Die Haare sind schon wieder zu einer modernen Kurzhaarfrisur angewachsen. Und auch der Bart sprießt ordentlich. „Besser als je zuvor“, wie Timo Baumgartl am vergangenen Wochenende lachend im ZDF-„Sportstudio“ berichtete. Aus dem Gesicht des 26-Jährigen strahlte jede Menge Glück, Zuversicht, Lebensfreude.
Die Frage aller Fragen: Warum ich?
Vor einem halben Jahr war die Situation noch eine ganz andere. Der Abwehrspieler von Union Berlin, das am Sonntag (19.30 Uhr) beim VfB Stuttgart antritt, stürzte von jetzt auf nachher ins Bodenlose. Diagnose Hodenkrebs. Nach einer zunächst harmlos anmutenden Routineuntersuchung beim Urologen. Zehn Minuten, die das Leben des Profifußballers auf den Kopf stellten. Statt sich mit der nächsten Trainingseinheit oder dem kommenden Gegner zu beschäftigen, kreisten die Gedanken des Böblingers um andere Dinge. Um nichts weniger als um Leben und Tod.
Eine der ersten Fragen, die sich Baumgartl stellte: Wie lange werde ich noch leben? Gefolgt von: Warum ich? Ich, der topfitte Mittzwanziger, der Profisportler?
Statistisch gesehen ist Baumgartl dabei kein Ausreißer. Hodenkrebs ist gerade bei jungen Männern gar nicht so selten. In der Altersklasse der 25- bis 45-Jährigen handelt es sich sogar um die häufigste Krebsart. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung liegt Hodenkrebs dagegen gerade mal an zwölfter Stelle. Dafür, dass neben Baumgartl in den vergangenen Monaten in Sébastian Haller (Borussia Dortmund), Marco Richter sowie Jean-Paul Boëtius (beide Hertha BSC) drei weitere Fälle von Hodenkrebs in der Fußball-Bundesliga bekannt wurden, gibt es keine wissenschaftliche Erklärung. Weder durch den Sport noch durch beispielsweise begleitend eingenommene Nahrungsergänzungsmittel konnte bislang ein Zusammenhang hergestellt werden. Es war wohl eher ein trauriger Zufall.
„Ich war ein emotionales Wrack“
Hinter Baumgartl, dem Jungen aus Böblingen, der einst beim VfB Stuttgart zum Profi reifte und der von der PSV Eindhoven vor der Saison für ein weiteres Jahr an Union Berlin verliehen wurde, liegen schwere Monate. Operation, Chemotherapie, endlose Aufenthalte in der Onkologie der Berliner Charité. „Ich war ein emotionales Wrack“, sagt er rückblickend. Doch kämpferisch zugleich. Als klar war, dass die Heilungschancen gut standen, ging der Profi seine Krankheit wie eine Fußballer-Verletzung an. Im Blick dabei nur eines: möglichst schnell wieder gesund zu werden – und wieder auf dem Platz zu stehen.
Am 18. September war es dann so weit: Im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg erlebte der Abwehrspieler nach einem halben Jahr seine fußballerische Auferstehung. „Ein überwältigendes Gefühl“, wie Baumgartl sagt. Es wurde nur noch von den Szenen während seiner Auswechslung getoppt: Die Ovationen der Fans im Stehen in der Alten Försterei gingen unter die Haut.
Baumgartl will anderen Mut machen
Denn Baumgartl ist nicht nur Opfer, sondern auch Botschafter seiner Erkrankung: Von Anfang an ging der 25-Jährige offen damit um. Der Wahlberliner wirbt auf allen Kanälen für Vorsorgeuntersuchungen und spricht allen Mut zu, die eine ähnliche Diagnose ereilt hat. „Ich will sensibilisieren, will Vorbild sein. Als Profisportler habe ich eine gewisse Reichweite. Ich möchte den Menschen den Mut geben, dafür zu kämpfen, dass man sein altes Leben zurückhaben kann.“
Baumgartl hat den Kampf gegen den Krebs erst einmal gewonnen. Seither geht er mit einem anderen Blick durchs Leben, sieht vieles gelassener – ob die Staus in Berlin oder eine Niederlage in der Bundesliga. Vergangenen Samstag kassierte seine Mannschaft in Frankfurt die erste in der Bundesliga seit mehr als sechs (!) Monaten. Was nichts daran ändert, dass die Berliner an der Tabellenspitze stehen. Die wollen sie trotz Doppelbelastung durch die Europa League und dem gewonnenen Spiel am Donnerstag in Malmö (0:1) am Sonntag beim VfB verteidigen.
Ob Timo Baumgartl an seiner alten Wirkungsstätte dabei sein kann, war zunächst offen. Am vergangenen Montag wurde er positiv auf Corona getestet. Mittlerweile ist aber klar: Union Berlin kann für das Spiel am Sonntag mit dem Innenverteidiger planen. Das bestätigte Union-Trainer Urs Fischer am Samstag.