alles zu fairen Bedingungen abläuft und sich nachweislich niemand an den Karten bereichert. Es ist also nicht vergleichbar mit dem klassischen Schwarzmarkt, der auch heute noch – wenn auch in deutlich verminderter Form im Vergleich zu früheren Zeiten – vor den Stadien zu finden ist und von den Clubs verfolgt wird. Es ist eher ein Graumarkt, der Angebot und Nachfrage zusammenführt.
Und der zudem noch Gutes tut. „Als es anfing richtig gut zu funktionieren, habe ich mir gesagt, dass muss auch noch anders genutzt werden. Für einen guten Zweck. Wir müssen da was Soziales daraus machen“, so Schmidt. Eine Lösung war bald gefunden. Die Gruppenbetreiber haben vier Tickets pro Heimspiel in Eigenbesitz, die man regelmäßig versteigert. Auch andere Ticketinhaber können ihre Eintrittskarten den Gruppenbetreibern für eine Versteigerung schenken. Ab und an werden auch Devotionalien versteigert, etwa signierte Trikots. Alle so gesammelten Spenden werden transparent gelistet und gehen alle ausnahmslos an das „Blaue Haus“, einen Förderkreis für krebskranke Kinder, der an das Stuttgarter Olgäle angedockt ist.
Ein zu hundert Prozent spendenfinanzierter Verein. Für Schmidt, der selbst eine entsprechende Krankheitsgeschichte hat, ein ganz persönliches Anliegen. Eine fünfstellige Spendensumme konnte so in den knapp zwei Jahren des Bestehens – zum 1. Mai wird die Tauschbörse zwei Jahre alt – schon gesammelt und übergeben werden. „Da sind wir richtig stolz drauf“, bilanziert Schmidt, der sich schon auf die nächste Spendenübergabe freut. Sie soll rund um das zweijährige Jubiläum stattfinden und wird in ihrem Gesamtbetrag größer sein als alle bisher eingesammelten Beträge. Nicht so schlecht für eine private Initiative.