VfB Stuttgart Einfacher als Quantenphysik

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Wie der 2:0-Sieg gegen Darmstadt gezeigt hat, tut der VfB Stuttgart gut daran, sein Spiel nicht zu kompliziert anzulegen. Das gilt nun auch für die Partie am Samstag beim FC Bayern München.

Auf Distanz gehalten: der VfB-Spieler Daniel Didavi (rechts) behauptet sich gegen den Darmstädter Peter Niemeyer. Foto: Baumann
Auf Distanz gehalten: der VfB-Spieler Daniel Didavi (rechts) behauptet sich gegen den Darmstädter Peter Niemeyer. Foto: Baumann

Stuttgart - Die Quantenphysik soll ja eine ziemlich verzwickte Sache sein. So vertrackt, dass selbst Spezialisten immer wieder Schwierigkeiten haben, die Phänomene und Effekte zu erfassen und zu beschreiben. Ähnlich wie im Fußball, könnte man meinen. Doch anders als die Welt der Atome gilt der Fußball als einfach. Zumindest in seinem Kern, wenngleich man zuletzt gerade beim VfB Stuttgart einen anderen Eindruck gewinnen konnte.

Da drehte sich in den Diskussionen viel um Systeme und Modelle, Erfolgswahrscheinlichkeiten und Spielstatistiken – und mittendrin stand Alexander Zorniger, in seinen öffentlichen Seminaren häufig belehrend. Der Cheftrainer verteidigte dabei seine Theorien und Überzeugungen. Mal ausführlich, mal brachial – und nach dem 2:0-Erfolg gegen Darmstadt 98 mit der bemerkenswerten Erkenntnis: „Fußball ist nicht so kompliziert wie Quantenphysik.“

Auf die Leidenschaft kommt es an

Ausgerechnet Zorniger also, der als Paradebeispiel der Trainergeneration Laptop gilt, verweist auf die Einfachheit des Spiels. Ausgerechnet derjenige, der seit einigen Monaten in dem Verdacht steht, den Fußball beim VfB neu erfinden zu wollen, ihn mit seinen Anforderungen und Ansprüchen an die Spieler zu verkomplizieren, ihn gar mit seinem profunden Wissen über Spieldaten und Spielkonzeptionen zu verwissenschaftlichen. Er betont also: „Fußball hat viel mit Willen zu tun, viel mit Einsatzbereitschaft, viel mit Emotionalität.“

Aus dem Munde von Dirk Schuster wäre das nicht nur ein treffender, sondern auch ein erwartbarer Ansatz gewesen. Weil sich die Darmstädter mit ihrem Trainer wie keine andere Bundesligamannschaft auf diese Primärtugenden des Fußballs stützen. Der Aufsteiger spielt so einfach wie möglich: mit weiten Pässen, mit hohem Körpereinsatz, aber durchaus mit dem Charme der alten Schule und einer modernen Kompaktheit in der Defensive, die es den Gegnern schwer macht, gegen sie zu punkten.

Doch auch der VfB tut gut daran, sich eine Mentalität zu erarbeiten, die ihn nicht glauben lässt, fußballerisch über den Hessen zu stehen. „Drinbleiben, dranbleiben, den Gegner zu Fehlern zwingen“: So beschreibt Zorniger seine Vorgabe, die ihn beim Zustandekommen des ersten Treffers (Eigentor György Garics/68.) bestätigte. Der VfB hatte nach einem Freistoß entschlossen nachgesetzt, den Ball am Strafraum der Lilien zurückerobert und sofort auf Angriff umgeschaltet – mit durchschlagendem Erfolg à la Zorniger.

Schwäbisches Kontrastprogramm

Gegenpressing lohnt sich also. Das findet der VfB-Coach grundsätzlich. Er nennt diese Spielweise sogar „alternativlos“, was ihn jedoch nicht davon abhält, immer wieder Anpassungen im Team und an der Taktik vorzunehmen. So bieten die Stuttgarter gerade ein Kontrastprogramm: die guten und erlebnisstarken Begegnungen verlieren sie, die weniger guten und rein ergebnisorientierten Partien gewinnen sie. Siehe Leverkusen (3:4) und Schalke (0:1) oder Hannover (3:1) und Ingolstadt (1:0).

„Ein Fußballästhet muss sich das Darmstadt-Spiel nicht ein zweites Mal anschauen“, sagt Robin Dutt. Der Manager ist weit davon entfernt den dritten Saisonsieg (das 2:0 erzielte Timo Werner in der Nachspielzeit) als „ein Konzeptionswunder zu verkaufen“. Vielmehr ist er erst einmal froh gewesen, dass sich die Stuttgarter auf den Kampf mit den beschränkten Mitteln eingelassen haben – und dass die zwei Gästekonter in der „Dichtmachphase“ (Dutt) nach der Führung nicht gleich wieder zu Gegentreffern geführt haben.

Kein Masterplan gegen den FC Bayern

Ein Gefühl, das der VfB kaum noch kennt, da die meisten Fehler in den vergangenen Wochen direkt bestraft wurden. Ein Gefühl aber auch, auf das er sich nicht zu sehr verlassen sollte. Am allerwenigsten am Samstag in München. Doch bei allem Respekt vor der Klasse des FC Bayern will der VfB nicht schon mit gehisster weißer Fahne in die Arena einfahren. „Wir können schon ein paar Sachen, die den Münchnern weh tun können“, sagt Zorniger.

Sich hinten zu verbarrikadieren, wie es Eintracht Frankfurt beim 0:0 zuletzt vorgemacht hat, gehört allerdings nicht dazu. Weshalb der Trainer weder daraus noch überhaupt einen Masterplan für den Auftritt beim Tabellenführer ableitet. Zu stark, zu flexibel, zu unberechenbar sei der FC Bayern. Auch wenn der 48-jährige Fußballtüftler eine Statistik aus der vergangenen Saison kennt, die seine riskante Spielweise stützt: „Mannschaften, die hoch gegen die Bayern verteidigt haben, kamen eher zu Punkten.“ Doch das ist erst einmal nicht mehr als die graue Theorie.